POPULISMUS KRITISIEREN

Aktuelle Veranstaltungsreihe der mdw
 

Seit geraumer Zeit haben populistische Diskursstrategien Konjunktur und sind inzwischen vielerorts Teil der Regierungspolitik geworden. Zugleich haben sich die medialen Bedingungen von Öffentlichkeit grundlegend gewandelt und ermöglichen es auf neue Weise, rassistische oder sexistische Ressentiments zu schüren und die Grenzen des Sag- und Denkbaren nach rechts zu verlagern. Unsere Veranstaltungsreihe POPULISMUS KRITISIEREN fragt danach, wie sich gegenwärtigen Diskursverschiebungen nachhaltig begegnen lässt. Wissenschaftler:innen aus verschiedenen Fachgebieten, die an unterschiedlichen Institutionen der mdw forschen und lehren, haben sich mit Unterstützung des Vizerektorats für Organisationsentwicklung, Gender & Diversity für die Organisation dieser Reihe zusammengeschlossen: Gender Studies und Kulturwissenschaft am IKM, Institut für Popularmusik, Institut für Musiksoziologie, Institut für Film und Fernsehen der Filmakademie Wien, mdw-Forschungsförderung und das Zentrum für Weiterbildung. POPULISMUS KRITISIEREN wird zudem in Kooperation mit dem Margherita-von-Brentano-Zentrum für Geschlechterforschung (MvBZ) der Freien Universität Berlin realisiert.
 
Seit Herbst 2020 finden im Rahmen der Vortragsreihe regelmäßig Lectures, Workshops und Podiumsdiskussionen mit renommierten Expert:innen aus Wissenschaft und Kunst statt.

Projektteam
Evelyn Annuß, Ralf von Appen, Sarah Chaker, Mariama Diagne, Andrea Glauser, Therese Kaufmann, Gerda Müller, Dagny Schreiner, Claudia Walkensteiner-Preschl

 

 

Vorschau

19. Mai 2022

Drehli Robnik

Demokratiekritik des Populismus <–> Politiktheorie des Films:
Population / Elevation in Jordan Peeles "Us – Wir" (2019)


Arthousekino, Filmakademie Wien

16.00 Uhr - Filmscreening
18.30 Uhr - Vortrag Drehli Robnik (Moderation: Claudia Walkensteiner-Preschl) 

Anmeldung per Mail (pindeusn@gmail.com) erforderlich

 

02. Juni 2022

Judith Goetz 
Universität Wien

"Postergirls" und "White-Power Barbies". Zur ambivalenten Sichtbarkeit identitärer Frauen

Donnerstag, 02. Juni 2022, 18 Uhr
Großer Seminarraum, E 0101, IKM

 

09. Juni 2022

Cornelia Möser

Paradoxien rechter sexueller Politiken in Frankreich. Populismus oder Opportunismus?

Donnerstag, 09. Juni 2022, 18:00 - 20:00
online, Webex

 

13. Juni 2022

Julia Stenzel
Ludwig-Maximilians-Universität München

DEMAGOGIK UND ISEGORIE. Szenologien von Theater und Politik

Montag, 13. Juni 2022, 18 Uhr 
Großer Seminarraum, IKM

 

03. November 2022

Gabriele Dietze (Workshop)
Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin

Donnerstag, 03. November 2022, 10-18 Uhr
Großer Seminarraum, IKM

Teilnahmekosten: Keine
Bitte um Anmeldung (Anmeldung bis drei Arbeitstage vor Kursbeginn möglich.)

 


 

 

ABSTRACTS

 

Cornelia Möser

Paradoxien rechter sexueller Politiken in Frankreich. Populismus oder Opportunismus?

Seit geraumer Zeit haben populistische Diskursstrategien Konjunktur und sind inzwischen vielerorts Teil der Regierungspolitik geworden. Zugleich haben sich die medialen Bedingungen von Öffentlichkeit grundlegend gewandelt und ermöglichen es auf neue Weise, rassistische oder sexistische Ressentiments zu schüren und die Grenzen des Sag- und Denkbaren nach rechts zu verlagern. Unsere Veranstaltungsreihe populismus kritisieren fragt danach, wie sich gegenwärtigen Diskursverschiebungen nachhaltig begegnen lässt.
Das Margherita-von-Brentano-Zentrum für Geschlechterforschung (MvBZ) der Freien Universität Berlin realisiert dieses Projekt in Kooperation mit dem Institut für Kulturmanagement und Gender Studies der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien (mdw).
Seit Herbst 2020 finden im Rahmen der Vortragsreihe regelmäßig Lectures, Workshops und Podiumsdiskussionen mit renommierten Expert*innen aus Wissenschaft und Kunst statt.

Cornelia Möser, CNRS, Cresppa-GTM, assoziierte Wissenschaftlerin am Centre Marc Bloch

Frankreich ist im letzten Jahrzehnt zum ideologischen Stichwortgeber der europäischen radikalen Rechten geworden. Die rechte Rhetorik scheint mit traditionell frauen- und queerfeindlichen Standards zu brechen, was in der Geschlechterforschung zu zahlreichen Analysen und Diskussionen geführt hat. Der Vortrag stellt zunächst einige Eindrücke rechter sexueller Politiken der letzten Jahre in Frankreich vor, fragt nach dem Neuen und nicht so Neuen an diesen Politiken um anschließend die Paradoxien rechter sexueller Politiken darzulegen. Abschließend wird eine feministische Analyse dieser Politiken angeboten: handelt es sich um rechten Feminismus, um eine rechte oder populistische Instrumentalisierung von Feminismus, oder wie können diese Entwicklungen sonst noch erklärt werden?


Zugangsdaten 
Meeting-Link: https://fu-berlin.webex.com/fu-berlin/j.php?MTID=m99db5d2fadf831eae8813063fb52358d
Meeting-Kennnummer: 2730 501 6823
Passwort: WkkBy8EP5e3
 
Im Anschluss an den Vortrag findet ab 20:30 Uhr ein Get-together im Südblock (U-Bhf Kottbusser Tor) statt.
Wir bitten dafür um Anmeldung unter franziska.lisa-marie.wohlfarth@fu-berlin.de.


Zeit & Ort
09.06.2022 | 18:00 - 20:00
Online-Veranstaltng mit anschließendem Get-together im Südblock
(U-Bhf. Kottbusser Tor)

 

 

Drehli Robnik

Demokratiekritik des Populismus <–> Politiktheorie des Films:
Population / Elevation in Jordan Peeles "Us – Wir" (2019)
  

Ginge es in dieser Film- und Vortragsreihe dem Titel nach um Rechtspopulismus, dann wäre es einfacher: Dieser wäre, als eine Mobilisierungsform anti-egalitärer, sexistischer und rassistischer Politik, "einfach nur" abzulehnen und politisch zu bekämpfen, wohl auch zu analysieren.

Es geht allerdings um Populismus, und der Anspruch der Reihe lautet, ihn zu kritisieren. Da werden die Dinge verwickelter, bzw. fragt sich (auch), was für ein Ding das ist, Populismus, bzw. was "sein Ding" ist, und was für eine Tätigkeit und/oder Sensibilität die Kritik ist, die da mit dem P-Wort zusammengehängt ist. Kurz, es geht um Fragen der Wahrnehmung, der ihrerseits kritischen Wahrnehmung, gegenüber Populismus und den allfälligen Wahrheitsansprüchen und Legitimitätsgrenzen, die mit ihm bzw. in diesem Namen gestellt sind. Und da treten Fragen von Film in den Raum, in den Rahmen, in den Ablauf. (Somit auch einer "Theorie des Films", wie Heide Schlüpmann das nennt.)

Ich möchte zweierlei darlegen und ansatzweise klären: Erstens inwieweit Populismus als politisches Konzept (und "Perzept") ein Feld voller Dynamiken des Verdrehens und Missverstehens eröffnet, ebenso eine Sichtbarkeit (sowie ein Hören von allerlei Geräusch) in Sachen Demokratie, gegenüber ihrem Namen, ihrer Macht- und Ereignisform, ihrem "Abdecken" (im Doppelsinn?) von Gesellschaft und staatlichen Institutionen. Dieses durch Populismus eröffnete Feld ist durch eine Spaltung markiert, durch eine Aufteilung, anhand derer einerseis von Faschismus zu reden wäre, anderseits von radikalisierter Demokratie. (Damit ist auch Radikalität zu verteidigen: Die Hetze der "Querdenker" ist nicht radikal.) 

Zweitens inwieweit Filme eine Kritik, eine Perspektivierung-als-Problematisierung, von Populismus, eines Sinns für "Volk in Bewegung", leisten können, mit all dem Horror, der allein schon solchen Ausdrücken (hierzulande) anhaftet. Kann, wie kann, inwieweit kann (oder kann nicht) Film – Spielfilm; Mainstreamfilm; was (auch) im Multiplex läuft – populus in seinen Spannungen zu demos nicht nur zeigen, sondern wahrnehmen lassen, also auch nicht zeigen und das Zeigen und Bewegen von "Volk" so in Frage stellen? Diese und andere Wendungen ermöglicht, finde ich, Jordan Peeles Thriller Us – Wir mit Lupita Nyong´o (2019) mit seinem Oben und Unten, seinen Spaltungen im Zusammengehängten, seinen Easter Eggs und Motivketten und seiner elevation, die voll auf eleven geht, also aufs Unganze.


Drehli Robnik ist Freelance-Philosoph und Essayist in Sachen Film, Geschichte, Politik. Außerdem Edutainer. Er "lebt" in Wien-Erdberg. Jüngste Monografie: Ansteckkino: Eine politische Philosophie und Geschichte des Pandemie-Spielfilms von 1919 bis Covid-19 (Berlin 2020). Jüngste Herausgaben: Klassen sehen. Soziale Konflikte und ihre Szenarien (Münster 2021); Gewohnte Gewalt. Häusliche Brutalität und heimliche Bedrohung im Spannungskino (mit Joachim Schätz; Wien 2022). Die Monografie DemoKRACy zu Siegfried Kracauers Film-vermittelter Politiktheorie sowie ein Buch zu Film und Faschismus(theorie) sind in Fertigstellung.

 

 

 

Gabriele Dietze

Populismus kritisieren

Inzwischen sprechen wir seit einigen Jahren von ‚Populismus‘ oder Rechtspopulismus. Im Laufe der Zeit sind die unterschiedlichsten Felder aufgetaucht. Einige sind mehr in den Hintergrund getreten, wie die ständige Thematisierung einer islamistischen Bedrohung oder der scheinbar unaufhaltsame Siegeszug rechtspopulistischer Parteien. Neuere Akteur*innen sind dazugekommen wie die Identitären oder die Querdenker*innen und Impfgegner*innen. Will man Populismus kritisieren, muss man sich seine unterschiedlichen Ausdrucksformen ansehen: Wahlslogans, Präsenz in sozialen Medien und Messagediensten, Performances auf Demonstrationen und parlamentarische und juristische Initiativen. Es reicht dabei nicht, sich auf den Populismus an sich zu konzentrieren, sondern man muss auch sein Einsickern in gesamtgesellschaftliche und auch liberale und progressive Diskurse beobachten, z.B. in Reaktionen auf die Silvester-Ereignisse in Köln, den Kampf gegen das Gendern in der Sprache, Polemiken gegen ‚Gutmenschentum‘ und ‚Woke‘-Bewusstsein und Unempfindlichkeit gegen neuen Antisemitismus.

Im Workshop werden ausgewählte Problemkomplexe anhand von theoretischem und visuellen Material betrachtet und Versuche gemacht, Rechtspopulismus mit anderen großen Fragen der Zeit zu verknüpfen: Neoliberalismus, Affektpolitik, Corona-Pandemie und den Bewegungen gegen Rassismus und den Klimawandel. Neben der Lektüre von zwei, drei Aufsätzen werden auch You Tube Propagandavideos, Memes und TV-Ausschnitte Gegenstand der gemeinsamen Arbeit sein. 
 

Gabriele Dietze ist travelling scholar. Sie lehrt und forscht zu Gender, Race, Media, Sexualpolitik und zur Rechtspopulismus in der HU Berlin und am Dartmouth College N.H.. Aktuell ist sie Fellow der Volkswagenstiftung mit dem Corona-Projekt »Quarantine Culture« und regelmäßige Beiträgerin des Gender-Blogs der Zeitschrift für Medienwissenschaft. Publikationen u.a.: Weiße Frauen in Bewegung. Genealogien und Konkurrenzen von Race- und Genderpolitiken, Bielefeld (transcript) 2013; Sexualpolitik. Verflechtungen von Race und Gender, Frankfurt/M. (Campus) 2017; Sexueller Exzeptionalismus. Überlegenheitsnarrative in Immigrationsabwehr und Rechtspopulismus, Bielefeld (transcript) 2019; zusammen mit Julia Roth (Hg.), Right-Wing Populism and Gender in Europe and Beyond, Bielefeld (transcript) 2020.

 


Judith Goetz

“Postergirls” und “White-Power Barbies”. Zur ambivalenten Sichtbarkeit identitärer Frauen

Zahlreiche Medienartikel sind in den letzten Jahren über Frauen* in den Kreisen der Identitären sowie über einzelne Aktivist_innen veröffentlicht worden. Dabei dominierten in der medialen Berichtserstattung trotz jahrzehntelanger Forschung zu diesem Themenbereich Erstauen und Skandaliserungsversuche. Aber auch kritische Auseinandersetzungen beleuchteten die Thematik bislang meist unterkomplex und blieben meist beim Vorwurf stehen, dass selbige Gruppe durch Sexismus und Antifeminismus sowie der Instrumentalisierung von Frauen* und frauen*politischen Themen auffalle. Dass das Engagement von Frauen* in identitären Kreisen auch die Möglichkeit der Selbstermächtigung mit sich bringt, wurde dabei oftmals ebenso übersehen wie die Modernisierung von Geschlechterbildern im Rechtsextremismus samt ihrer zahlreichen anzutreffenden Widersprüchlichkeiten. 
Im Vortrag möchte ich daher diese Leerstelle füllen und aufzeigen, auf welche Art und Weise Frauen* im Kontext der Identitären Sichtbarkeit bekommen. Dafür analysiere ich in einem ersten Schritt, wie identitäre Frauen* in der Öffentlichkeit, allem voran den Medien wahrgenommen werden und versuche darüber hinaus die propagierten Identifikationsangebote für Frauen* in identitären Strukturen zu rekonstruieren. In einem weiteren Schritt soll der Frage nachgegangen werden, über welche politischen Themen Frauen* - sowohl innerhalb der Gruppe als auch in der Außenwahrnehmung - sichtbar werden. Dabei möchte ich anhand des Engagements einzelner Aktivist*innen sowie auch Kampagnen der Gruppe unterschiedliche Formen von Sichtbarkeit aufzeigen. Am Beispiel der gescheiterten Kampagne #120db wird sich dabei einerseits zeigen, dass dies vor allem über die rassistische Adaption von Diskursen rund um die Bedrohung sexualisierter Gewalt durch als migrantisch markierte Männer geschieht. Anderseits wird auch deutlich, dass in der Rezeption des politischen Engagements identitärer Frauen* sexistische Narrative, die Frauen* eher über ihr Äußeres als über ihre politischen Inhalte wahrnehmen und ihnen selbstbestimmtes Handelns absprechen, nicht an Wirksamkeit verloren haben. Abschließend widmet sich der Vortrag daher dem Spannungsfeld der Partizipationsmöglichkeiten von Frauen* bei den Identitären zwischen Instrumentalisierung und Selbstermächtigung. 


Judith Goetz ist Literatur-und Politikwissenschafterin, Rechtsextremismusexpertin und Gender-For-scherin, Mitglied der ,Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit' (FIPU) sowie des Forschungsnetzwerks Frauen und ,Rechtsextremismus. Zuletzt hat sie die Sammelbände „Untergangster des Abendlandes. Ideologie und Rezeption der rechtsextremen ,Identitären'" (2017) sowie den vierten Sammelband der Forschungsgruppe Ideologien und Politiken der Ungleichheit „Rechtsextremismus: Band 4: Herausforderungen für den Journalismus" (2021) mitherausgegeben.

 


Julia Stenzel

DEMAGOGIK UND ISEGORIE. Szenologien von Theater und Politik

Der Begriff ‚Demagogie‘ hat eine wechselvolle Geschichte und ist eng verknüpft mit den Evolutionen demokratischer Staatlichkeit seit der Attischen Polis: Bezeichnet ‚Demagogie‘ zunächst das grundsätzliche Prinzip eines Sprechens des Einen für die Vielen, so erfolgt erst spät eine Konkretisierung im Bild der charismatischen Hetze, die gesellschaftliche Krisenmomente zuspitzt, funktionalisiert oder überhaupt erst konkretisiert. Ausgehend von der Annahme, dass demagogische Momente grundlegend sind für demokratische Kommunikation, will mein Vortrag den Begriff auf dem Umweg über seine Geschichte formalisieren und ein Modell von Demagogik entwickeln, das Praktiken und Taktiken hinter der Figur der: Demagog:in beschreibbar macht. Demagogik ist raumeinnehmend und bildgebend, indem sie ein personales Interface für distribuierte, komplexe Entscheidungsprozesse anbietet: Demagogen entscheiden nicht, sie figurieren Entscheiden.

Demagogen sprechen auf der Agora, der Sammelstelle des Demos von Athen; Demagogos ist, wer hier seine Stimme erhebt und den Demos in Bewegung setzt. Die attische Figur des demagogos ist auf das Prinzip der gleichen Rede, isegoria bezogen: ein Handlungsmodell von Öffentlichkeit, das (anders als der schillernde Begriff ‚Parrhesia‘) für die Philosophie der Moderne nie besonders interessant geworden ist. Das Recht jedes Bürgers, öffentlich vorzutreten und zu sprechen, konkretisiert die Agora als Ort der politischen Szene. Doch Attische Demagogie ist exklusiv. Ihre Agora ist ein Erscheinungsraum, in dem Frauen, Kinder, Metöken und Sklaven nicht vorkommen. Dass ‚Agora‘ zuallererst der Markplatz ist, auf dem Demos und Bevölkerung, die aus der Fremde und die von hier, politische und oiko-nomische Handlungsweisen sich mischen, ist in dieser Redeordnung irrelevant. 

Zurückgelesen auf den ökonomisch-politischen Doppelsinn der Agora impliziert das ison (‚gleich-‘) in isegoria eine grundsätzliche Verunsicherung. Isegoria ist nicht nur das gleiche Rechts aller auf öffentliches Zuwortkommen, sondern auch das Rederecht in einer Gruppe aus Gleichen. Insofern aber impliziert sie Abschließung und Grenzziehung, gar eine Form von Gleichschaltung, die jene ausschließt, die sich dem gemeinsamen Prinzip des je personalen Redens nicht zuordnen.

Das vorgeschlagene Modell von Demagogik als Sprechweise und Verfahren greift diese Verunsicherung auf: Demagogik, so die Argumentation, setzt Grenzräume als Erscheinungsräume voraus, von denen aus sie (teichoskopisch) von einem Außerhalb berichtet und ein angesprochenes Wir stabilisiert. Insofern ist Demagogik ein szenologisches Prinzip. 

 

Julia Stenzel ist  derzeit Vertretungsprofessorin für Theaterwissenschaft an der LMU München und seit 2012 Juniorprofessorin für Theaterwissenschaft an der JGU Mainz. 2019 war sie als Gastprofessorin für Religion und Gesellschaft am FIW Bonn tätig. In ihrer Habilitation (München, 2017) befasste sie sich mit der Transformation des Attischen Theaters im langen 19. Jh. Sie wurde 2007 an der LMU München promoviert, wo sie 2003 ihr Studium abschloss. Stenzel ist Alumna des Jungen Kollegs der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, dem sie 2016 als Sprecherin vorstand. Zusammen mit Jan Mohr (Mediävistik, LMU München) leitet sie seit 2017 ein DFG-Forschungsprojekts zu Oberammergau und seinem Passionsspiel. 2019 kuratierte sie zusammen mit der Michael Cacoyannis Foundation, Athen, unter dem Titel ‚Ancient Theatre and the Political‘ ein internationales wissenschaftlich-künstlerisches Forum. 

Schwerpunkte in Forschung und Lehre:   Theater, Religion und Gesellschaft in globaler   Perspektive,   Theater   –   Medien   –   Theorie,   Modelle   der Theaterhistoriographie; Theater, Literatur und Philosophie im europäischen 19. Jh.,   Pluralisierung   der   Antike   in   der   Moderne,   Theatralität   des Mittelalters und Medievalism. Derzeit Vorbereitung eines Forschungsprogramms zu Demagogik als räumlicher und körperlicher Praxis sowie zur Verflechtungsgeschichte religiöser und ästhetischer Erscheinungsräume in Europa und Iran.