Am 70. Jahrestag der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, dem 10. Dezember 2018, fand an der mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien eine Podiumsdiskussion zur Lage der Menschenrechte in der aktuellen politischen Situation statt. Migration, Recht auf Arbeit, Rechte von Minderheiten, Recht auf Teilhabe an Kunst und Kultur, Recht auf politische Mitbestimmung und nicht zuletzt das Recht auf Gleichheit und Freiheit waren die Themen, die von der Autorin und Regisseurin Marlene Streeruwitz, der Leiterin des internationalen Filmfestivals der Menschenrechte in Nürnberg Andrea Kuhn, der Sängerin und mdw-Absolventin Golnar Shahyar sowie der Malerin und Menschenrechtspolitikerin Beate Winkler unter der Moderation von Corinna Milborn diskutiert wurden.

Menschenrechte
©Marcel Nimfuehr

Einig waren sich die Diskutantinnen am Podium mit dem Publikum, dass die Menschenrechte insgesamt und weltweit gefährdet sind – ein Umstand, der auch die Auffassung der europäischen Grundrechteagentur widerspiegelt. Deren erste weibliche Direktorin Beate Winkler konstatierte, dass Populismus, Digitalisierung und die radikale Ökonomisierung aller Lebensbereiche unsere Gesellschaft in eine tiefe Identitätskrise stürzen. Wut auf die Eliten und das Erstarken totalitärer Systeme sind eine Folge dieser Verunsicherung. Die Deklaration der Menschenrechte entstand ursprünglich als Reaktion auf die Traumata des Zweiten Weltkriegs, jedoch verblasst die Erinnerung daran zunehmend. Gerade jetzt müsse aber die „Gabe“ der Menschenrechte, wie es Marlene Streeruwitz nannte, beim Wort genommen werden, denn die Würde und Freiheit jedes einzelnen Menschen zu behaupten, dürfe kein bloßes Lippenbekenntnis bleiben. „Jetzt tut es weh“, befand auch die Filmwissenschaftlerin Andrea Kuhn. Dokumentarfilme sollten nicht nur Emotionen wecken und uns zum wiederholten Mal zeigen, dass auch Flüchtlinge Menschen sind, sondern müssten vielmehr unsere Mittäter_innenschaft thematisieren.

Ulrike Sych
Rektorin Ulrike Sych ©Marcel Nimfuehr

Die iranisch-kanadische Musikerin Golnar Shahyar, die vor der Diskussion das Publikum mit zwei Liedern wunderbar auf das Thema einstimmte, betonte wiederum, dass Demokratie nicht nur im Iran, sondern auch in Österreich jeden Tag aufs Neue gelernt, hergestellt und auch erkämpft werden muss. Die Menschenrechte verkörpern dabei das solidarische Ziel einer gelebten Demokratie. Gerechtigkeit kann nur umgesetzt werden, wenn die zentralen Werte der europäischen Moderne, auf denen die Menschenrechte beruhen, nämlich Würde, Freiheit, Gleichheit und Solidarität tatsächlich von allen in einer Gesellschaft handelnden Personen als grundlegend anerkannt und gelebt werden.

Marlene Streeruwitz
Autorin und Regisseurin Marlene Streeruwitz ©Marcel Nimfuehr

Auch die Kunstuniversitäten als Eliteinstitutionen können und müssen ihren Teil dazu beitragen. Rektorin Ulrike Sych brachte diesbezüglich den Standpunkt der mdw in die Diskussion ein: Die mdw solle ein Beispiel für Best Practice im Umgang mit Menschenrechten sein. Der Qualitätsbegriff beziehe sich nicht nur auf die Lehre, die künstlerischen Ausbildungen und die Qualität der Abschlüsse. Exzellenz sei mehr als exzellentes Geigenspiel. Exzellenz stehe für eine Haltung, die unverhandelbar ist, nämlich die Wahrung der Würde und Rechte der Menschen. Absolvent_innen sollten mit dieser Haltung in die Welt hinausgehen. Dieser Verpflichtung gegenüber den Menschenrechten kommt die mdw nach, indem sie die Freiheit der Kunst, der Wissenschaft und der Lehre zu ihrem leitenden Grundsatz macht. Künstler_innen kommt zunehmend die Rolle zu, auch Botschafter_innen der Menschenrechte zu sein.

Corinna Milborn
Moderatorin Corinna Milborn ©Marcel Nimfuehr

Ähnlich forderten die mdw-Alumna Golnar Shahyar und Beate Winkler, dass es mehr Freiräume für Diskussionen und zum Scheitern geben müsse, um Demokratie zu üben und gerade innerhalb universitärer Strukturen auch zu leben. Kuhn kritisierte, dass der Erfolg von Kunst und Kultur zunehmend nur in Zahlen gemessen werde, was verheerende Folgen für die Freiheit der Kunst habe. Auch Beate Winkler sah in der Kunst eine unterschätzte Ressource, da jegliche Kunstausübung die Fähigkeit stärke, sich auf das Nicht-Steuerbare einzulassen und Fremde auch als „Botschafter_innen der Veränderung“ willkommen zu heißen. Man müsse aber darauf achten, nahm Golnar Shahyar den Faden auf, dass Kunst letztlich nicht einem hierarchischen System diene. Kunst sei in erster Linie zweckloses Engagement, formulierte Marlene Streeruwitz. Eine Eliteinstitution wie die mdw habe schließlich die Aufgabe, Kunst demokratisch auf der Basis der Gleichheit aller zu lehren, Mitbestimmung zuzulassen und sich nicht nur nach der Marktlogik zu richten. „Es wird nicht gehen, dass wir die Moderne verlassen, das heißt, wir werden zur Tonalität nicht zurückkehren können und in einfache Melodien ausbrechen, die uns alle miteinander verbinden.“

Golnar Shahyar
Golnar Shahyar ©Marcel Nimfuehr

In Hinblick auf die erodierenden Demokratien westlicher Nationalstaaten spricht der französische Philosoph Étienne Balibar von der „Gleichfreiheit“ als „zentralen politischen Motor der Moderne“: Die Möglichkeitsbedingungen der Gleichheit sind auch die der Freiheit; wird die Freiheit unterdrückt, dann auch die Gleichheit.1 Das bedeutet für Andrea Kuhn umgelegt auf die Institutionenkritik auch, dass die ökonomischen Hintergründe beim Zugang zu Wissen, Kultur und Kunst immer mitgedacht werden müssen. Denn Möglichkeitsbedingung für Gleichheit wie auch Freiheit sei zwar zum einen die Schaffung eines Bewusstseins vom Recht auf Rechte (Hannah Arendt) in jedem einzelnen Menschen, zum anderen aber auch eine gerechte Umverteilung des Reichtums und gleiche Teilhabe aller an den Ressourcen einer Gesellschaft.

 

1    Étienne Balibar: Gleichfreiheit. Berlin: Suhrkamp, 2012.

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