Charlotte Salomons "Leben? Oder Theater?". Ein Bilderzyklus als Partitur

 

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Als Charlotte Salomon (1917–1943) in einer Melange aus künstlerischem Schaffensdrang, autobiographischer Selbstreflexion und Kunsttherapie auf 1325 Gouachen "Leben? Oder Theater?" zu Papier brachte, war dies in mehrerer Hinsicht ein Parforce-Ritt: Salomon setzte sich mit den jüngsten Ereignissen im französischen Exil auseinander – ihrer Internierung im Lager Gurs, dem Suizid ihrer Großmutter und der ständigen Bedrohungslage im von den Nationalsozialisten besetzten Frankreich – aber auch mit ihrer Familiengeschichte: die Geschichte einer assimilierten jüdischen Familie in Berlin, in der zwischen bürgerlichem Selbstverständnis und einer dunklen Seite der Familiengeschichte eine tiefe Kluft des Schweigens lag – und nicht zuletzt mit ihrer künstlerischen Position: als junge Künstlerin einer bedrohten europäischen Kulturlandschaft, als Malerin inmitten einer musischen Familie, umgeben von Gesang.

Dass Salomon ihren Bilderzyklus die Gattungsbezeichnung "Ein Singespiel" gab, ist bislang eher irritiert als interessiert wahrgenommen worden. Theatrale Elemente – ja! Immerhin trägt der Bilderzyklus den Theaterbegriff im Titel. Aber Musiktheater? Musik spielt bei genauerer Betrachtung allerdings eine auffallend zentrale Rolle im Bilderzyklus "Leben? Oder Theater?". Insbesondere das Singen ist zentral: Singen als Kunst, als Performance, als Ausdruck, als Selbstentäußerung und nicht zuletzt als Initiation für Erinnerung.

Nachdem der Bilderzyklus und die mit ihm (fast) untrennbare Lebensgeschichte der Charlotte Salomon mehrfach vertont, verfilmt, choreographiert und nacherzählt wurde (u.a. Charlotte Salomon, Oper von Marc-André Dalbavie/Komposition, Barbara Honigmann/Libretto, Luc Bondy/Regie, UA: Salzburg 2014), nimmt dieses Projekt erstmals die Gattungsbezeichnung von "Leben? Oder Theater?" ernst: Es geht dem künstlerisch-wissenschaftlichen Projekt nicht um eine Vertonung, sondern um eine experimentelle Fragestellung: (wie) lässt sich "Leben? Oder Theater?" als Sing(e)spiel auffassen? (Wie) kann der Bilderzyklus als Partitur gelesen und sogar aufgeführt werden?

Das künstlerisch-wissenschaftliche Projekt, gefördert durch den AR-Call der mdw, bündelt Kompetenzen aus den Bereichen Gesang, Komposition, Regie und Musikwissenschaft. Ziel ist es, "Leben? Oder Theater?" nicht nur als Bilderzyklus visuell, nicht nur in Auseinandersetzung mit der Geschichte der Charlotte Salomon intellektuell, sondern im Genre des Singespiels multisensorisch erfahrbar zu machen.

Skizze © Melanie Unseld

 

Beteiligte

Rumen Dimitrov, Nadja Kayali, Johannes Kretz, Elisabeth Reda (Oldenburg), Roman Tronner, Melanie Unseld, Martin Vácha; Kunstwissenschaftliche Beratung: Evelyn Benesch

 

Weiterführende Links und Literatur (weiterführende Bibliographie)

https://charlotte.jck.nl/section

Den Bildern zuhören. Charlotte Salomons "Leben? Oder Theater" in Wort, Bild und Musik, Hannover 2005

Judith C. E. Belinfante und Evelyn Benesch: Charlotte Salomon. Leben? Oder Theater?, Köln 2017

Judith Herzberg: Charlotte Salomon. Leben oder Theater? Ein autobiographisches Singspiel in 769 Bildern, Köln 1981

Melanie Unseld: "Die eigene Biographie als Singespiel – Zur Musik in Charlotte Salomons Le­ben? oder Theater?", in: Musik und Biographie. Festschrift für Rainer Caden­bach, hg. von Cordula Heymann-Wentzel und Johannes Laas, Würzburg 2004, S. 443-461

Melanie Unseld: "(Nicht)verortet. Transkulturelle Mehrfachzugehörigkeiten in Charlotte Salomons Leben? Oder Theater?", in: Dagmar Freist, Sabine Kyora und Melanie Unseld (Hg.): Transkulturelle Mehrfachzugehörigkeit als kulturhistorisches Phänomen. Räume - Materialitäten - Erinnerung, Bielefeld 2019, S. 141-152

Julia Watson: "Autobiography as Cultural Performance. Charlotte Salomon’s Life? Or Theatre?", in: Sidonie Smith und Julia Watson (Hg.): Interfaces. Woman, Autobiography, Image, Performance, Ann Arbor 2002, S. 342-382