Gerlinde Haid (1943-2012)

war eine der wichtigsten Persönlichkeiten der Österreichischen Volksmusikforschung. Sie starb am 29. November 2012. Das Institut für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie an der Universität für Musik und darstellende Kunst war ihre Hauptwirkungsstätte in den Jahren 1966-1976 (als wissenschaftliche Hilfskraft und Assistentin) und als Ordinaria von 1994 bis 2012. Anlässlich des ersten Todestages am 29.11.2013 präsentierte das Institut eine Biobibliographie als Internetpublikation, mit musikalischen Beiträgen der Erinnerung.
 
Ursula Hemetek, Ulrich Morgenstern (Hg.)
Gerlinde Haid (1943-2012) Eine Biobibliographie

klanglese 8, Instituts für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie, Wien 2013
Kostenloses Download: http://www.mdw.ac.at/ive/?PageId=3650
 
 
Gerlinde Haid hat in ihrem Leben viel bewegt, geschaffen und initiiert. Ihr früher Tod am 29. November 2012 hinterließ eine große Lücke. Das Institut für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, ihre Wirkungsstätte in den Jahren 1994 bis 2011, pflegt und verwaltet einen Teil ihres wissenschaftlichen Erbes; deshalb der Entschluss, mit einer Biobibliographie Gerlinde Haids Werk zu würdigen und zu erschließen.
Die Veranstaltung hatte die Erinnerung und das Gedenken an Gerlinde Haid zum Thema, als Wissenschafterin und als Mensch. Die Wertschätzung fand sowohl in Worten als auch in musikalischen Beiträgen Ausdruck.
 
Es kamen die AutorInnen zu Wort, aber auch einige ausgewählte RepräsentantInnen von Musikstilen, die Gerlinde Haid am Herzen lagen.

 

Rudolf Pietsch fordert Vizekrektorin Ulrike Sych mit einem Gstanzl zum gemeinsamen Singen auf und ...

 ... sie folgt seiner Einladung.

Ursula Hemetek führt in den Abend und in das präsentierte Buch ein.

Maria Walcher und Nicola Benz sprechen und singen über das Leben von Gerlinde Haid, begleitet von Fotos von Lisl Waltner.

Valerie Krenhuber, Ludwig Blamberger und Rudolf Pietsch spielen einen Hochzeitssteirer.

Willi Maier, Eva Banholzer und Gerhard Nachtmann jodeln im Stil der legendären „Steiner-Sänger.

Roland und Andrea Neuwirth präsentieren die Wiener Musik,
unterstützt durch ...

... Valerie Krenhuber und Rudolf Pietsch.

 

Ruza-Nikolic-Lakatos singt ein sehr persönliches Abschiedslied
aus der Romatradition.

Walter Deutsch präsentiert seine Komposition, ein Adagio „Tränen für Gerlinde“, das ...

... von Lehrenden und Studierenden der Universität uraufgeführt wird.

Die Gelegenheit, sich an Gerlinde Haid zu erinnern, wird von sehr vielen Menschen wahrgenommen, im Saal herrscht trotz Überfüllung eine äußerst konzentrierte Atmosphäre.


Wir trauern um Gerlinde Haid

Nachruf des Instituts für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie
 
 
Frau emer. Univ.-Prof. Dr. Gerlinde Haid (1943-2012) starb am 29. November 2012 in den frühen Morgenstunden in Innsbruck.
Gerlinde Haid war eine herausragende Persönlichkeit der Volksmusikforschung in Österreich.
„Abgesehen von ihren bewundernswerten Qualitäten als Forscherin, Wissenschaftlerin und Universitätslehrerin war Gerlinde Haid auch in menschlicher Hinsicht beispielhaft. Gerlinde Haid war ein Vorbild an Toleranz, Verständnis, Gerechtigkeit, Geradlinigkeit, Zivilcourage, Kollegialität und Mitmenschlichkeit. Sie war imstande, den Glauben an das Gute im Menschen wach zu halten. In ihrer Seele vereinigten sich Musik und Wissenschaft auf eine ideale, äußerst produktive und vielfältig wirksame Weise“ formuliert so treffend Thomas Nußbaumer, ihr Nachfolger am Institut für Musikalische Volkskunde in Innsbruck in seinem Nachruf.
Ihr Wirken an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien war jene Zeit, in der sich das Institut für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie ganz wesentlich entwickeln konnte, wie alles, was sie hegte, zu blühen begann.
Gerlinde Haid wurde am 19. April 1943 in Bad Aussee in der Steiermark geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Altmünster in Oberösterreich absolvierte sie ein Studium der Musikerziehung und Germanistik in Wien, das sie 1965 mit der Lehramtsprüfung abschloss, und anschließend ein Studium der Volkskunde und Musikwissenschaft, das sie 1974 mit dem Doktorat abschloss.

Von 1966-1976 wirkte Gerlinde Haid als Assistentin am damals erst gegründeten “Institut für Volksmusikforschung” (Leitung: Prof. Walter Deutsch) an der heutigen “Universität für Musik und darstellende Kunst Wien” und von 1975-1989 als Generalsekretärin des “Österreichischen Volksliedwerkes” in Wien.

Von 1989-1994 war sie die erste Assistentin am “Institut für Musikalische Volkskunde” (Leitung: Prof. Dr. Josef Sulz) der heutigen “Universität Mozarteum Salzburg” mit Sitz in Innsbruck. Von 1992-2006 war sie zudem Obfrau des von ihr und ihrem Ehemann Prof h.c. Dr. Hans Haid gegründeten “Instituts für Volkskultur und Kulturentwicklung” (ivk) in Innsbruck.

Im Jahr 1994 erfolgte der Ruf nach Wien an die Lehrkanzel für Geschichte und Theorie der Volksmusik an der “Universität für Musik und darstellende Kunst Wien”. Gleichzeitig übernahm Gerlinde Haid auch die Institutsleitung, die sie bis Ende 2010 ausübte. In dieser Zeit hat sich für das Institut Wesentliches verändert. Zunächst war da 1997 die Übersiedlung von der Johannesgasse in die Ungargasse. 2001 erfolgte die den neuen inhaltlichen Schwerpunkten Rechnung tragende Umbenennung des Instituts; zur „Volksmusikforschung“ gesellte sich die „Ethnomusikologie“. Der Personalstand hat sich unter Ihrer Führung wesentlich erweitert und das Institut konnte sich einen noch größeren internationalen Ruf erwerben (z.B. durch die Ausrichtung der Weltkonferenz des International Council for Traditional Music 2007). Gerlinde Haid spielte dabei eine behutsam führende und unterstützende Rolle ihren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen gegenüber, eine beharrliche gegenüber den verschiedenen übergeordneten Gremien und eine initiierende bei Innovationsprozessen.
Auf der Universitätsebene war ihr Wirken ebenfalls besonders verdienstvoll: als Vorsitzende der Studienkommission für Doktoratsstudien hat sie die Einführung des Doktoratsstudiums an unserer Universität wesentlich mitbestimmt und vorangetrieben. Sie war Mitglied in zahlreichen Berufungs- und Habilitationskommissionen und wurde in verschiedene Universitätsgremien gewählt oder bestellt. Ihre herausragende Publikations- und Vortragstätigkeit trug zum wissenschaftlichen Ruf des Instituts sowie der Universität bei.
Gerlinde Haids hauptsächliches Forschungsgebiet war, wie auch die sehr lange Liste ihrer Publikationen erkennen lässt, die Volksmusik im Alpenraum. Sie führte in allen Bundesländern Österreichs und auch in Südtirol und im Trentino, ausgerüstet mit einem Tonaufnahmegerät und oft mit der Filmkamera, ethnomusikologische Feldforschungen durch. Ihr Interesse war umfassend, ihr Wissen und ihre Erfahrung waren enorm. Groß und qualitätsvoll sind auch ihre Sammlungen von Ton- und Filmaufnahmen „authentischer“ Volksmusik. Etliche ihrer umfangreichen Buchpublikationen und Abhandlungen sind Standardwerke der Volksmusikforschung in Österreich. Gerlinde Haids Schreibstil war unübertroffen, sie war darin ein nie erreichtes Vorbild für uns alle. Ihre Herausgebertätigkeiten waren vielfältig: “Schriften zur Volksmusik” (seit 1994), “Innsbrucker Hochschulschriften, Serie B: Musikalische Volkskunde” (bis 1994), sowie die Reihe „klanglese“ (gem. mit Ursula Hemetek ab 2000). Ihre zusammen mit Hans Haid herausgegebene achtteilige CD-Edition MUSICA ALPINA (1993-2009) zählt zu den Klassikern unter den Dokumentationen zur Volksmusik im Alpenraum, weil darin neben österreichischer Volksmusik auch die Volksmusiktraditionen der schweizerischen, italienischen, französischen, slowenischen und deutschen Alpenregionen in vollem Ausmaß berücksichtigt werden. Zu ihren frühen Klassikern zählt aber auch ihr schon 1979 gemeinsam mit Hartmann Goertz herausgegebenes Liederbuch “Die schönsten Lieder Österreichs” mit ausführlichen Kommentaren.
Gerlinde Haid hat in ihrem Berufsleben folgende Ehrungen und Auszeichnungen erhalten:
2011 Goldene Verdienstmedaille der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien
2010 Walter Deutsch Preis, verliehen vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung der Republik Österreich
2003 Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst erster Klasse, verliehen vom Bundespräsidenten der Republik Österreich
 
Um Gerlinde Haid selbst in ihrer unvergleichlichen Art zu Wort kommen zu lassen, hier zwei Links zu den letzten öffentlichen Reden Gerlindes an diesem Haus:
die Laudatio für Walter Deutsch (2011) und
die Abschiedsrede anlässlich ihrer Emeritierung (2011).

Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts verdanken Gerlinde Haid sehr viel. Wir sind betroffen und traurig, sie fehlt uns und wir hätten Gerlinde noch sehr gebraucht. Was sie uns an Weisheit und Menschlichkeit so reichlich mitgegeben hat, wird bleiben. Unser Mitgefühl gilt Dr. Hans Haid und allen Familienangehörigen.
 
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie

Wien, am 30. November 2012

 


Eigenklang - Interview mit Gerlinde Haid
Ein Leben in Musik und Forschung – Ein Nachruf an Gerlinde Haid (*1943 – †2012)