Bericht zur isaScience-Konferenz 2018

Wie kann demokratische Partizipation beim Musikmachen und Musikrezipieren in verschiedenen Gesellschaften, historischen Epochen und Kulturen sowie in Zeiten von Streaming-Plattformen stattfinden? Wie kann Partizipation mithilfe oder auch trotz digitaler Musikproduktion und -distribution ermöglicht werden? Können wir mit den nicht mehr ganz so neuen Medien neue Öffentlichkeiten erschließen und Partizipationsformen entwickeln oder verstärkt die Digitalisierung letztlich die alten kolonialen und heteronormativen Monopol- und Machtstrukturen, die gemeinhin mit der Trias „class, race, gender“ benannt werden? Inwiefern bedien(t)en sich autoritäre Staatsformen musikalischer Mittel zur Durchsetzung antidemokratischer Politik? Welche Bedeutung haben Musik und Tanz in Bezug auf Empowerment und Handlungsmacht marginalisierter Communitys?

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Das isaScience Team (v. l. n. r.): Fritz Trümpi, Rosa Reitsamer, Marko Kölbl, Dagmar Abfalter ©isaScience Team

Das Thema „Participatory Approaches to Music & Democracy“ der isaScience 2018 war Gegenstand der exzellenten Keynote Lectures von David Hesmondhalgh, Marsha Siefert und Deborah Wong und zog sich als roter Faden durch sämtliche Beiträge und Diskussionen. Vom 10. bis 14. August vernetzte die wissenschaftliche Konferenz 49 Vortragende und weitere 30 Teilnehmer_innen aus über 20 Ländern in der malerischen Kulisse von Reichenau an der Rax. Das Konferenzthema wurde aus der Perspektive unterschiedlicher musikbezogener Disziplinen und Traditionen präsentiert, kritisch analysiert und mit beeindruckender gegenseitiger Wertschätzung diskutiert. In Zeiten weltweiter antidemokratischer Entwicklungen sowie neoliberaler und machtpolitischer Vereinnahmung von Demokratie – aber auch von Musik – galt und gilt es weiterhin, den Begriff der Demokratie, ihre Verquickung mit partizipatorischen Zugängen zu Ressourcen, Mitsprache, Macht und Mitgestaltung in Politik, Kultur und Zivilgesellschaft aus möglichst vielen wissenschaftlichen und künstlerischen Forschungsperspektiven zu beleuchten.

Die Bandbreite der vorgestellten Themen war entsprechend groß. Sie reichte vom Community-Building marginalisierter Gruppen wie etwa der queer-feministischen Wiederaneignung traditioneller japanischer Taiko-Musik durch „Asian-American women“ unter der aktuellen Trump-Administration über die neofaschistische Instrumentalisierung der elektronischen Tanzmusik „Hardbass“ in Ländern des ehemaligen Ostblocks und einer postkolonialen musikethnoarcheologischen Analyse von Orgelpfeifen in Perus Anden bis zur kritischen Lesart der elitär-partizipationsfernen Nationalen Musikgesellschaft im Spanien der 1920er-Jahre. Die Diskussionen zeigten deutlich, dass Musik als gesellschaftliche Tatsache des Musizierens und Musikhörens nicht losgelöst von ihren sozialen, politischen und ökonomischen Kontexten gesehen und erforscht werden kann.

Um Musik und Demokratie auf inklusive Weise in einer Gesellschaft zu verwirklichen, genügt es daher nicht, hegemoniales Wissen unkritisch zu wiederholen; vielmehr machten die Konferenzbeiträge die Notwendigkeit deutlich, marginalisierten und unterprivilegierten Gruppen zuzuhören und ihren heterogenen Perspektiven auf musikbezogene gesellschaftspolitische Machtverhältnisse Raum zu geben.

Wesentlich für einen solchen demokratischen Prozess der Partizipation ist eine zwar kontroverse, aber offene und rücksichtsvolle Kommunikation aller Teilhabenden. Dies ist auch während der Konferenz verblüffend gut gelungen. Die Vorträge der isaScience 2018 sind ein klares Statement für eine engagierte Wissenschaft, die in ihrer Selbstreflexivität bemüht ist, tatsächliche gesellschaftliche Teilhabe an Musik, Tanz, Musikproduktion, Musikkonsum und Musikdistribution voranzutreiben.

 

Text: Dagmar Abfalter, Marko Kölbl, Rosa Reitsamer, Fritz Trümpi, Karoline Feyertag & Ferdinand Raditsch (isaScience Team)

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