Klavierwettbewerbe im Kalten Krieg: Institutionelle Logiken in kulturpolitischen Kontexten

Projektleitung: Bianca Schumann
Laufzeit: 08/2026–07/2029
Finanzierung: FWF (ESP4700625, ESPRIT-Programm)

Abstract

Beim Kalten Krieg handelte es sich nicht ausschließlich um eine traditionelle politisch-militärische Konfrontation, sondern zudem um einen ideologischen Wettkampf, der sich auf eine Vielzahl gesellschaftlicher Bereiche erstreckte. Weil eine direkte militärische Begegnung aufgrund der beidseitig verfügbaren Atomwaffen für beide Supermächte potentiell vernichtend gewesen wäre, waren diese gezwungen, auf alternative Konfrontationsräume auszuweichen. Im Zuge der Etablierung dieser alternativen Schauplätze erfuhren nahezu alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens politische Bedeutung. Der langjährige Wettkampf zwischen kapitalistischen und kommunistischen Systemen war ein einzigartiges historisches Phänomen, in dem sich beide Weltmächte gezwungen fühlten, ihre kulturelle Überlegenheit zu demonstrieren, um so die Anerkennung der Öffentlichkeit zu gewinnen. Der ‚heiße Krieg‘ wurde damit vielfältig durch einen kulturellen Wettstreit ersetzt, in dem auch Kunst, Ästhetik und kulturelle Institutionen zu Instrumenten kulturpolitischer Auseinandersetzungen wurden.

Vor diesem Hintergrund setzt sich das Projekt „Klavierwettbewerbe im Kalten Krieg“ die Erforschung der Einflussgröße des Ost-West-Konflikts auf drei Klavierwettbewerbe zum Ziel, die zwischen 1950 und 1990 in regelmäßigem Turnus in der DDR, BRD und Österreich ausgetragen wurden. Dabei handelt es sich um den Internationalen Johann-Sebastian-Bach-Wettbewerb (Leipzig, DDR), den Internationalen Musikwettbewerb der ARD (München, BRD) und den Internationalen Beethoven Klavierwettbewerb (Wien, Österreich).

In Rückkopplung an einige markante historische Ereignisse untersucht das Projekt, wie sich Veränderungen des politischen Kontextes auf institutionelle Strukturen der Wettbewerbe sowie auf die Handlungsspielräume und -entscheidungen der beteiligten Akteur:innen auswirkten. Grundlage dafür bildet das zu den Wettbewerben reichhaltig vorhandene historische Quellenmaterial. Dieses beinhaltet neben Korrespondenzen mit politischen Funktionär:innen, Teilnehmer:innen und Jurymitgliedern auch Ausschreibungs- und Werbematerialien, interne Positionspapiere, Sitzungsprotokolle diverser Gremien, Presseaussendungen, Abschlussberichte, Festschriften und Statuten.

Die Aufarbeitung der bislang Archivbestände der drei internationalen Klavierwettbewerbe lässt ausdifferenzierte Erkenntnisse zur Qualität und Reichweite der Einflussgröße des Systemwettstreits im Kalten Krieg auf kulturelle Praktiken in künstlerisch-performativen Kontexten erwarten. Das Projekt erschließt damit ein bislang unerforschtes kulturhistorisches Kapitel an der Schnittstelle von Musikwissenschaft, Zeitgeschichte, Musiksoziologie und

Politikwissenschaft und leistet damit einen Beitrag zu einem besseren Verständnis der Wechselwirkungen zwischen politischem Kontext, kulturellen Institutionen und kulturellem Handeln.