POPULISMUS KRITISIEREN

Aktuelle Veranstaltungsreihe der mdw
 

Seit geraumer Zeit haben populistische Diskursstrategien Konjunktur und sind inzwischen vielerorts Teil der Regierungspolitik geworden. Zugleich haben sich die medialen Bedingungen von Öffentlichkeit grundlegend gewandelt und ermöglichen es auf neue Weise, rassistische oder sexistische Ressentiments zu schüren und die Grenzen des Sag- und Denkbaren nach rechts zu verlagern. Unsere Veranstaltungsreihe POPULISMUS KRITISIEREN fragt danach, wie sich gegenwärtigen Diskursverschiebungen nachhaltig begegnen lässt. Wissenschaftler:innen aus verschiedenen Fachgebieten, die an unterschiedlichen Institutionen der mdw forschen und lehren, haben sich mit Unterstützung des Vizerektorats für Organisationsentwicklung, Gender & Diversity für die Organisation dieser Reihe zusammengeschlossen: Gender Studies und Kulturwissenschaft am IKM, Institut für Popularmusik, Institut für Musiksoziologie, Institut für Film und Fernsehen der Filmakademie Wien, mdw-Forschungsförderung und das Zentrum für Weiterbildung. POPULISMUS KRITISIEREN wird zudem in Kooperation mit dem Margherita-von-Brentano-Zentrum für Geschlechterforschung (MvBZ) der Freien Universität Berlin realisiert.
 
Seit Herbst 2020 finden im Rahmen der Vortragsreihe regelmäßig Lectures, Workshops und Podiumsdiskussionen mit renommierten Expert:innen aus Wissenschaft und Kunst statt.

Projektteam
Evelyn Annuß, Ralf von Appen, Sarah Chaker, Mariama Diagne, Andrea Glauser, Therese Kaufmann, Gerda Müller, Dagny Schreiner, Claudia Walkensteiner-Preschl

 

 

Vorschau

 

03. November 2022

Workshop 

Rechtspopulismus und Weiblichkeit.
Zwischen Emanzipationsverdrossenheit und Neuer Mütterlichkeit

Gabriele Dietze
Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin

Donnerstag, 03. November 2022, 10-17 Uhr
Spiel|mach|t|raum S 02 25, mdw

Teilnahmekosten: Keine
Bitte um Anmeldung (Anmeldung bis drei Arbeitstage vor Kursbeginn möglich.)

 

 

Termin folgt

Julia Stenzel
Ludwig-Maximilians-Universität München

DEMAGOGIK UND ISEGORIE. Szenologien von Theater und Politik 

Großer Seminarraum, E 0101, IKM

 


 

 

ABSTRACTS

 

 

Julia Stenzel

DEMAGOGIK UND ISEGORIE. Szenologien von Theater und Politik

Der Begriff ‚Demagogie‘ hat eine wechselvolle Geschichte und ist eng verknüpft mit den Evolutionen demokratischer Staatlichkeit seit der Attischen Polis: Bezeichnet ‚Demagogie‘ zunächst das grundsätzliche Prinzip eines Sprechens des Einen für die Vielen, so erfolgt erst spät eine Konkretisierung im Bild der charismatischen Hetze, die gesellschaftliche Krisenmomente zuspitzt, funktionalisiert oder überhaupt erst konkretisiert. Ausgehend von der Annahme, dass demagogische Momente grundlegend sind für demokratische Kommunikation, will mein Vortrag den Begriff auf dem Umweg über seine Geschichte formalisieren und ein Modell von Demagogik entwickeln, das Praktiken und Taktiken hinter der Figur der: Demagog:in beschreibbar macht. Demagogik ist raumeinnehmend und bildgebend, indem sie ein personales Interface für distribuierte, komplexe Entscheidungsprozesse anbietet: Demagogen entscheiden nicht, sie figurieren Entscheiden.

Demagogen sprechen auf der Agora, der Sammelstelle des Demos von Athen; Demagogos ist, wer hier seine Stimme erhebt und den Demos in Bewegung setzt. Die attische Figur des demagogos ist auf das Prinzip der gleichen Rede, isegoria bezogen: ein Handlungsmodell von Öffentlichkeit, das (anders als der schillernde Begriff ‚Parrhesia‘) für die Philosophie der Moderne nie besonders interessant geworden ist. Das Recht jedes Bürgers, öffentlich vorzutreten und zu sprechen, konkretisiert die Agora als Ort der politischen Szene. Doch Attische Demagogie ist exklusiv. Ihre Agora ist ein Erscheinungsraum, in dem Frauen, Kinder, Metöken und Sklaven nicht vorkommen. Dass ‚Agora‘ zuallererst der Markplatz ist, auf dem Demos und Bevölkerung, die aus der Fremde und die von hier, politische und oiko-nomische Handlungsweisen sich mischen, ist in dieser Redeordnung irrelevant. 

Zurückgelesen auf den ökonomisch-politischen Doppelsinn der Agora impliziert das ison (‚gleich-‘) in isegoria eine grundsätzliche Verunsicherung. Isegoria ist nicht nur das gleiche Rechts aller auf öffentliches Zuwortkommen, sondern auch das Rederecht in einer Gruppe aus Gleichen. Insofern aber impliziert sie Abschließung und Grenzziehung, gar eine Form von Gleichschaltung, die jene ausschließt, die sich dem gemeinsamen Prinzip des je personalen Redens nicht zuordnen.

Das vorgeschlagene Modell von Demagogik als Sprechweise und Verfahren greift diese Verunsicherung auf: Demagogik, so die Argumentation, setzt Grenzräume als Erscheinungsräume voraus, von denen aus sie (teichoskopisch) von einem Außerhalb berichtet und ein angesprochenes Wir stabilisiert. Insofern ist Demagogik ein szenologisches Prinzip. 

 

Julia Stenzel ist  derzeit Vertretungsprofessorin für Theaterwissenschaft an der LMU München und seit 2012 Juniorprofessorin für Theaterwissenschaft an der JGU Mainz. 2019 war sie als Gastprofessorin für Religion und Gesellschaft am FIW Bonn tätig. In ihrer Habilitation (München, 2017) befasste sie sich mit der Transformation des Attischen Theaters im langen 19. Jh. Sie wurde 2007 an der LMU München promoviert, wo sie 2003 ihr Studium abschloss. Stenzel ist Alumna des Jungen Kollegs der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, dem sie 2016 als Sprecherin vorstand. Zusammen mit Jan Mohr (Mediävistik, LMU München) leitet sie seit 2017 ein DFG-Forschungsprojekts zu Oberammergau und seinem Passionsspiel. 2019 kuratierte sie zusammen mit der Michael Cacoyannis Foundation, Athen, unter dem Titel ‚Ancient Theatre and the Political‘ ein internationales wissenschaftlich-künstlerisches Forum. 

Schwerpunkte in Forschung und Lehre: Theater, Religion und Gesellschaft in globaler   Perspektive, Theater - Medien - Theorie, Modelle der Theaterhistoriographie; Theater, Literatur und Philosophie im europäischen 19. Jh., Pluralisierung der Antike in der Moderne, Theatralität des Mittelalters und Medievalism. Derzeit Vorbereitung eines Forschungsprogramms zu Demagogik als räumlicher und körperlicher Praxis sowie zur Verflechtungsgeschichte religiöser und ästhetischer Erscheinungsräume in Europa und Iran.

 

 

Gabriele Dietze

Workshop: Rechtspopulismus und Weiblichkeit.
Zwischen Emanzipationsverdrossenheit und Neuer Mütterlichkeit 

 

Der Rechtspopulismus ist ein Chamäleon und wandelt sich stetig. Akteur_innen wie die Identitären oder die Querdenker_innen und Impfgegner_innen wie auch Putin-Befürworter_innen sind dazugekommen.

Will man Populismus kritisieren, muss man seine sich wandelnden unterschiedlichen Ausdrucksformen verfolgen: Wahlslogans, Präsenz in sozialen Medien und Messengerdiensten, Performances auf Demonstrationen und parlamentarische sowie juristische Initiativen. Dabei sollte man auch sein Einsickern in gesamtgesellschaftliche liberale und progressive Diskurse beobachten: Dazu gehören Polemiken gegen „politische Korrektheit“ und „Woke“-Bewusstsein sowie Unempfindlichkeit gegen neuen Antisemitismus. Vor allem sollen „Obsessionen“ mit Geschlecht, z.B. der Kampf gegen das Gendern in der Sprache näher betrachtet werden. 

Insofern werden rechtspopulistische Weiblichkeitsvorstellungen im Workshop eine wichtige Rolle spielen und mit anderen großen Fragen der Zeit zu verknüpft werden: Neoliberalismus, Affektpolitik, Corona-Pandemie und wie sie sich auf Bewegungen gegen Sexismus, sexualisierte Gewalt, Rassismus und den Klimawandel auswirken.


Methode Neben der Lektüre von Texten werden YouTube-Propagandavideos, Memes und TV-Ausschnitte Gegenstand der gemeinsamen Arbeit sein. 


Gabriele Dietze ist travelling scholar. Sie lehrt und forscht zu Gender, Race, Media, Sexualpolitik und zu Rechtspopulismus in der HU Berlin und am Dartmouth College N.H.. Aktuell ist sie Fellow der Volkswagenstiftung mit dem Corona-Projekt »Quarantine Culture« und regelmäßige Beiträgerin des Gender-Blogs der Zeitschrift für Medienwissenschaft. Publikationen u.a.: Weiße Frauen in Bewegung. Genealogien und Konkurrenzen von Race- und Genderpolitiken, Bielefeld (transcript) 2013; Sexualpolitik. Verflechtungen von Race und Gender, Frankfurt/M. (Campus) 2017; Sexueller Exzeptionalismus. Überlegenheitsnarrative in Immigrationsabwehr und Rechtspopulismus, Bielefeld (transcript) 2019; zusammen mit Julia Roth (Hg.), Right-Wing Populism and Gender in Europe and Beyond, Bielefeld (transcript) 2020.

Bitte um Anmeldung (Anmeldung bis drei Arbeitstage vor Kursbeginn möglich.)