Musikerfamilien: Konstellationen und Konzepte

Projektleitung: Melanie Unseld


Musikerfamilien prägten und prägen die europäische Musikkultur in hohem Maße: Auffallend viele Musikerinnen und Musiker gehörten und gehören bis heute zu zum Teil weitverzweigten und oft mehrgenerationellen Familien. Die schiere Quantität des Phänomens ist beeindruckend – Namen von Couperin, Bach, über Schumann/Bargiel, Wagner bis Lasker‑Wallfisch oder Bartolomey kommen ad hoc in den Sinn, viele weitere wären zu nennen. Aber auch die Vielfalt von Musikerfamilien ist groß: In manchen steht eine Profession im Zentrum, so etwa bei den „großen Namen“ des italienischen Geigenbaus, in manchen wechseln (musikbezogene) Berufe und Professionen von Generation zu Generation.

So vielfältig damit das Phänomen ist: Musikerfamilien waren und sind immer auch von allgemeinen Vorstellungen des Familialen geprägt. Diese freilich haben sich im Verlauf der Geschichte immer wieder verändert, nicht zuletzt im Zusammenhang mit allgemeinen gesellschaftlichen, politischen und juridischen Diskursen. Auch strukturelle Veränderungen in der Musikkultur nahmen Einfluss auf Musikerfamilien und ihre Handlungsspielräume. So löste sich beispielsweise mit dem Zurücktreten der höfischen Musikkultur auch die Idee der Hofmusikerfamilien auf, nicht ohne neue Formen des Familialen hervorzubringen. Eine historisch-kritische Differenzierung des Begriffs „Musikerfamilie“ bildet somit eine wichtige Grundlage des Forschungsprojekts.

Zu den Forschungsperspektiven des Projekts gehören darüber hinaus zwei grundlegende Beobachtungen zum Phänomen Musikerfamilien:

1) Ausbildungszentren avant la lettre

Bevor ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert die Institutionalisierung der Musikausbildung verstärkt einsetzte, waren Musikerfamilien der Nukleus musikalischer Ausbildung. Daher sind Konzepte des Familialen in der Musik eng mit der Frage verbunden, wie Professionalisierung in der Musikkultur gedacht und gelebt wurde. Gerade aber hier dehnt sich der Begriff des Familialen: Wer gehörte zur Musikerfamilie? Welche Modelle der Zugehörigkeit waren denkbar? (Wie) grenzten sich diese Zugehörigkeiten zu anderen Formen von Gruppen oder Netzwerken wie Schulen, Förderstrukturen, Institutionen etc. ab?

2) Mobilität und fluide Modelle der Zugehörigkeit

Angesicht der notwendig hohen Mobilität von Akteur_innen der Musik konnte die Zugehörigkeit zu einer Musikerfamilie öffentliche Aufmerksamkeit, Erfolg, ästhetische Zugehörigkeiten u.a.m. markieren und auch über Distanzen hinweg gekennzeichnet und erworben werden, so dass die Idee des Familialen zu einem zentralen Bestandteil künstlerischer Selbstverortungsstrategien gehörte. Zugleich bot sich das Konzept des Familialen an, Ensemble-Strukturen zu etablieren, die aus der Vorstellung einer gemeinsamen „Familie“ auch ästhetischen, ökonomischen oder anderen Mehrwert bezog.


Für das Gesamtprojekt sind zwei Praedoc-Stellen ausgeschrieben, die jeweils ein Fallbeispiel, d.h. eine Musikerfamilie, bearbeiten sollen. Wenn Sie sich für eine der Praedoc-Stellen interessieren, reichen Sie bitte ein Exposé (ca. 3 Seiten) zu einem Fallbeispiel Ihrer Wahl ein. Sie können sich dabei auf eine der beiden oben skizzierten Forschungsperspektiven beziehen.

Die Bewerbungsfrist wurde bis 9. September 2022 verlängert.

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