save the date

Ver_Üben. Diversität als diskriminierungskritische Praxis in Kunst, Kultur und Bildung

Arbeitstagung im Kontext der mdw-Diversitätsstrategie

11. & 12. Mai 2023

Programm & Anmeldung ab Februar 2023

Die Thematisierung von Diversität im Kunst- und Kulturfeld hat in den letzten Jahren im deutschsprachigen Raum deutlich zugenommen. Es gibt Programme, Initiativen und Expert_innen, die sich kritisch mit institutionellen Ausschlussmechanismen, Zugangsbarrieren und transformativen Veränderungen beschäftigen; nicht alles, was unter dem Label Diversität oder „Öffnung“ agiert, ist jedoch einem kritischen Ansatz verpflichtet.
Die Tagung versammelt, diskutiert und reflektiert Ansätze und Perspektiven, die zu einer diskriminierungskritischen und diversitätsreflektierten Kunstausbildung und Arbeitspraxis beitragen.

2017 startete die mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien einen mehrjährigen Prozess zur Entwicklung und Umsetzung einer Diversitätsstrategie: in einem partizipativen Arbeitsprozess mit Lehrenden, Studierenden und Mitarbeiter_innen der Verwaltung wurden Themenfelder identifiziert, die zentrale Wirkungsbereiche von Ungleichheitsverhältnissen und Ein- und Ausschlussmechanismen der eigenen Institution darstellen. Ausgehend von den Feldern „Chancengleichheit bei Zulassungsprüfungen“, „Diversität in Curricula“, „Lehre/Forschung/Weiterbildung“, „Internationales“ sowie „Personal“ sind zahlreiche Maßnahmen entworfen und umgesetzt worden, mit dem Ziel, ausschließende Praktiken und Strukturen abzubauen sowie die Erarbeitung, Vermittlung und Verankerung von diskriminierungskritischem Wissen voranzutreiben. Strategien, wie dieses Wissen in die Institution einfließen und strukturell verankert werden kann – und was es dazu braucht – ist ebenso Teil dieses Prozesses.

Eine kritische Diversitätspraxis setzt bei der Veränderung von Strukturen und der ihnen zugrunde liegenden Machtverhältnissen an ­– dies betrifft Kunsthochschulen und -universitäten ebenso wie die mit diesen Künsten verbundenen Berufsfelder. Es gilt einen Blick auf die inhaltliche und strukturelle Verflochtenheit beider Bereiche zu werfen, sie zusammen zu denken und zu betrachten. Denn bspw. findet die Auseinandersetzung mit dem Wissen, das in den Lehrplänen vermittelt wird, seine Fort- und Umsetzung auf den großen Bühnen der Theater und Konzerthäuser sowie in den zukünftigen Bildungseinrichtungen und -plänen. Die Frage, wer auf den Bühnen stehen kann/darf, hängt mit den Zugangsmöglichkeiten zu professionellem Kunstschaffen zusammen, und Studierende werden von Lehrenden unterrichtet, die selbst oft gleichzeitig im Kunst- und Kulturbetrieb prominent verankert sind. Dies wiederum entfaltet eine dementsprechende Wirkungsmacht und Vorbildwirkung, kann aber auch veritable Abhängigkeitsverhältnisse mit sich bringen. So sind auch die oben angeführten Themenfelder der mdw-Diversitätsstrategie ganz allgemein für den Kunst- und Kulturbetrieb überaus relevant  und können auf diesen angewendet werden.
Gemeinsame Ansatzpunkte und Wirkungsebenen für Veränderungen hin zu einer Umverteilung von Wissen, Gestaltungs- und Entscheidungsmacht sowie zu gleichberechtigteren Zugängen orientieren sich entlang der Ebenen

  • des Zugangs (Wer wird aufgenommen? Wer nimmt (nicht) Teil?),
  • der Wissensbestände und Programmgestaltung (Kanonfrage: Wer/was wird gelehrt? Wer gespielt und ist Teil des Programms?),
  • der diversitätsorientierten Gestaltung von Lehr_Lern-Situationen und des Arbeitsklimas,
  • des Personals und
  • entlang der Fragen von Verteilung von Ressourcen (Geld, Zeit, Räumlichkeiten, Zugang zu Informationen, etc.).

Welches Wissen soll an den Kunsthochschulen gelernt und gewusst werden? Wer ist Teil des „klassischen“ Kanons – in der Unterrichtspraxis wie auf der Bühne? Welche Erfahrungen, welche Körper werden anerkannt oder ver_andert? Wer fühlt sich in welchen Situationen wohl und sicher? Wer ist in welchen Rollen repräsentiert und welche Geschichten werden aus welchen Perspektiven erzählt? Welchen Blick verfolgt die Kamera? Wie wird über Macht, Ausgrenzung und Diskriminierung auf und hinter der Bühne gesprochen? Wie spiegelt sich die gesellschaftliche Pluralität in der Zusammensetzung des Personals wider? Welche Lebensrealitäten sind normbildend für Curricula, Spielpläne, in der Organisation? Für wen soll etwas verändert werden?

Es sind diese komplexen Fragestellungen vor dem Hintergrund der strukturellen wie personellen Verknüpfungen zwischen künstlerischen resp. künstlerisch-wissenschaftlichen (Aus-)Bildungskontexten und dem Kunst- und Kulturbetrieb, die diese Tagung aufgreift und kritisch diskutiert. Mit einem Fokus auf die Ausbildungsdisziplinen an der mdw – Musik, Theater und Film – steht folgende Frage im Zentrum: Welche erprobten Strategien, tragfähigen Handlungsansätze oder gescheiterten Maßnahmen gibt es, die zu einer diskriminierungskritischen und diversitätsreflektieren Perspektive und Haltung beitragen? Darüber hinaus fließen die aus dem Diversitätsstrategieprozess gewonnenen Erfahrungen und die dabei aufgetauchten Herausforderungen und Hürden selbstkritisch in das Programm mit ein. Aufbauend auf bisherigen Ansätzen und Arbeiten will die Tagung zu einem Austausch und zur Vernetzung von Personen, Initiativen und Institutionen sowie zur Wissensentwicklung praxisorientierter Expertisen im deutschsprachigen Raum anregen und gemeinsam an Veränderungsansätzen und Handlungsperspektiven weiterarbeiten.

Der Ansatz der „Kritischen Diversität“ setzt Diversität in einen machtanalytischen und diskriminierungskritischen Kontext. Dieser dient – so Maisha Auma – als analytische Kategorie und herrschaftskritisches Instrument, um Macht- und Ungleichheitsverhältnisse in den Blick zu nehmen.  
Diversität als diskriminierungskritische Praxis bedeutet, über Diskriminierung zu sprechen und diese als tief verwurzelt in internalisierte Wissensbestände und gesellschaftlichen Strukturen zu verstehen. Sexismus, Rassismus, Klassismus, Ableismus, Lookism und weitere Diskriminierungsformen wirken dabei über Stereotype, Vorurteile und gesellschaftliche Normen auf individueller, struktureller, organisationaler und gesellschaftlicher Ebene zusammen und sind intersektional miteinander verwoben.

Dies erfordert, Wissen zu erlangen über Differenz- und Diskriminierungserfahrungen sowie anzuerkennen, dass Diskriminierung alle Menschen angeht. Machtverhältnisse sind historisch gewachsen und in unsere Denk- und Handlungsweisen eingeschrieben – in Kanons, Büchern, Filmen,  Musik, Bildungsangeboten und Kulturprogrammen. Wissen und Macht sind dabei ungleich verteilt und beeinflussen, erleichtern oder erschweren den Zugang zu bestimmten gesellschaftlichen oder beruflichen Positionen, zu Kunstausbildung und Kulturinstitutionen. Dies führt zu bislang häufig noch unbenannten Privilegien oder spürbaren Benachteiligungen und prägt die Vorstellung über die eigene Imaginationskraft von Ausbildungs- und Karrieremöglichkeiten.
Es erfordert darüber hinaus weiteres Wissen, was in der Praxis zu tun ist – welche Handlungsperspektiven und Maßnahmen sich in Hinblick auf eine diskriminierungskritsche, diversitätsorientierten Arbeit ergeben.

In Zusammenhang mit Fragen von Diversität lenkt hierbei das von Melissa Steyn entwickelte Konzept der „Critical Diversity Literacy“ – als „Set an analytischen Fähigkeiten, mit denen mensch die vorherrschenden Beziehungen sozialer Unterdrückung erkennen, über sie nachdenken und sie unterbrechen kann“ (Steyn; Dankwa 2021, 56) –  noch einmal den Blick verstärkt auf die konstitutive Bedeutung von Macht. Mit der ihr inhärenten Kapitalismuskritik, leistet die Critical Diversity Literacy einen wesentlichen Beitrag zu einem Verständnis kritischer Diversitätspraxis, das notwendig ist, soll Diversität nicht entpolitisierend, „happy“ (Ahmed 2012) und harmonisierend wirken.

In der kritischen Arbeit mit Diversität geht es also darum, die eigene Involviertheit in Machtverhältnisse zu erkennen und zu reflektieren, sich kritisch mit eigenen Wahrnehmungsmustern, Normen und Bildern auseinandersetzen, mit unhinterfragten Selbstverständlichkeiten sowie Strukturen und Prozesse auf ihre Ein- und Ausschlüsse, ihre Regeln und Abläufe zu überprüfen. Selten geht es dabei um die Anderen, sondern in erster Linie um eine bewusste Auseinandersetzung mit sich selbst und der Welt.

Der persönliche Anspruch, diversitätsorientiert, in der Bedeutung von diskriminierungskritisch und intersektional, zu handeln und Zugang zu kritischem Wissen zu ermöglichen, ist immer auch in Widersprüchlichkeiten und Ambivalenzen verstrickt, die miteinander unvereinbar erscheinen: der politische Wille einer sozial gerechten Welt in einer von neoliberalem Ökonomisierungsdruck, Meritokratie und Prekarisierung geprägten Bildungs-, Kunst- und Kulturlandschaft, die mit einem „happy face of diversity“ (Ahmed) einer Kommodifizierung von Differenz Vorschub leisten. „Diversity“ und Öffnungsprozesse bleiben in diesem Sinne nichts mehr als leere „Verkaufsmythen“ (Gutiérrez-Rodríguez; Kien; Hutta; Kessé; et al. 2016).
Diese Gefahr erschwert die Arbeit von Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsverantwortlichen, von Aktivist_innen und engagierten diskriminierungskritischen sowie -erfahrenen Expert_innen, eine kritische, politische und strukturelle Auseinandersetzung mit Fragen von Diversität und Diskriminierung, ein Umverteilen von Wissen, Macht und Ressourcen und ein Ver_Lernen gewohnter Selbstverständlichkeiten, Praktiken und Wissensbestände voranzutreiben.

Wo Macht ist, gibt es auch Widerstand“ (Foucault) – Bildungsinstitutionen sowie Kunst- und Kulturräume reproduzieren Macht- und Herrschaftsverhältnisse und hegemoniales Wissen, zugleich sind sie machtvolle Orte für Kritik und Widerstand. Ausgehend von diesem permanenten Bewegen, Jonglieren und Ausverhandeln von Anspruch (persönlich/institutionell) und Wirklichkeit geht es letztlich auch darum, diese Orte als Potentiale des Lernen und Ver_Lernerns zu verstehen sowie die ermöglichenden Implikationen im eigenen Wirkungsbereich zu erkennen. In Anlehnung an Sara Ahmed ist es deshalb wichtig, die Performativität von Diversitätspolitiken zu stärken, damit ihr diskriminierungskritisches Potential im konkreten Handeln nicht verloren geht, sich vielmehr entfalten kann.

 

Literatur

Ahmed, Sara (2012). On Being Included. Racism and Diversity in Institutional Life. Durham, Duke University Press

Eggers, Maisha Maureen (2001). Diversity/Diversität. In: Arndt, Susan/Ofuatey-Alazard, Nadja (Hg.), Wie Rassismus aus Wörtern spricht. Münster: Unrast Verlag, 256-263.

Gutiérrez-Rodríguez, Encarnación; Nghi Ha, Kien; Hutta, Jan; Kessé, Emily Ngubia; Laufenberg, Mike; Schmitt, Lars (2016). „Rassismus, Klassenverhältnisse und Geschlecht an deutschen Hochschulen. Ein runder Tisch, der aneckt.“ In: sub\urban. zeitschrift für kritische stadtforschung, Heft 2/3, 161-190, https://zeitschrift-suburban.de/sys/index.php/suburban/article/view/262

Mayer, Ulrike (2020). Der Ansatz ‚Kritischer Diversität‘ am Beispiel der Diversitätsstrategie der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, ZDfm – Zeitschrift für Diversitätsforschung und -management, 1-2020, 76-82,
https://www.budrich-journals.de/index.php/zdfm/article/view/35175/30100

Schütze, Anja; Maedler, Jens (Hg.) (2017). weiße Flecken. Diskurse und Gedanken über Diskriminierung, Diversität und Inklusion in der kulturellen Bildung. München: kopaed.

Steyn, Melissa; Dankwa, Serena O. (2021). „Revisiting Critical Diversity Literacy“ in: Dankwa, Serena O.; Filep, Sarah-Mee; Klingovsky, Ulla; Pfruender, Georges (Hg.) (2021). Bildung. Macht. Diversität. Critical Diversity Literacy im Hochschulraum. Bielefelt: Transcript, S. 39-58