Was wissen wir über das Wissen und wie steht es im Zusammenhang mit Gender und Diversität?

Die bereits zum sechsten Mal stattfindende Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Geschlechterforschung (ÖGGF) wurde dieses Jahr von der mdw veranstaltet und versammelte 250 Teilnehmer_innen zu den Themen „Wissenskulturen und Diversität. Positionen, Diffraktionen, Partizipationen“.

Das Tagungsteam (Andrea Ellmeier, Birgit Huebener, Doris Ingrisch, Ela Posch) legten heuer den Fokus auf künstlerisch-wissenschaftliche Formate und luden Vertreter_innen aller wissenschaftlicher, künstlerischer und technischer Disziplinen ein, diesen Raum für Reflexion, Wissensaustausch und Kritik zu nutzen. Von 27. Bis 29. September präsentierten mehr als 100 Referent_innen ihre Forschungen und diskutierten über das Zirkulieren von verschiedenen Wissensformen sowie deren Wirkmächtigkeit im Verhältnis zu den Dimensionen Gender und Diversität.

„I found the conference to be a highly open space of interdisciplinarity, adding dimension to the usual compositions and conversations of that notion via discussions and interventions of aesthetics, life practices, disparate iterations and methodologies; a highly creative and intellectually inclusive zone.
Dorothy Geller, Tagungsteilnehmer_in

Aktualität und gesellschaftliche Brisanz

Die aussichtsreichen Eröffnungsworte durch Rektorin Ulrike Sych, Gerda Müller (Vizerektorin für Organisationsentwicklung, Gender und Diversity/mdw), Iris Rauskala (Sektionschefin für Wissenschaft und Forschung, Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung), Maria Mesner (Obfrau der ÖGGF), Andrea Ellmeier (Leiterin der Stabstelle Gleichstellung, Gender Studies und Diversität/mdw) und Doris Ingrisch (Professorin am Institut für Kulturmanagement und Gender Studies/mdw) fanden ihren Höhepunkt mit Katharina Klements künstlerischem Beitrag Vessel 1.3, wodurch das vielseitige Tagungsprogramm in seinem transdisziplinären Spektrum auch klanglich dargeboten wurde.

Bereits die Rahmung durch die Keynote Lectures zweier namhafter Vertreterinnen der historischen und aktuellen Geschlechterforschung spannte einen brisanten Themenbogen: Die 1938 vom nationalsozialistischen Regime ins Exil gezwungene Literaturwissenschaftlerin und Psychologin Evelyn Torton Beck dokumentierte entlang ihrer eigenen Biografie den historischen Verlauf einer feministischen Forschungsgeschichte, während die Kultursoziologin Shirley-Anne Tate die im Diversitätsdiskurs zentrale Fragen des institutionellen Rassismus ins Zentrum ihrer höchst brisanten Analyse zu Diskriminierungsmechanismen im Wissenschaftsfeld stellte.

„For me, Professor Tate’s lecture was timely both on a personal level and on a political level. So many black people and people of colour suffer in white spaces and do so in silence, since their struggles are delegitimised and depoliticised. It was clear that this was a shared sentiment throughout her lecture where BPoC audience members were triggered to relive memories of when they had even doubted themselves, their own feelings. I found it necessary and relieving to finally have had our feelings put into words we previously could not articluate.”
Tonica Hunter, Tagungsteilnehmer_in

Pre-Conference & Postersession

Die gemeinsam mit der Arbeitsgruppe Perspektiven der deutschen Fachgesellschaft für Geschlechterstudien (fg-gender.de/arbeitsgruppen/perspektiven) veranstaltete Pre-Conference der AG Nachwuchs der ÖGGF (oeggf.at/ag-nachwuchs) war sehr gut besucht. In einem World-Café-Format wurden die drei Themenbereiche Prekaritäten im Wissenschaftsbetrieb, Angriffe auf die Gender Studies und Kritische Wissensproduktion und Zugang zu den Gender Studies diskutiert sowie mögliche und bereits umgesetzte Strategien erörtert und Unterstützungsmöglichkeiten der jeweiligen Fachgesellschaften diskutiert.

„Die AG Nachwuchs und die AG Perspektiven freuen sich über die rege Teilnahme an der pre-conference 2018 und laden alle Interessierten zu den jeweiligen Arbeitsgruppen ein!“
AG Nachwuchs_Perspektiven 

Das breitgefächerte Spektrum der Tagung wurde zudem in der Postersession deutlich: vom Themenfeld der Sexualisierten Gewalt in der Musiktherapie über Geschlechtssensible Lehre und Diversität bis hin zu Open Access Publikationsplattform für die Geschlechterforschung luden die Beitragenden auf anschauliche Weise ein, sich Informationen zu spezifischen Forschungsschwerpunkten einzuholen.

Kunst und Wissenschaften im Dialog

Dem seit Jahren viel diskutierten Verhältnis von den Wissenschaften und den Künsten wurde dieses Jahr ein besonderes Augenmerk geschenkt ­– in sowohl künstlerisch-experimentellen Forschungsansätzen als auch in dialogischen und künstlerisch-wissenschaftlichen Formaten (Bsp. Forschen zwischen Wissenschaft und Kunst oder Feministische, künstlerische, kollektive Praxen als spezifische Formen der Wissensproduktion).

There is one thing that is very important, to do your research, to find your voice, to find the language that’s right for you, and that comes to the uses of art because I always used art as a form of theory building for history. Art is not separated from theory or from history or from any of the themes that we use in Gender Studies.“
Evelyn Torton Beck, Keynote Speaker    

Der zweite Konferenzabend führte in die nahegelegenen Shared Spaces im Das Packhaus mit DJ* I:ONIZE vom Brunnhilde Kollektiv (brunnenpassage.at/brunnhilde) und einer Performance der Künstlerin COCO BECHAMEL. (musicaustria.at/tag/karolina-preuschl)

Von einer Dekolonisierung des Wissens

Mehrere Panels widmeten sich dem Nachdenken über hegemoniale Formen der Wissensproduktion und reflektierten die stärker werdende Kritik an der inhärenten epistemischen Gewalt hegemonialer Wissensformen/-räume (bspw. akademisches Wissen). Befragt wurde insbesondere eine weiße Theoriebildung hinsichtlich Ein- und Ausschlüssen unterschiedlicher Wissenspraktiken. Beispielsweise wurde in den Panels Auseinandersetzungen mit dekolonialer Wissensproduktion und postkolonialen Kontexten und Freiheiten und dekoloniale Praxen über Dekolonisierung nicht nur als analytische Perspektive nachgedacht, sondern auch über die Entwicklung und Umsetzung dekolonialer Praxen innerhalb historisch gewachsener Wissensordnungen.

„Dekolonisierung bedeutet auch den naturalistischen Epistemologien und Ontologien, d.h. westlich-rationalistischen Kosmologien, die sich als einzig gültige präsentieren entgegenzuwirken. Ihnen zugrunde liegen der Glaube einer strikten Trennung von Natur und Kultur wie auch von Körper und Geist sowie die Notwendigkeit, Natur (und den damit assoziierten Körper) so weit als möglich zu beherrschen. Einzig die mittels (natur-) wissenschaftlicher Methoden empirisch fassbare Realität wird als gültig anerkannt; andere Ontologien und mit ihnen einhergehende Epistemologien werden als Unsinn und Aberglaube abgewertet. Alle Marginalisierten (Gloria Anzaldúas New Mestiza, siehe unten), sind aufgefordert, die begrenzte Bedeutung des Naturalismus aufzuzeigen.“
Patricia Zuckerhut, Vortragende 

Asombra pensar que nos hemos quedado en ese pozo oscuro donde el mundo en-cierra a las lesbianas. Asombra pensar que hemos, como feministas y lesbianas, cerrado nuestros corrazónes a los hombres, a nuestros hermanos los jotos, des-heredados y marginales como nosotros. Being the supreme crossers of cultures, homosexuals have strong bonds with the queer white, Black, Asian, Native American, Latino, and with the queer in Italy, Australia and the rest of the planet. We come from all colors, all classes, all races, all time periods.”
Gloria Anzaldúa 2007: 106;

Der Körper als politischer Ort

We recognize that all knowledge is mediated through the body and that feeling is a profound source of information about our lives.”
Audre Lorde (in: Michèle Alexandre: Sexploitation, New York: Routledge 2015, 48)

Neben zahlreichen akademischen Panels boten die Formate des Dialogforums, des Open Space, der Performance Lectures sowie der künstlerischen Beiträge vielfältige Möglichkeiten, unterschiedlichen Wissensformen zu begegnen. Bereits am ersten Abend stand mit Doris Uhlichs Performance „Seismic Dancer“ (in Zusammenarbeit mit DJ Boris Kopeinig) der menschliche Körper und die Philosophie des Fleisches im Zentrum, welcher (Erfahrungs-)Spuren einlagert und archiviert. Inspiriert von queeren Denker_innen wie Sara Ahmed oder Paul B. Preciado stellte auch Elisabeth Schäfer in ihrer philosophisch-performativen Auseinandersetzung erneut Fragen zur Aktualität der Körper als Orte des Politischen. Zahlreiche Beiträge nahmen auf Körperwissen und – erfahrung im historischen und gegenwärtigen Zusammenhang Bezug, wie etwa queere Begehrensformen, Sexualisierungs- und Pornographisierungsprozesse und sexualisierte Gewalt (Bsp. Homo- und Bisexualitäten, Queer-feministische Perspektiven auf Literaturproduktion)

Die mdw als Akteur_in – Akteur_innen der mdw

Seit ihrem Entstehen war mit der mdw zum dritten Mal eine Kunstuniversität Gastgeberin einer ÖGGF-Jahrestagung. Die mdw war nicht nur im Panel „Musik/Wissenschaft“ mit interdisziplinären Beiträgen stark vertreten, sondern auch in Form von Panelmoderationen, zahlreichen Einzelbeiträgen sowie beim Podiumsgespräch „Wissenschaftliche Karrierewege: Feministische Perspektiven“. Hier wurden entlang von individuellen Karrierewegen aktuelle Herausforderungen des Gender Gap im Wissenschaftsbetrieb diskutiert. (Beitragende: Andrea Ellmeier, Julia Fent, Karoline Feyertag, Magdalena Fürnkranz, Juri Giannini, Ursula Hemetek, Annegret Huber, Doris Ingrisch, Olja Janjus, Therese Kaufmann, Marko Kölbl, Ruth Maria Perfler, Doris Piller, Ela Posch, Rosa Reitsamer, Angelika Silberbauer, Cornelia Szabo-Knotik, Melanie Unseld)

Insgesamt kann auf eine erfolgreiche Tagung zurückgeblickt werden, die zwar nicht alle Fragen beantwortet, jedoch zahlreiche neue Perspektiven hinsichtlich Diversität in Wissenskulturen aufgezeigt und für zukünftige Forschungen angeregt hat.

„Die Atmosphäre, die Vielfalt an Möglichkeiten und Begegnungsformen war beeindruckend, auch die Kooperation mit Akteur_innen jenseits der Akademie war sehr gelungen! Was bleibt, ist die Ermutigung zur weiteren Erprobung experimenteller Formen des inhaltlichen und  politischen Austauschs.“
Monika Bernold, Chair

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