„Performing the piece now feels like we are chasing meaning but then constantly undermining it from another direction, or from another form; so if we are making music, then it’s undermined by the dance, or the dance is undermined by the words.“

Jonathan Burrows, 2005

Rhythmik
©Leopold Krenn

Was in diesem Zitat so treffend beschrieben wird, ist ein Prozess des Suchens nach Bedeutung im künstlerischen Tun, dessen Verlauf gleichzeitig permanent von Sinneswahrnehmungen geprägt ist. Diese münden wiederum in ästhetische Entscheidungen und Handlungen. Die vielfältigen kinästhetischen, visuellen, auditiven, taktilen und haptischen Eindrücke, die während einer Improvisation mit den Medien Körper, Musik, Bild und Sprache auf die agierende Person einwirken, werden Motor eigener, neuer Handlungen als Ausdrücke. Im Rhythmikstudium1 hat dieser sinnliche Zugang über kunstgeleitete Methoden einen hohen Stellenwert in der künstlerisch-pädagogischen Praxis. Die hier definierte Improvisation unterscheidet sich von einer Gestaltung als ausgearbeitetem Stück dadurch, dass sie ihre Entwicklungsenergie aus dem momentanen Erleben heraus bezieht, ein auf vielen Ebenen – psycho-akustisch, neurobiologisch, psycho-motorisch – sozial komplexer Vorgang. Die Improvisation nimmt – qualitativ und quantitativ betrachtet – innerhalb des Rhythmikstudiums einen großen Stellenwert ein. So werden Studierende über acht Semester in Klavier- und Instrumentalimprovisation sowie Bewegungsbegleitung2 an ihrem ersten Instrument ausgebildet, studieren ebenso intensiv die Bewegungsimprovisation und die interdisziplinäre Improvisation im Hauptfach Rhythmik/Musik und Bewegung. Oftmals werden improvisatorische Prozesse in diesen Fächern durch Anregungen zur ästhetischen Transformation initiiert. „Zeige, was du hörst“ lautete die Aufforderung Émile Jaques-Dalcrozes3 zur Übersetzung von einem Ausdrucksmedium in ein anderes, hier von Musik in Bewegung. Die ästhetische Transformation ist ein Phänomen, welches für die Rhythmikausbildung als interdisziplinäres „Hybrid-Studium“4 mit den Säulen Musik und Bewegung konstituierend ist. In verschiedenen Gestaltungsfächern innerhalb des zentralen künstlerischen Fachs Rhythmik finden permanent Auseinandersetzungen mit Rezeption und Produktion, Kognition und Perzeption in und durch Musik, Körper/Bewegung/Tanz, Bild/Objekt und Sprache statt.5

Rhythmik
©Leopold Krenn

Was geschieht in dem ästhetischen Transformationsprozess („Zeige, was du hörst“)? Geht es darum, einem Klang oder einem musikalischen Motiv auf den Grund zu gehen, tanzend seinem „Geschmack“ nachzuspüren? Wie können dabei Dimensionen von Klang wie Tondichte, Tonhöhe, Klangfarbe in Bewegung als Nuance im Muskeltonus oder auch als Ausrichtung im Raum erfahren werden?

Oder dient der Transformationsprozess einer Materialrecherche für eine künstlerische Gestaltung? Welche Rolle spielt der Dialog mit sich selbst, mit einem Gegenstand, einem Gegenüber oder einer Gruppe in diesem Zusammenhang? Bildet die Suche nach Bedeutung, von Burrows im Eingangszitat mit „chasing meaning“ beschrieben, grundsätzlich den roten Faden in ästhetischen Handlungen?

Ästhetische Transformation ist geprägt von höchst individuellen Wahrnehmungs- und Wirkungsweisen der Ausdrucksmedien6 Musik, Körper, Bild und Sprache. Der Versuch, die ästhetische Aussage eines Ausgangsmediums (Körper) durch ein zweites, anderes Medium (Musik) analog abzubilden, ist als Forschungsgegenstand hochinteressant, da diese Ausdrucksmedien sowohl ähnlichen als auch verschiedenen Gesetzmäßigkeiten folgen. Konkret gesprochen: Wie kann der Körper als ein im Raum verankertes Phänomen in Musik als ein nur in zeitlichen Strukturen existierendes Phänomen übersetzt werden? Wie drücken sich Ereignisse in Raum, Zeit, Kraft und Form musikalisch aus, wie in Bewegung? Wenngleich die Musik bei der Entstehung einer Komposition ihren eigenen musikspezifischen Gesetzmäßigkeiten folgt, werden ihr dennoch neue Potenziale eröffnet werden. Die Übernahme von Merkmalen aus einem anderen Medium wie einem Bild – die Idee von Räumlichkeit, Nähe und Distanz, Farben o. Ä. – regt zum Experimentieren mit neuen Zeitverläufen, Nuancen in Klangfarbe, harmonischer Progression oder neuen formalen Anordnungen an.

Rhythmik
©Leopold Krenn

Analog zu den beschriebenen Wirkungsweisen der Ausdrucksmedien werden im Rhythmikstudium die individuellen Empfindungen, Wahrnehmungs- und Handlungsweisen einer Person selbst betrachtet. Und genau hierin liegt das Potenzial für die rhythmikspezifische Gestaltungsarbeit: Studierende sind dazu aufgefordert nicht reproduzierend, sondern kreativ eigene Ideen und Gestaltungen zu entwickeln. Eine subjektive Positionierung zu einer künstlerischen Idee bei gleichzeitiger reflektierender Distanz ebnet den Weg zur Entwicklung eines persönlichen Kunstwerks und darüber hinaus zu einem persönlichen Kunstbegriff – und zur Entwicklung einer Haltung für die künstlerisch-pädagogische Praxis.

Autor_innen: Hanne Pilgrim, Jutta Goldgruber-Galler, Nora Schnabl, Herta Hirmke-Toth

 

Literatur:

  • Brandstätter, Ursula (2008). Grundfragen der Ästhetik. Wien: Böhlau.
  • Brandstätter, Ursula (2013). Erkenntnis durch Kunst. Wien: Böhlau.
  • Burrow, Jonathan (2005) zitiert nach Julia Ostwald beim Vortrag Tanz – Stimme – Notation (Symposium Notation: Imagination und Übersetzung, Wien 2018)
  • Jaques-Dalcroze, Émile (1994). Rhythmus, Musik und Erziehung. Seelze: Kallmeyer.
  • Pötschke, Margot (1960). Zeige, was du hörst. Teil 1. Frankfurt: Wilhelm Hansen.

 

1 Die genaue Bezeichnung ist laut Studienplan „Musik- und Bewegungspädagogik/Rhythmik“, hier wird zugunsten des Leseflusses die Bezeichnung „Rhythmikstudium“ verwendet.

2 Ein spezifisches in der Rhythmikausbildung zentrales Fach, wo es um das Improvisieren differenzierter instrumentaler Begleitungen in Bezug auf Bewegung/Tanz geht.

3 Der in Wien geborene Komponist und Musikpädagoge ist der Begründer der um die Jahrhundertwende vom 19. auf das 20. Jh. entstandenen Methode „Rhythmik“ (damals rhythmische Gymnastik genannt). Jaques-Dalcroze wollte Musik körperlich im Raum sicht- und erlebbar machen. Er ging davon aus, dass vor Beginn einer ästhetisch-künstlerischen Bildung die im Menschen wirkenden Kräfte physisch bewusst gemacht und zielgerichtet eingesetzt werden sollten. Dalcroze gilt als Weichensteller im modernen Tanz und in der elementaren oder auch „komplexen“ Musikpädagogik.

4 Das Besondere im Rhythmikstudium ist, dass Musikausbildung und Bewegungsausbildung nicht parallel voneinander stattfinden, sondern im zentralen künstlerischen Fach Rhythmik in stetigem Wechselbezug zueinander gelehrt, praktiziert und beforscht werden; natürlich gibt es zahlreiche Lehrveranstaltungen, die innerhalb des curricularen Moduls Praxis von Musik und Bewegung der rein musikalischen oder tänzerischen Ausbildung dienen.

5 Als besondere Voraussetzung kommt hier hinzu, dass die Gestaltungsfächer vorwiegend als Gruppenunterricht stattfinden, was besondere Potenziale für kreative und interaktive Prozesse mit sich bringt.

6 Ursula Brandstätter beschreibt in Grundfragen der Ästhetik (2008) und Erkenntnis durch Kunst (2013) die Wahrnehmungs- und Wirkungsweisen der Ausdrucksmedien Musik, Bild, Sprache und Körper und entwickelt darüber hinaus Thesen zum erkenntnistheoretischen Potenzial von ästhetischer Transformation.

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