Archivalie des Monats – Dezember 2018


Sängerhalle im Prater für das 10. Deutsche Sängerbundesfest 1928


Diese Archivalie gehört zu einem Bestand mit Materialien zum 10. Deutschen Sängerbundesfest, das mit großem Aufwand vom 19. bis 23. Juli 1928 in Wien veranstaltet wurde. Es wird berichtet, mehr als 100.000 Menschen aus dem In- und Ausland hätten daran teilgenommen. Im „Schubertjahr“ stattfindend, stand es im Zeichen dieses Komponisten, wurde aber auch als politische Anschluss-Kundgebung genützt - was damals auf einen breiten Konsens stieß - sowie als Werbung für den Tourismus.

Sängerhalle

Die hier gezeigte Fotografie wurde sehr aufwendig von der Österreichischen Luftverkehr A. G. von einem erhöhten Standpunkt aus gemacht. Die Form des Panoramabildes ermöglicht eine Vorstellung von der gewaltigen Größe der damals beteiligten Menschenmasse und von der riesigen Dimension der Halle. Allein die Tribüne war für etwa 40.000 Sänger konzipiert. Sie sind hier im Vordergrund abgebildet und nehmen einen Großteil des Bildes ein. Der (Haupt)Dirigent stand auf einem Holzturm, der in der Mitte des Bildes zu sehen ist. Die Konstruktion der Halle erweckte offensichtlich großes Interesse und wurde in den Medien detailreich geschildert. Dabei wird nicht selten in Superlativen von der „größten Halle der Welt“, dem „Konstruktionswunder“, dem „Erfolg der technischen Wissenschaften“ berichtet. Besonders stolz zeigte man sich auf die neuen technischen und medialen Möglichkeiten, insbesondere auf die als Sensation empfundene direkte Rundfunkübertragung durch diverse österreichische und deutsche Sender.

Postkarten wie diese wurden in großen Mengen als Andenken eines spektakuläres Sängerfest gekauft. Der Deutschen Sängerbund zeigt sich hier als eine wichtige (kultur)politische Institution. Österreich wird einerseits als ein traditionelles „Musikland“, andererseits aber auch als modern und innovativ präsentiert.

 

November 2018


Von der Breite des Alltags
 

Diese Archivalie ist aus dem Notenbestand einer Blasmusikkapelle aus der Industrieregion der Obersteiermark in unser Archiv gelangt. Das hier vorliegende vierzehnstimmige Arrangement aus der Feder eines Kapellmeisters J. Bachinger ist mit 13. Mai 1894 datiert und kombiniert einen Marsch zu Ehren Ferdinand Lassalles (als Komponist ist auf einzelnen Stimmen ein R. Stoller angegeben) mit einem genretypischen Liedermarsch, dem Gigerl-Marsch von Josef Franz Wagner (1856 – 1908), ein bekannter Militärkapellmeister der k. u. k. Monarchie. Die symbolische Indienstnahme von Ferdinand Lassalle war auch in der österreichischen Sozialdemokratie verbreitet. Das wie selbstverständlich auftretende Nebeneinander von „Bekenntnis“ und „Unterhaltung“ – im musikalischen Stil sind keinerlei Unterschiede festzustellen – kann als exemplarisches Schlaglicht gelesen werden, das die Alltagsrealität der Musikpflege im parteipolitischen Zusammenhang der Jahrhundertwende beleuchtet.

Gigerl Marsch (v. Wagner) Datiert 13.05.1894