Musical Crossroads. Transatlantic Cultural Exchange 1800-1950



Projektleitung: Melanie Unseld
Mitarbeiter/in: Carola Bebermeier und Clemens Kreutzfeldt
Projektlaufzeit: 2019–2021
Finanzierung: FWF

 

"As it is already known, artists (except mechanical) are among the people [in the USA] who are least in demand, and in recent times have even been cautioned against immigration." That is how critical a journalist of the German Allgemeine musikalische Zeitung in 1820 still viewed career opportunities for European musicians in the "New World", the United States of America. The author, who was positioned in the European music culture system, which was sponsored by courtly, bourgeois, and sacred institutions, could hardly imagine that European artists would be able to find a place in society and financial subsistence in this young nation. A glance at the development of North American music institutions, of which the starting point was predominantly situated in the second half of the nineteenth century, would seem to vindicate this assertion in the German periodical. The establishment of North American music culture did not take place at Carnegie Hall nor at New England Conservatory, but rather in pre- institutional spaces that were previously granted little consideration, whereby immigration from as well as cultural exchange with the “old world”, played a prominent role. If one changes the spatial focus, then even at the beginning of the nineteenth century, an awakening music culture, where musicians could indeed gain economic success, comes to light.

For many years the exploration of cultural exchange has experienced an upsurge in the fields of the humanities and cultural studies. With transatlantic spaces, the research project will forge paths into previously unexplored territory in terms of geopolitical space, and thereby turn the focus on pre-institutional spaces and the agents of music-cultural practices. In particular, two pre-institutional spaces, which had particular relevance as hubs of communication, exchange, and cultural transfers, come to the fore: music stores (with regard to the period 1800-1850) and music salons (with regard to the period 1880-1950). The project proceeds under the assumption that the two selected spaces virtually represent prototypical spaces of music- related cultural transfer in the periods under consideration. Both the music trade and socializing in salons provided impetus for the musical culture of North American cities, and they were central points of contact for incoming musicians. Here, music-related knowledge was informally exchanged, as were concrete artifacts (e.g. sheet music, instruments, etc.), and networks were also established. These focal points close gaps in the history of music: although it can be regarded as one of the most important prerequisites for the musical life there, the music trade in the US as a space of cultural transfer has not been considered in a research setting until now, and the North American music salon, despite active research of European salon culture in general, has so far not been a subject of academic examination.

 


[Projektbeschreibung deutsch]
"Künstler (mechanische ausgenommen) gehören bekanntlich unter die Menschen, die man dort [USA] am wenigsten brauchen kann, und in neuester Zeit sind sie sogar ausdrücklich vor dem Einwandern verwarnet worden." Derart kritisch sah noch 1820 ein Journalist der Allgemeinen musikalischen Zeitung die beruflichen Perspektiven europäischer Musikschaffender in der "neuen Welt", den seit 1776 Vereinigten Staaten von Amerika. Der Autor, selbst im von höfischen, bürgerlichen und kirchlichen Institutionen engmaschig geförderten System der europäischen Musikkultur verortet, konnte sich schwer vorstellen, dass europäische Künstlerinnen und Künstler in dem relativ jungen Staat einen Platz in der Gesellschaft und finanzielles Auskommen finden könnten. Ein Blick auf die Entwicklung nordamerikanischer Musikinstitutionen, die erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einsetzte, würde die These des Autors der AMZ stützen. Der Aufbau der nordamerikanischen Musikkultur fand allerdings weder in der Carnegie Hall noch im New England Conservatory statt, sondern in bislang weniger betrachteten vorinstitutionellen Räumen, wobei die Einwanderung aus und der kulturelle Austausch mit der "alten Welt" eine zentrale Rolle spielte. Ändert man also den räumlichen Fokus, kommt bereits Anfang des 19. Jahrhunderts eine rege, sich im Aufbruch befindliche musikalische Kultur in den Blick, in der Musikerinnen und Musiker durchaus auch ökonomische Erfolge erzielen konnten.

Über Kulturtransfer nachzudenken, hat in den Geistes- und Kulturwissenschaften seit einigen Jahren Konjunktur. Das Forschungsprojekt weitet den geopolitischen Raum transatlantisch aus und richtet die Perspektive dabei auf vorinstitutionelle Räume und die in ihnen wirkenden Akteurinnen und Akteure. Konkret werden zwei vorinstitutionelle Räume exemplarisch untersucht, und zwar den frühen Zeitraum betreffend (1800–1850) der Musikalienhandel, den späteren Zeitraum betreffend (1880–1950) der Musiksalon. Das Projekt geht davon aus, dass mit den beiden ausgewählten Räumen zwei geradezu prototypische Räume des musikbezogenen Kulturtransfers für die jeweils betrachtete Zeit im Fokus stehen. Sowohl Musikalienhandel als auch Salongeselligkeiten gaben Impulse für die jeweilige städtische Musikkultur und waren zentrale Anlaufstellen für ankommende Musikerinnen und Musiker. In ihnen wurden informell musikbezogenes Wissen und konkrete Artefakte (Noten, Instrumente u.a.) ausgetauscht sowie Netzwerke geknüpft. Zugleich schließen beide Themenschwerpunkte empfindliche Lücken in der Musikgeschichtsschreibung: Obwohl der Musikalienhandel als eine der wichtigsten Voraussetzung für den Aufbau des Musiklebens in den USA gelten kann, wurde er bislang nicht als Ort des Kulturtransfers betrachtet, noch war – trotz reger Forschung zur europäischen Salonkultur – der nordamerikanische Musiksalon bislang Gegenstand einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung.

 


Aktuelles

Workshop "Musical Crossroads"
28.–29. November 2019
Ort: IMI | 1010 Wien, Seilerstätte 26

Auf dem Workshop werden zentrale Themenfelder und Begrifflichkeiten des Forschungsprojekts "Musical Crossroads" zur Diskussion gestellt. Der von den ProjektmitarbeiterInnen entwickelte Begriff der "Vorinstitutiolanität" wird auf seine Brauchbarkeit und Relevanz geprüft. Ferner wird dem komplexen Geflecht musikalischer Geselligkeitsformen rund um den Salon nachgegangen und eine für das Projekt zentrale Quellenart, die sogenannten "binder's volumes", als Materialisierungen von Vorinstitutionalität, diskutiert.

Zeiten:
28.11., 10–16 Uhr
29.11., 10–13 Uhr