Laudatio für Walter Deutsch

von Gerlinde Haid

zur Überreichung der Urkunde für das Ehrendoktorat an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien

am 15. März 2011


Walter Deutsch ist am 29. April 1923 in Bozen geboren. Sein Vater, Cyrill Deutsch, stammte aus Nordmähren im heutigen Tschechien und war - wie auch dessen Vater - Musiker. Er war im Jahre 1911 von einem k.u.k. Kapellmeister in das II. Regiment der Tiroler Kaiserjäger nach Bozen geholt worden, was damals kein unüblicher Vorgang war, galt doch Böhmen und Mähren als das „Konservatorium Europas“, wo Militärkapellmeister immer wieder Ausschau nach musikalischen Begabungen hielten. Cyrill Deutsch, der viele Instrumente spielte, wurde bei den Kaiserjägern Primgeiger und 1. Flügelhornist mit einem gutem Einkommen und jeder Menge musikalischer Entfaltungsmöglichkeiten. In dieser Atmosphäre selbstverständlicher und vielfältiger Musikalität – heute würden wir sagen: „mit Migrationshintergrund“ - ist Walter Deutsch aufgewachsen. Sein Leben verlief allerdings schon bald alles andere als geradlinig, belastet von Faschismus, Umsiedlung, Krieg und Kriegsgefangenschaft, bis ein spätes Musikstudium möglich wurde. Mehreres hat ihn dabei unentwegt begleitet: erstens, die Musik, zweitens eine nie versiegende Neugierde, drittens viele Menschen, die ihn angeregt, unterstützt und gefördert haben. Ich kann sie hier nicht alle aufzählen, obgleich viele von ihnen wahrscheinlich – wie das Leben so spielt - die wirklichen Lehrmeister waren. Der Bogen spannt sich von seinem musiktreibenden Vater über einen notenkundigen Bozener Franziskaner-Pater bis zu den Jongleuren, Zauberern und Stepptänzern im amerikanischen Kriegsgefangenen-Lager und zu den Mitglieder seiner „Kapelle Monika“, mit der er nach seiner Heimkehr den Kufsteinern amerikanische Schlager vorspielte.

Um nochmals vom Migrationshintergrund zu sprechen: als er 1946 aus der Kriegsgefangenschaft nach Kufstein heimkam, musste er sich zweieinhalb Jahre lang noch jeden Monat bei der Fremdenpolizei melden, denn er war ja bis dahin kein Österreicher, sondern zuerst Italiener und dann Deutscher gewesen.
Durch die großzügige Unterstützung eines Freundes, des Wiener Symphonikers Josef de Sordi, den er ebenfalls in der amerikanischen Kriegsgefangenschaft kennengelernt hatte, konnte er nach einem Studium am Innsbrucker Konservatorium schließlich ein Musikstudium in Wien beginnen. Und zwar in diesem Hause, das damals künstlerische Studien, keine wissenschaftlichen, anbot. Er studierte Musiktheorie/Komposition bei Alfred Uhl, Dirigieren bei Hans Swarowsky und Klavier bei Franz Eibner und legte 1952 die Reifeprüfung aus Musiktheorie mit vorzüglichem Erfolg ab. Alfred Uhl und Hans Swarowsky, das waren damals klingende Namen und sie sind es heute noch. Franz Eibner, dem es später gelang, an unserem Haus den Lehrgang für Tonsatz nach Heinrich Schnker zu installieren, und der fast auf den Tag genau vor 25 Jahren verstorben ist, sollte ihn als großer Geist über viele Jahre begleiten, weniger am Klavier, als vielmehr im Denken über Musik, im Anschauen und Anschaulich-Machen musikalischer Gestalten in der ganzen Komplexität klassischer Meisterwerke und – eines schönen Tages – auch ganz schlichter Volksweisen.

Wie und wann dieser schöne Tag eingetreten ist, muss also auch erklärt werden. Walter Deutsch, der nach Abschluss seines Studiums eine Stelle als Ballettkorrepetitor an der Wiener Volksoper erhielt, hatte schon während des Studiums begonnen, sich zunächst ganz praktisch auch mit Volksmusik zu beschäftigen, weil solche Aufträge an ihn herangetragen wurden. Davon inspiriert wandte er sich ab 1952 zunehmend auch theoretischen Fragen der Volksmusik zu. Er bekam Kontakt zum Volksliedarchiv für Wien und Niederösterreich und verstand, welche Kulturschätze dort aufbewahrt wurden. Und wie wichtig es war, dass sich neben den charismatischen Volksliedsammlern wie Raimund Zoder, Karl Magnus Klier und Franz Schunko oder dem großen Volkskundler Leopold Schmidt auch ein ausgebildeter Musiker um diese Schätze – um das immaterielle Kulturerbe eines ganzen Landes - kümmerte. Er begann mit seinen theoretischen und praktischen Erfahrungen als Musiker dieses Material zu studieren, zu analysieren, zu ordnen, ging auf Feldforschung, suchte den Kontakt zu vielen Fachkollegen, erwarb sich ein immenses Fachwissen, und begann zu publizieren, und das ist also der „schöne Tag“, von dem ich gesprochen habe, wo die schlichten Volksweisen als Forschungsthema im Denken eines Musikers den elaborierten Gestalten der musikalischen Hochkunst an die Seite gestellt wurden, wie sich dies in anderen Ländern schon früher ereignet hat, ich erinnere nur an so prominente Beispiele wie Béla Bartók oder Zoltán Kodály.
Walter Deutsch, dessen Fachwissen sich herumsprach, wurde schließlich 1963 als Lehrbeauftragter und 1964 als Vertragslehrer für „Musikalische Volkskunde“ an die Musikakademie geholt. Als dann unter dem damaligen Präsidenten der Musikakademie, Hans Sittner, der Wille reifte, aus dieser Akademie eine Musikhochschule mit wissenschaftlichem Anteil zu machen, wurde 1965 das Institut für Volksmusikforschung gegründet und Walter Deutsch mit dessen Leitung betraut. Das zweite damals gegründete Institut war übrigens jenes für Musiksoziologie und Musikpädagogische Forschung unter der Leitung von Kurt Blaukopf.

Auf die zahlreichen Richtung weisenden wissenschaftlichen Aktivitäten und Publikationen von Walter Deutsch, die im Rahmen dieses Institutes entstanden, kann hier nur pauschal hingewiesen werden. Zu nennen sind die Seminare für Volksmusikforschung und Europäische Musikethnologie, die jahrelange Tätigkeit in der internationalen Studiengruppe zur Ordnung und Systematisierung von Volksweisen im International Council for Traditional Music, die Schriften zur Volksmusik. Gemeinsam mit Franz Eibner hat Walter Deutsch als erster die Gestaltanalyse nach Heinrich Schenker auf österreichische Volksmusik angewendet; die von ihm mit geschaffene Klier-Deutsch-Methode zur Erstellung von Melodieregistern zur Ordnung und Systematisierung von Volksweisen erschließt inzwischen zahlreiche wissenschaftliche Bestände. Sein größtes Werk – auch rein physisch betrachtet – ist – nach der Emeritierung - die Erstellung der wissenschaftlich-kritischen Repräsentativausgabe österreichischer Volksmusikquellen, COMPA (inzwischen 20 Bände), wo soeben zwei unglaublich eindrucksvolle Bände zum Wiener Tanz erschienen sind. Das Österreichische Volksliedwerk, dessen Präsident er durch 7 Jahre war, und dessen Ehrenpräsident er jetzt ist, bildet den Rahmen für diese Tätigkeit. Zu betonen ist, dass es Walter Deutsch auch verstanden hat, sowohl seine Lehre, wie auch seine Tätigkeit als Volksmusikreferent im ORF Landesstudio Niederösterreich mit seinen wissenschaftlichen Intentionen in Einklang zu bringen und Synergien daraus zu aktivieren.
Walter Deutsch wurde 1971 zum ao.HSProf., 1979 o.HSProf. mit dem Nominalfach „Volksmusikforschung“ ernannt. Er emeritierte 1991, blieb aber dem Institut und der Musikuniversität aufs Engste verbunden, die ihn nach einem Ergänzungsstudium in Musiktheorie 2002 zum Mag. art. spondierte. Er erhielt zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen, darunter 1955 den Förderungspreis für Musik der Stadt Wien, 1956 den Förderungspreis des Theodor-Körner-Stiftungsfonds zur Förderung von Wissenschaft und Kunst, 1967 den Förderungspreis des Dr. Adolf-Schärf-Fonds zur Förderung der Wissenschaften, 1991 das Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich und 2000 die Verdienstmedaille in Gold der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. 1994 wurde zu Ehren von Walter Deutsch vom Bundesministerium für Bildung Wissenschaft und Kultur der „Walter Deutsch-Staatspreis“ geschaffen, der alle zwei Jahre in Anerkennung besonderer Leistungen auf dem Gebiet der Volksmusikforschung verliehen wird.
Was ihm die Kraft für seine Leistungen verliehen hat, ist seine Musikalität, die mehr oder weniger zufällig auf jenen immensen Bestand gestoßen ist, den wir österreichische Volksmusik nennen. Aus dieser Begegnung ist der unbedingte Wunsch entstanden, 
Beschaffenheit und Funktionsweise dieser Kunst, die auf vielfältigste Weise mit dem Leben von Menschen verbunden ist, systematisch und strukturiert, aber immer in ganzer Fülle schriftlich, mündlich, musizierend, dozierend oder wie auch immer zu vermitteln. Es freut uns als die langjährigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Walter Deutsch sehr, dass der Senat unserer Universität übereingekommen ist, Walter Deutsch das Ehrendoktorat zu verleihen. Walter Deutsch steht für eine Generation akademischer Lehrer an unserem Haus, die Vieles, was als Fach erst später zu akademischen Würden gekommen ist, noch nicht studieren konnten, die aber zutiefst in der Kunst verankert sind und von dort her der Wissenschaft von dieser Kunst ihr unvergleichliches Profil mitgegeben haben.
Lit.: Walter Deutsch zum 60. Geburtstag. Ein Musiker in Praxis und Forschung. Eine Bio-Bibliographie. Hrsg. v. Institut für Volksmusikforschung in Wien, Wien 1983.
Gerlinde Haid: Walter Deutsch zum 60. Geburtstag. In: Jahrbuch des Österreichischen Volksliedwerkes 32/33, Wien 1984, S. 11-18.
Walter Deutsch (Hrsg.): Volksmusikforschung in Österreich 1965-1985. Berichte (=Schriften zur Volksmusik, 10), Wien 1985.
Tondokumente zur Volksmusik in Österreich. CDs mit Begleitheften. Vol. 1, Burgenland, Vol. 2, Niederösterreich, hrsg. v. Sepp Gmasz, Gerlinde Haid und Rudolf Pietsch, gewidmet emer. Prof. Walter Deutsch zum 70. Geburtstag. Wien, 1993.
Gerlinde Haid, Ursula Hemetek, Rudolf Pietsch (Hg.): Volksmusik – Wandel und Deutung. Festschrift Walter Deutsch zum 75. Geburtstag (=Schriften zur Volksmusik, 19), Wien 2000.
Uwe Harten: Deutsch, Walter. In: Österreichisches Musiklexikon Online, Wien 2002.
Eva Maria Hois, Michaela Brodl, Nicola Benz: „Ich durfte ein herrliches Leben leben“. Walter Deutsch – ein Mosaik seines Lebens. In: Jahrbuch des Österreichischen Volksliedwerkes 52, Wien 2003, S. 12-60.
Michaela Brodl: Bibliografie 1983-2002. In: Jahrbuch des Österreichischen Volksliedwerkes 52, Wien 2003, S. 61-87.
Jahrbuch des Österreichischen Volksliedwerkes Bd. 52, Wien 2003, zum 80. Geburtstag von Walter Deutsch mit den oben genannten Beiträgen und weiteren von Sepp Gmasz, Gerda Anderluh, Dorli Draxler, Klaus Petermayr, Harald Dengg, Hermann Härtel, Walter Meixner, Annaemarie Bösch-Niederer, Gertrud Maria Kaufmann, Ernst Weber, Gerlinde Haid und Helga Maria Wolf.
Gerlinde Haid

 

Bericht zur akademischen Feier
aus Anlass der Überreichung der Urkunde
zum Ehrendoktorat an em. Univ.-Prof. Mag. Walter Deutsch

Dienstag, 15. März 2011
Beginn: 17.00 Uhr
Ort: Joseph Haydn-Saal

Universität für Musik und darstellende Kunst Wien
Anton-von-Webern-Platz 1, 1030 Wien

 
PROGRAMM

Fanfare „honoris causa“
von Walter Deutsch

Ausführende:
Simon Zöchbauer (Trompete)
Philip Haas (Trompete)
Matthias Werner (Posaune)
Robert Puhr (Tuba)

Begrüßung
durch die Institutsleiterin ao. Univ.-Prof. Dr. Ursula Hemetek

Laudatio
Univ.-Prof. Dr. Gerlinde Haid und Ass. Univ.-Prof. Dr. Rudolf Pietsch

Überreichung
der Urkunde durch die Vizerektorin für Lehre und Frauenförderung,
ao. Univ.-Prof. Dr. Claudia Walkensteiner-Preschl an Walter Deutsch

Dankesworte mit einer Sonate für Violine, drei Liedern und einem Streichtrio

Musikalische Ausführung durch
Cornelia Sonnleithner, Gesang (Studierende von Judith Kopecky)
und Julia Tinhof (Klavier) am Institut Antonio Salieri
(Gesang in der Musikpädagogik) Leitung: Maria Bayer;
sowie durch Jocelyne Rainer-Gibert (Violine),
Ingomar Rainer (Klavier), Congcong Wang (Violine), Yushan Li (Viola), Daniel Kim (Violoncello)
unter der Leitung von Ingomar Rainer am
Joseph Haydn Institut für Kammermusik und Spezialensembles

Gaudeamus igitur

Im Anschluss an die Feier lädt das Institut für Volksmusikforschung
und Ethnomusikologie zu einem kleinen Buffet

IMPRESSIONEN
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