Am 1. November wurde der ECMAster, der European Chamber Music Master, offiziell eingeführt. Es handelt sich hierbei um ein zweijähriges Joint Programme für bereits existierende Kammermusik-Ensembles auf Masterniveau. Das Netzwerk der am Programm teilnehmenden Partnerorganisationen umfasst sieben führende Institutionen im Bereich der höheren Musikausbildung in Wien, Den Haag, Oslo, Paris, Manchester, Vilnius und Fiesole. Sie alle agieren in enger Zusammenarbeit mit der European Chamber Music Academy – ECMA.

Wahrscheinlich ist nur wenigen bekannt, dass die Idee zum ECMAster auf ein Vorgängerprogramm des heutigen Erasmus+-Programms zurückgeht, das in den späten 1990er-Jahren im Rahmen des europäischen Sokrates-Programms stattfand. Es trug den Namen Curriculum Development of Post-Graduate Courses for Chamber Music und erforschte die Möglichkeiten für eine institutionelle Zusammenarbeit auf europäischer Ebene im Bereich der Kammermusik. Dabei wurde innerhalb eines kleinen europäischen Musikhochschul-Netzwerks namens Polyphonia, das auch die mdw miteinschloss und vom Konservatorium Utrecht koordiniert wurde, geforscht. Polyphonia entwickelte sich später zum weitaus größeren Erasmus-Netzwerk für Musik, Polifonia, das von 2004 bis 2014 von der European Association of Conservatoires (AEC) koordiniert wurde.

Es ist durchaus interessant die Berichte des ursprünglichen Sokrates-Projekts zu lesen. Da dieses Programm vor dem Bologna-Prozess stattfand, zeigt sich deutlich, dass die Institutionen mangels einer gemeinsamen Terminologie und eines gegenseitigen Verständnisses der jeweiligen Bildungssysteme vor großen Herausforderungen standen. Eine Arbeitsgruppe ermittelte das Fehlen von detaillierten Kursbeschreibungen sowie Unterrichtsmaterialien im Bereich der Kammermusik, und daher beschloss man, den kammermusikalischen Musikunterricht an den unterschiedlichen Institutionen durch eine Reihe von „Erkundungsmissionen“ zu erforschen und Kammermusiklehrende aus ganz Europa miteinander in Kontakt zu bringen. In der Arbeitsgruppe, der Johannes Meissl sowie der Autor dieses Beitrags angehörten, wurde viel darüber diskutiert (vielleicht wäre es angemessener, zu sagen, es wurde viel davon geträumt), wie ein intensiver Austausch im Bereich der Kammermusik stattfinden könnte, aber es war damals evident, dass es keinen geeigneten Rahmen gab, um diese Ideen weiterzuentwickeln. Am Ende seiner Laufzeit war das konkreteste Produkt des Projekts ein Bericht, der die unterschiedlichen Ansätze im Bereich der Kammermusiklehre an den verschiedenen Institutionen beschrieb. Die Arbeitsgruppe wurde zwar aufgelöst, aber durch sie waren neue Ideen entstanden und ein informelles, internationales Netzwerk aus Kammermusik-Lehrenden hatte sich gebildet.

In den darauffolgenden Jahren änderte sich die Landschaft europäischer Hochschulbildung radikal. Infolge des 1999 angelaufenen Bologna-Prozesses wurde nun in ganz Europa die Bachelor/Master-Struktur eingeführt und damit auch neue Werkzeuge wie ECTS-Punkte und Qualifikationsprofile. Auf den ersten Blick könnte man meinen, das hätte nur zu noch mehr Bildungsbürokratie geführt, aber dabei handelte es sich um Werkzeuge, die auf europäischer Ebene ein Verständnis für die jeweiligen nationalen Bildungssysteme und -Zugänge ermöglichen sollten. Die Mitglieder der ursprünglichen Sokrates-Arbeitsgruppe waren auch in verschiedene europäische Entwicklungen involviert: Johannes Meisel war einer der Initiatoren der ECMA und der Autor dieses Beitrags war viele Jahre für die European Association of Conservatoires (AEC) tätig.

Die erneute Zusammenarbeit einiger Mitglieder der ersten Sokrates-Arbeitsgruppe im Rahmen des strategischen Partnerschaftsprojekts ECMA – Next Step im Zuge von Erasmus+ war ein klares Zeichen dafür, wie sehr sich die Zeiten geändert hatten. Dieses Projekt wurde von 2015 bis 2018 unter der Koordination der Norwegischen Musikhochschule in Oslo ausgeführt. Es vereinte sowohl die Philosophie einer europäischen Kooperation im Bereich der Kammermusik auf höchstem Niveau, verkörpert durch die ECMA, als auch Vorteile des Bologna-Prozesses, der seinerseits einen geeigneten Rahmen für eine europäische Kooperation im Bereich der universitären Bildung entwickelt hatte.

Das Projekt ECMA – Next Step verfolgte zwei Hauptziele: Zum einen wurde ein integriertes Joint-Master-Programm entwickelt, das an sieben europäischen Musikhochschulen angeboten werden sollte, wodurch Ensembles von der Kultur und Expertise verschiedener Institutionen profitieren und ein wirklich internationales Netzwerk aufbauen sollten, zum anderen widmete sich das Projekt im Hinblick auf einen internationalen Studiengang der Kammermusiklehre verwandten Themen, wie Unterrichtsmethoden und Evaluierungsmittel. Die gesammelten Erkenntnisse flossen in die Publikation Teaching and Learning Chamber Music ein, in der zahlreiche Fragestellungen der Kammermusiklehre beleuchtet werden. Im Laufe des Projekts entstanden auch einige Videos unterschiedlicher ECMA-Sessions, diese kann man auf der ECMA-Website (unter ecma-music.com) finden. Das wohl wichtigste Ergebnis dieses Projekts – nämlich die Gründung des ECMAsters – wurde im September unter der kompetenten Führung von Kjetil Solvik und Tone Jordhus an der Norwegischen Musikhochschule finalisiert.

Der Masterlehrgang ist so aufgebaut, dass im Laufe der zwei Studienjahre zwei Pflichtsemester an zwei unterschiedlichen Gastinstitutionen mithilfe des Erasmus+-Mobilitätsfonds zu absolvieren sind. Daher werden die teilnehmenden Ensembles das erste und vierte Semester an ihrer Alma Mater absolvieren und das zweite sowie das dritte Semester an jeweils einer Partneruniversität. Darüber hinaus nehmen die Ensembles auch an mindestens sechs ECMA-Sessions teil, wodurch sie Zugang zu einem europäischen Netzwerk für Kammermusik-Berufe erhalten. Dank solcher maßgeschneiderter Curricula ermöglicht es der ECMAster den Studierenden, ihre besonderen künstlerischen, technischen, selbstreflexiven und sozialen Fähigkeiten weiter zu entwickeln und daraus als starke, unabhängige und innovative Ensemblemusiker_innen heraus zu gehen, die die hohen professionellen Standards der künftigen Musikszene erfüllen können. Die zum Studium zugelassenen Kammermusikensembles profitieren somit von der Expertise, der Kultur und der Tradition dreier unterschiedlicher musikalischer Institutionen in drei europäischen Ländern.

Es ist schön zu sehen, dass alte Träume doch noch in Erfüllung gehen können – auch wenn das manchmal viele Jahre dauern kann. Nichtsdestotrotz wird der neue ECMAster jungen Musiker_innen aus der ganzen Welt, die den Ehrgeiz haben, ihr Können zu perfektionieren und ihr Wissen in einem internationalen Ambiente zu erweitern, aufregende Möglichkeiten bieten. Man kann nur hoffen, dass dieser außergewöhnliche Studiengang auch für weitere musikalische Fächer eine Vorbildfunktion haben wird, indem er zeigen wird, wie bereichernd eine europäische Kooperation für Studierende, Lehrende, Institutionen und letztendlich (und am wichtigsten) auch für die große Kunst der Kammermusik selbst sein kann.

 


Der ECMaster an der mdw

Dass die Kammermusik heute zu den international wahrgenommenen Profilstärken der mdw zählt und das Joseph Haydn Institut für Kammermusik, Alte Musik und Neue Musik der mdw als weltweit führend betrachtet wird, gründet auf einer bewusst gewählten Strategie: Regelmäßige kammermusikalische Beschäftigung aller Konzertfach-Studierenden an der mdw wird curricular, durch verschiedenste Projekte am Haus und durch eine höchst aktive Vermittlung zu Auftritten gefördert. Für Intensivierung und Spezialisierung besteht durch die Anbindung an internationale Netzwerke die Möglichkeit sich permanent am internationalen Spitzenniveau zu orientieren und es mitzuprägen.

Die Entwicklung des Joseph Haydn Instituts war daher von Beginn an ganz eng mit den Initiativen auf europäischer Ebene vernetzt. Die Mitarbeit im Polyphonia-Projekt hat entscheidend dabei geholfen, die Kammermusik an der mdw zu strukturieren und schrittweise curricular auch als zentrales künstlerisches Fach zu implementieren.

Der wichtigste Schritt war die aktive Rolle des Joseph Haydn Instituts (und der mdw) beim Aufbau der ECMA, der European Chamber Music Academy, die seit 2004 besteht und seit 2007 als Verein mit Sitz in Wien organisiert ist. Derzeit bilden neun Partneruniversitäten und Festivals in ganz Europa die Kernfamilie, die mit einer immer größeren Zahl von Veranstalter_innen, Festivals und weiteren Schulen in verschiedensten Formaten kooperiert.

Für die reiche Kammermusikszene an der mdw mit ihren schon bestehenden, verschiedenen curricularen Möglichkeiten – von Schwerpunkt und Profil im Instrumentalstudium bis zum Masterstudium und Postgraduallehrgang – ist der ECMAster jetzt die lang gereifte „cherry on the cake“!

Text: Johannes Meissl

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