Seit nunmehr 30 Jahren lenkt Thomas Angyan als Generalsekretär der Gesellschaft der Musikfreunde die Geschicke des Wiener Musikvereins. Im Interview mit dem mdw-Magazin erklärt der Intendant, warum er trotz des Ausstiegs der Wiener Festwochen ein Musikfest veranstaltet, und spricht über Kinder- und Jugendprojekte, Planungsphasen, Budgets und Leonard Bernstein.

Thomas Angyan
Thomas Angyan ©Wolf-Dieter Grabner / Musikverein

Herr Dr. Angyan, die Wiener Festwochen sind aus dem traditionellen Musikfest, das es seit 1953 gab, ausgestiegen, dennoch machen Sie von 6. Mai bis 10. Juni Ihr eigenes Musikfest. Was hat Sie zu dieser Entscheidung bewogen?

Thomas Angyan (TA): Aufgrund der Tatsache, dass das Wiener Publikum wie auch der Tourismus um diese Zeit Musik verlangt, haben wir uns dazu entschlossen, unser eigenes Musikfest zu veranstalten. Es wird 59 Konzerte geben; an die 70.000 Karten werden aufgelegt. Man darf ja nicht vergessen, dass die Wiener Festwochen ursprünglich auch ein Musikfest waren, das mit dem Musikverein, dem Konzerthaus, der Staatsoper und vielen anderen Institutionen sehr breit aufgestellt war. Wir wollen daher dem Wiener Publikum auch ohne Festwochen einen musikalischen Kulturteil anbieten. Und zwar alternierend mit dem Konzerthaus. So soll es auch sein und bleiben. Die Biennale wird nicht infrage gestellt. 2019 kommt somit das Konzerthaus dran. Und wir dann wieder im Jahr 2020.

Drei Schwerpunkte werden das Musikfest 2018 prägen. Der Beethoven-Zyklus mit Franz Welser-Möst und dem Cleveland Orchestra, der 100. Geburtstag von Leonard Bernstein sowie der 100. Todestag von Claude Debussy. Franz Welser-Möst wird mit dem Cleveland Orchestra, das 2018 sein 100-Jahr-Jubiläum feiert, alle Beethoven-Symphonien sowie andere relevante Werke des Komponisten präsentieren. Wir nennen es „Prometheus-Projekt“, und an einem Abend wird er auch über seinen Zugang zu Beethoven sprechen. Ich glaube, dass Welser-Möst mit seiner Sichtweise einiges zu Beethoven zu sagen hat.

Zum 100. Todestag von Claude Debussy …

TA: … wird vor allem die Staatskapelle Berlin mit Daniel Barenboim viel beitragen. Gemeinsam mit Martha Argerich werden binnen einer Woche viele Schlüsselwerke Debussys zu hören sein. Und dann wird natürlich Leonard Bernstein mit vielen Stücken und auch im Rahmen eines Symposiums extrem präsent sein.

Sie haben Bernstein persönlich gekannt. Wie war er als Künstler und als Mensch?

TA: Bernstein ist der Grund, warum ich im weitesten Sinne überhaupt im Kulturmanagement gelandet bin. Und Bernstein ist verantwortlich für meinen Zugang zu Gustav Mahler. Als ich in den 80er-Jahren die Jeunesse geleitet habe, war er jedes Jahr in Wien und hat Konzerte verfilmt. Damals noch mit 16-Millimeter-Kameras, bei denen man alle 15 Minuten das Band wechseln musste. Das war natürlich für ein „normales“ Publikum störend. Also sagte Bernstein: „Bringt doch junge Leute ins Konzert.“ So bin ich ihm erstmals begegnet.

Und wie ging es weiter?

TA: 1985 waren wir gemeinsam auf Tournee in Hiroshima, die sogenannte Peace-Tour. Ich bin in als Vertreter der Jeunesse mitgefahren, weil der Jeunesse-Chor gesungen hat. Das waren sehr bewegende Konzerte. Bernstein war eine Künstlerfigur, die für mich ein Vorbild war. Ich habe versucht, alles, was er künstlerisch, menschlich und pädagogisch weitergegeben hat, zu verinnerlichen. Bis heute muss ich mir mindestens einmal im Jahr die Haydn-Symphonie Nr. 88 aus dem Musikverein, die er NICHT dirigiert hat, auf YouTube anhören. Wenn man das Gesicht und die Augenbewegungen ansieht, ist das einzigartig.

Der Musikverein steht aber nicht nur für eine große Vergangenheit, sondern auch für die Zukunft. Sie machen sehr viel für Kinder und Jugendliche …

TA: Wir unterscheiden auf der einen Seite Konzerte für Kinder und Jugendliche und auf der anderen Seite Konzerte, in denen wir junge Künstler präsentieren. Es ist ein Glück, dass wir die vier neuen Säle gebaut haben. Was junges Publikum betrifft, übersteigt die Nachfrage bei Weitem das Angebot. Da gibt es gestaffelt nach Altersstufe Konzertzyklen. Unter der Woche kommen etwa geschlossene Kindergartenklassen. An Wochenenden verkaufen wir Karten an interessierte Kinder und Eltern.

Wie kann man sich diese geschlossenen Konzerte für Kindergärten oder Schulen vorstellen?

TA: Wir versuchen damit bewusst auch bildungsfernere Schichten zu erreichen. So richten sich die nicht öffentlichen Proben gezielt an Schulklassen der Oberstufe, also Jugendliche im schwierigsten Alter. Danach gibt es immer auch Gespräche mit den Künstlern, in denen es nicht nur um Musik, sondern auch um das Leben des Künstlers geht. Damit wollen wir auch Jugendliche erreichen, die klassische Musik vielleicht nicht so cool finden. Dazu gibt es auch die mir sehr wichtige Kooperation mit der mdw.

Die sich auch in Konzerten niederschlägt …

TA: Mir ist es ein Anliegen, dass das Webern Symphonie Orchester jedes Jahr mit namhaften Dirigenten auftritt, von Riccardo Muti über Zubin Mehta bis Pierre Boulez, – heuer kam Christoph von Dohnányi. Übrigens: 1909 ging die mdw aus dem Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde hervor.

Und heute?

TA: Heute wollen wir als Gesellschaft der Musikfreunde, nicht als Lehrende von Musikinteressierten auftreten. Aber wir wollen jungen Künstlern eine Plattform bieten. Etwa mit dem Zyklus
Rising Stars mit Musikern wie Harriet Krijgh oder Emmanuel Tjeknavorian. Auch Martin Grubinger hat hier angefangen. So sind Weltkarrieren entstanden. Auch deshalb ist es ein Glück, dass wir die vier neuen Säle haben, in denen wir den jungen Künstlern eine Auftrittsmöglichkeit vor Publikum geben können.

Wie beurteilen Sie generell den Musiknachwuchs in Österreich?

TA: Die Ausbildung etwa an der mdw ist hervorragend. Ich glaube, dass die Musikschulen insgesamt eine sehr gute Arbeit leisten. Im Schulbereich ist die Situation leider anders.

Inwiefern?

TA: Es gibt in den Schulen immer weniger Musikunterricht. Da wurde extrem gekürzt. Lehrer, die mit ihrer Klasse ein Konzert besuchen, müssen das in ihrer Freizeit machen. Dass wir übrigens bei der Gesellschaft der Musikfreunde für unsere Jugendförderungen keine öffentlichen Subventionen bekommen, nehmen wir mit Bedauern zur Kenntnis, aber wir machen es trotzdem. Wir fühlen uns verpflichtet, jungen Menschen den Zugang zu unserer Musikkultur zu ermöglichen. Dabei wäre es so notwendig Musik, Literatur und bildende Kunst, etwas wichtiger zu nehmen.

Stichwort Subventionen: Die öffentliche Hand lässt immer mehr aus.

TA: Wir bekommen von Bund und Stadt nur je ein Prozent unsere Budgets. Beim Bund liegt das Ansuchen auf einen neuen Dreijahresvertag. Mein Ziel ist es, in mehreren Schritten wieder dorthin zu kommen, wo wir 2014 standen. Nämlich auf eine Subvention in Höhe von zwei Prozent des Gesamtbudgets. Bei der Stadt Wien läuft der aktuelle Vertrag noch ein Jahr, dann werde ich neu ansuchen.

Sie planen schon für 2020?

TA: Ja. Auch das Musikfest 2018 war relativ weit gediehen, als uns im Herbst 2016 bekannt gegeben wurde, dass die Wiener Festwochen auf unsere Mitwirkung verzichten würden, mit der Begründung, dass Musik in der Form, wie sie im Musikverein aufgeführt wird, uninteressant sei. Was 2020 betrifft, haben wir die großen Linien und bei Orchesterprojekten schon mehr als die großen Linien fertig.

2020 gibt es auch wieder Jubiläen …

TA: Die Gesellschaft der Musikfreunde hat das Privileg, immer etwas feiern zu können. 2020 etwa 150 Jahre Musikvereinsgebäude und natürlich feiern wir den 250. Geburtstag Ludwig van Beethovens, Ehrenmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde. Diese Kombination wird sicher eines der großen Themen des Musikfestes 2020 sein.

Also ist Wien in Ihren Augen weiterhin die Welthauptstadt der Musik?

TA: Ganz bestimmt. Und vom Publikum wird das ja auch entsprechend gewürdigt.

 

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