Motif-Centricity and Micro-Variation in Traditional Music

International Symposium, 9–12 November 2022
mdw – University of Music and Performing Arts Vienna
Department of Folk Music Research and Ethnomusicology
Virtual keynote address: Michael Tenzer (University of British Columbia)


Ein bedeutender Teil traditioneller Instrumentalmusik weltweit besteht aus der geringfügig variierten Wiederholung von ein bis zwei kurzen, Motiven, die gleichsam selbstgenügsam, ohne thematische Entwicklung, lange musikalische Abläufe bestimmen können. Bekannte Beispiele sind Tanzmusikstile aus dem Mittelmeerraum, von der südöstlichen Schwarzmeerküste, aber ebenso von den Karpaten, dem Balkan und aus Skandinavien. Neben Tanzmusik können auch Musik zum Zuhören oder solitäres Musizieren (Andrew Killick) diesem Gestaltungprinzip folgen.

In der Volksmusikforschung und Ethnomusikologie sind Felix Hoerburgers vergleichend-systematische Ansätze zu diesen Instrumentalformen (Musica Vulgaris, 1966) bislang kaum weiterverfolgt worden. Regionalstudien liegen allem zu Musiktraditionen der türkischen Schwarzmeerküste (Christian Ahrens), Norwegens (Tellef Kvifte) und besonders zu Italien vor (s. Christian Ferlaino 2018). Ziel des Symposiums war es, regionale, gattungsbezogene und musikpsychologische Ansätze und Forschungsergebnisse in einem internationalen Rahmen vorzustellen.

Die in Wien versammelten 32 Referentinnen und Referenten aus 15 Ländern bezeugten die Aktualität des Themas und den Bedarf nach internationalem und interdisziplinärem Austausch. Begrüßt wurden sie von Rektorin Ulrike Sych und dem Institutsleiter Marko Kölbl. Es folgte eine Einführung in das Symposiumsthema durch Ulrich Morgenstern. Eine besondere Ehre für das Institut war das virtuelle Eröffnungsreferat von Michael Tenzer als einer Schlüsselfigur im Schnittbereich von Ethnomusikologie, Musiktheorie und Komposition. Einer starken und in mancher Hinsicht provokativen Positionierung im Sinne der widererstarkten Strukturanalyse nicht nur, aber besonders oraler traditioneller Musik (cross-cultural musical analysis) folgten Fallbeispiele aus Uganda, Bali und Mexico. Die Eröffnungszeremonie wurde musikalisch umrahmt von Albin Paulus und Stephan Steiner, die auch den abendlichen Empfang der Symposiumsgäste gestalteten, an dem sich jedoch sehr schnell auch die Brüder Murad und Ismail Tavartkiladze aus Achara (Westgeorgien) mit georgischer Sackpfeife (chiboni) und Trommel (doli aktiv beteiligten.

In den folgenden drei Tagen präsentierten die Referentinnen und Referenten anhand ethnographischer und historischer Studien innere Gestaltungsprinzipien, außermusikalische Bezüge und musikkulturellen Voraussetzungen motivzentrierten Musizierens, ebenso seine musikpsychologischen Grundlagen und musikpädagogischen Perspektiven. Sehr deutlich wurde die häufige Bindung an den Tanz sowie an die aural-orale Vermittlung und die Fähigkeit kontinuierliche Mikroimprovisation, die bei einem Abreißen der mündlichen Überlieferung in mediengestützten Revitalisierungskontexten schnell abnimmt. Zahlreiche Beiträge bestachen durch innovative Analyse- und Visualisierungsmethoden. Ein Großteil der Vortragenden verfügt über langjährige, intensive musikpraktische Erfahrungen in den untersuchten Stilen. So wurden in zahlreichen Referaten die vorgelegten Überlegungen und Analysen durch anschauliche Live-Beispiele ergänzt. Entsprechend vielfältig waren dann auch die Beiträge im musikalischen Begleitprogramm – dem Musikantenstammtisch im Buschenschank Hengl-Haselbrunner und dem Abschlusskonzert. Dieses eröffneten nach einem Grußwort von Nicola Locatelli, dem Direktor des unterstützenden Istituto Italiano di Cultura Vienna, als geladene Musiker der launeddas-Spieler Maurizio Caria aus Italien und die Brüder Tavartkiladze). Die fachliche Einführungen übernahmen Marco Lutzu sowie Lolita Surmanidze und Nino Razmadze. Im zweiten Teil gaben die Tanzhausgeiger den internationalen Gästen Einblicke in die Wiener Volksmusikszene. Ebenfalls Teil des Symposium war die Präsentation des Buches Playing Multipart Music: Solo and Ensemble Traditions in Europe. (European Voices IV) aus der Institutsreihe Musik Traditionen / Music Traditions. An dieser nahmen neben den Herausgebern Ulrich Morgenstern und Ardian Ahmedaja auch die Koautorin und Referentin des Symposiums Gaila Kirdienė (Vilnius) teil und ebenso der Wiener Musikarchäologe Stefan Hagel (heptatonische Leier) sowie die Referenten Barnaby Brown (mesopotamische Silberpfeife) und Hermann Fritz mit einer Linzer-Geiger-Besetzung und Johanna Kugler mit einem Ensemble in transsilvanischem Stil.

Motif-Centricity and Micro-Variation in Traditional Music war eines der größten Symposien in der Geschichte des Instituts. Die Referentinnen und Referenten nutzten es zu einem ausgesprochen intensiven wissenschaftlichen und teils auch musikantischen Austausch in freundschaftlicher Atmosphäre. In der Schlussdiskussion war deutlich der Wunsch nach einer weiteren Zusammenarbeit zu spüren.

Besonders hervorzuheben sind die intensiven organisatorischen Vorbereitungen durch die Symposiumskoordinatorinnen Ilona Eggl und Nina Wasilewa-Zanechev, beide Studentinnen des Masterstudiums Ethnomusikologie. sowie die dokumentarische Begleitung und archivalische Aufarbeitung des Symposiums durch Elnaz Mohammadzadeh sowie Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Seminars Einführung in die Feldforschung.