Mit seinen Werken wagt er sich an die Grenzen des Musikalischen. Authentizität, Dichte und eine extreme Heterogenität zeichnen seine Musik aus. Ein außergewöhnlicher Komponist auf der Suche nach neuen Welten.

Matthias Kranebitter
Matthias Kranebitter ist seit diesem Jahr Präsident der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik ©Igor Ripak

Jean Dubuffet schreibt in seinen Schriften über die Befreiung aus der kulturellenPrägung. Ein Ziel, das sich von niemandem erreichen lässt, denn schon allein durch die Sprache sind wir in der Kultur verankert. Dennoch möchte sich Matthias Kranebitter in Welten vorwagen, die außerhalb dieser kulturellen Zone liegen. „Deshalb versuche ich, eigene Werkzeuge und Kompositionstechniken zu entwickeln. Mit dem Computer möchte ich einen Zugang finden, der nicht von meinem Geschmack und meiner Musikalität geprägt ist.“ Zu Komponieren begonnen hat der gebürtige Wiener bereits in früher Kindheit – zunächst am Klavier, später am Computer. Ein Studium der Mathematik verschafft ihm Fähigkeiten, die er sich in seiner späteren Kompositionsarbeit zunutze macht. „Ich arbeite hauptsächlich algorithmusbasiert am Computer. Durch das Studium habe ich ein generelles Verständnis für Mathematik erworben.“

Das Kompositionsstudium an der mdw beginnt er im Jahr 2000. Er entscheidet sich für den Studienzweig Medienkomposition und Angewandte Musik bei Klaus-Peter Sattler und später für Elektroakustische Komposition bei Dieter Kaufmann und Gérman Toro-Pérez. Eine große Bedeutung misst er den Softwares zu, die er während des Studiums zu benutzen lernt. „Die Software und die Werkzeuge, die man verwendet, erzeugen in einem selbst immer wieder kreative Impulse und geben einem Möglichkeiten und Ideen.“

Inspiration für seine außergewöhnlichen Werke liefern Matthias Kranebitter mitunter allein die Aufgabenstellung oder das Thema eines Auftrages. „Letztes Jahr habe ich beispielsweise für das Decoder Ensemble zum Thema Big Data komponiert. Das hat gut gepasst, denn ich arbeite generell mit einer dichten und großen Menge an Daten.“ Inspirieren lässt er sich aber auch von einem Klang, Instrument oder philosophischen Konzept. „Ich versuche sehr stark einen Bezug zur Gesellschaft herzustellen. Entweder über die Einbeziehung der Technologien oder über eine Ästhetik, die dem gerecht wird, wie ich die Welt wahrnehme.“ Ebenfalls eine große Rolle in seinen Kompositionen spielt der Humor. „Das ist keine Art von Slapstick, sondern geht viel tiefer. Man kann die Idee mit dem Begriff der Karnevalisierung beschreiben. Bestehende Strukturen werden durch das Mittel des Humors aufgelöst und allgemeingültige Regeln negiert, wodurch eine Ambivalenz entsteht.“

Black Page Orchestra
Black Page Orchestra ©Igor Ripak

Aufträge erhält der preisgekrönte Komponist von Ensembles oder von Festivals, es gibt aber auch Projekte, die er selbst im Kopf hat, dann kommt sein 2014 gegründetes Black Page Orchestra zum Einsatz. Wie etwa beim diesjährigen Unsafe+Sounds Festival, das von 2. bis 13. Oktober unter dem Motto Brutal Times – Strategies at the Abyss in der Nordbahnhalle in Wien stattfindet. „Das Festival habe ich 2014 ins Leben gerufen. Wichtig war mir von Anfang an eine Vermischung unterschiedlichster musikalischer Szenen, daher gestalte ich das Programm gemeinsam mit meiner Kollegin Shilla Strelka, die aus einer gänzlich anderen musikalischen Szene kommt.“ Zuvor ist Matthias Kranebitter mit seinem Ensemble beim Warschauer Herbst eingeladen, mit anschließenden Auftritten in der Schweiz und Ljubljana. „Man muss ehrlich sein, das machen, was einen interessiert und auch bei der Arbeit am meisten Spaß macht, denn damit verbringt man die meiste Zeit.“ Diesen Tipp gibt er auch jungen Studierenden: „Ich finde, dass man immer authentisch sein sollte. Außerdem ist ein hohes Maß an Eigeninitiative hilfreich. Man darf als Komponist_in nicht sitzen und warten, bis jemand kommt. Wenn ich mich selbst um Förderungen kümmere und Geld bekomme, kann ich künstlerisch alles machen.“


Matthias Kranebitter weiß aber auch, dass es stark von der Öffentlichkeit und dem Publikum abhängt, inwieweit ein Werk funktioniert. Trotzdem muss die Komposition für ihn selbst Sinn machen. „Wichtig ist, dass man sich auf seine Arbeit fokussiert und selbst damit zufrieden ist. Viele Leute rennen dem Erfolg nach, weil sie sich davon Zufriedenheit erhoffen. Wenn einem/einer Geld wichtig ist, sollte man nicht Komponist_in werden.“ Seine Pläne für die Zukunft? „Über die Zukunft reden ist immer schwer, im Moment bin ich zufrieden.“

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