Hinter dem Lieblingslied eines jeden Menschen steckt eine persönliche Geschichte und auch hinter dem Projekt lieblingslied.at, das im März 2020 im Zuge des österreichischen Corona-Lockdowns vom Institut für Musiktherapie ins Leben gerufen wurde, steckt eine Geschichte, die wir hier kurz umreißen wollen.

Neben Balkonkonzerten und anderen nachbarschaftlichen Initiativen entstand im Frühjahr 2020 – durch ein Gespräch von Manuel Goditsch (ÖBM – Österreichischer Berufsverband der Musiktherapeut_innen) und Thomas Stegemann (Leiter des Instituts für Musiktherapie an der mdw) – die Idee, ein musiktherapeutisches Onlineangebot auf die Beine zu stellen, um Menschen in den eigenen vier Wänden zu erreichen.

Gesagt, getan: Von 19. März bis 19. April 2020 formierte sich ein sechsköpfiges Koordinationsteam (Musiktherapeut_innen der mdw und des ÖBM) und das Konzept von lieblingslied.at wurde entwickelt, das Musiktherapie-Studierende sowie eine begleitende Forschung in Zusammenarbeit mit dem Institut für Musiksoziologie (mdw) miteinbinden sollte (siehe Abbildung). Zudem wurde in dieser Zeit die technische Umsetzung durch den Zentralen Informatikdienst der mdw bewerkstelligt, sämtliche datenschutzrechtlichen Fragen erörtert, ein Info-Clip produziert, ein Forschungsantrag bei der Andreas Tobias Kind Stiftung eingereicht, eine Webseite erstellt, Presseaussendungen in die Wege geleitet und vieles mehr. Dies alles würde unter normalen Bedingungen vermutlich ein paar Monate an Planung in Anspruch nehmen, demnach möchten wir allen Beteiligten der mdw an dieser Stelle besonders danken, dass diese Initiative so kurzfristig umgesetzt werden konnte. Befürwortet und begrüßt wurde das Projekt auch von allen Musiktherapie-Ausbildungen und Berufsverbänden Österreichs.

lieblingslied.at, ein Querschnittsprojekt der österreichischen Musiktherapie © lieblingslied.at
Was ist lieblingslied.at?

Es handelt sich bei diesem Pilotprojekt um ein präventives beziehungsweise ressourcenorientiertes kostenloses Angebot, das sich insbesondere an Menschen richtete, die aufgrund der Corona-Situation besonders belastet sind. Im Zentrum der rezeptiv ausgerichteten Intervention steht ein Lied oder Musikstück, das sich eine Person wünscht und das daraufhin an einem vereinbarten Termin über (Video-)Telefonie von einer Musiktherapeutin/einem Musiktherapeut oder einem/einer Musiktherapie-Studierenden vorgespielt oder gemeinsam mit der Person angehört wird. Ein Gespräch über das Lied kann optional daran angeknüpft werden. Das Angebot von lieblingslied.at beinhaltet keinen klassischen musiktherapeutischen Prozess, sondern stellt ein punktuelles Angebot dar, das primär darauf abzielt, positive Emotionen im Zusammenhang mit dem gewünschten Lieblingslied hervorzurufen. Lieblingslieder beinhalten ja immer ein Stück persönliche Geschichte, die durch das gemeinsame Anhören erzählt und (mit)geteilt wird – ein Grundbedürfnis des Menschen.

Drei Monate lang – vom 20. April bis zum 20. Juli dieses Jahres – wurden Liedwünsche über die Webseite lieblingslied.at entgegengenommen und es konnten insgesamt 40 Liedwünsche erfüllt werden: Von Volksliedern bis Heavy Metal war so ziemlich jedes musikalische Genre vertreten.

Die Begleitforschung, für die Teilnehmenden optional, die neben der Erfassung demografischer Daten auch retrospektive Interviews zur Frage der veränderten Musiknutzung während der Lockdown-Phase beinhaltete (Durchführung: Michael Huber, mdw), befindet sich derzeit in der Phase der Datenaufbereitung für die Publikation in Fachzeitschriften.

Am Projekt waren insgesamt 17 Musiktherapie-Studierende im Rahmen von drei ad hoc eingerichteten Lehrveranstaltungen in unterschiedlichen Rollen beteiligt, entweder selbst musiktherapeutisch aktiv oder im Hintergrund wissenschaftlich und kommunikativ unterstützend. Eine Studierende meldete zurück, dass sie es als „sehr positiv empfand, dass das Institut in diesen Zeiten, wo man für einen halbwegs funktionierenden Unterricht dankbar sein konnte, weit darüber hinaus ging und sogar noch ein neues Projekt startete, bei dem es viel zu lernen gab“.

Noch ist nicht entschieden, ob und wie lieblingslied.at weitergeführt wird, jedoch ist die Infrastruktur nun vorhanden und könnte bei Bedarf jederzeit wieder aktiviert und adaptiert werden. Apropos Lieblingslied, wir hören uns jetzt eines an: Sing Sing Sing in der Version von Benny Goodman. Welches wäre denn eines Ihrer Lieblingslieder?

Weitere Informationen finden Sie unter lieblingslied.at und facebook.com/lieblingslied.at.

Mit freundlicher Unterstützung der Andreas Tobias Kind Stiftung.

Seit kurzem ist die Seite lieblingslied.at wieder aktiv tätig, um Menschen durch den 2. Lockdown zu helfen!

Ringvorlesung Musiktherapie lieblingslied.at
Donnerstag, 3. Dezember 2020 um 19.30 Uhr
mdw.ac.at/mth

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