Ganz so alt wie die mdw ist Wien Modern noch nicht: Doch das 30-jährige Jubiläum von Österreichs wichtigstem Neue-Musik-Festival ist Grund genug, drei zentrale Projekte von Studierenden und Lehrenden bestreiten zu lassen. Das heurige Thema „Bilder im Kopf “ ist ebenso anspruchsvoll wie vielfältig.

Wien Modern
©Astrid Karger / Montage Pentagram Berlin

200 Jahre mdw und 30 Jahre Wien Modern, das war für Bernhard Günther ein guter Anlass, um ausführlich über Nachwuchsarbeit im Feld der Neuen Musik nachzudenken. Der gebürtige Schweizer, der zuvor Chefdramaturg der Philharmonie Luxembourg war, ist seit dem Vorjahr Leiter des renommierten, 1988 auf Initiative des Dirigenten Claudio Abbado gegründeten Festivals, bei dem auch die mdw von Anfang an durch ein von Hartmut Krones konzipiertes Begleitsymposion mit dabei war. Günther seinerseits wirkte zwischen 1994 und 2004 am mica (music information center austria), wo er unter anderem das umfassende Lexikon zeitgenössischer Musik aus Österreich herausgab, er kennt die Szene daher wie kaum ein anderer.

Bernhard Günther
Bernhard Günther ©Nafez Rerhuf

Hinsichtlich der Förderung junger Musikerinnen und Musiker im zeitgenössischen Bereich und ihrer Verbindung mit dem Festival ortet er im Gespräch mit dem mdw-Magazin einigen Raum an Verbesserungen: „Wien Modern war in den 1980er und 1990er Jahren ein junges Festival, bei dem etliche junge Studierende im Publikum gesessen sind. Diese Leute sind über die Jahre erhalten geblieben und ein bisschen mit Wien Modern mitgealtert. Über die Zeit ist das Interesse von Studierenden aber ein wenig gesunken, inzwischen steigt es wieder deutlich.“ Gestiegen ist in den letzten Jahren auch das universitäre Interesse an neuer Musik, das Lehrangebot und damit die Qualität der Interpretationen: „Ich traue mich zu sagen“, so Günther, „dass sich die junge Generation von InterpretInnen im Niveau extrem verbessert hat. In den 1980er Jahren war das noch ganz anders. Heute kann man bei Klassenabenden komplexe zeitgenössische Werke hören, die so gut gespielt werden, wie es vor 30 Jahren undenkbar gewesen wäre.“

Es war ihm, erzählt Günther weiter, daher ein Anliegen, Studierende auch aktiv in das Festival einzubinden und die „Verantwortung für wichtige, glanzvolle Augenblicke“ übernehmen zu lassen. Neben der mdw-Rahmenhandlung, die seit dem Vorjahr als Nachfolgeprojekt des Symposions das Programm mit wissenschaftlichen Vorträgen und Gesprächen reflektiert, gibt es in der heurigen Jubiläumsausgabe gleich drei künstlerische Kooperationsprojekte: Die Webern Kammerphilharmonie realisiert am 16. November unter der Leitung von Simeon Pironkoff den monumentalen Orchesterzyklus Les Espaces Acoustiques von Gérard Grisey, der seine klanglichen Räume Schritt für Schritt erschließt: von einer Solobratsche (Rafal Zalech), die das erste Stück allein bestreitet, über wachsende Ensemblegrößen bis zum großen Orchesterapparat mit vier Solisten.

Bilder im Kopf
Bilder im Kopf ©Meyers großes Konversationslexikon, 1905

An denkbar prominenter Stelle – beim festlichen Abschlusskonzert – am 1. Dezember spielt das eigens formierte mdw Orchester Wien Modern unter der Leitung von Jean-Bernard Matter im ORF RadioKulturhaus eine Reihe von neuen Stücken, die aus einem gemeinsamen Kompositionswettbewerb von Wien Modern und der mdw hervorgegangen sind: Von einer siebenköpfigen Jury ausgewählt wurden Werke von Víctor Báez, Constant Goddard, Shin Kim, Marko Markuš, Mathias Johannes Schmidhammer und Elias Spricht (Razumeiko Illia), allesamt Studierende oder frische Absolventen des Instituts für Komposition und Elektroakustik, die sich dafür auf das Festivalmotto „Bilder im Kopf“ zu beziehen hatten.

Ganz im Zeichen dieses Themas steht auch bereits das Claudio-Abbado-Konzert am 4. November, das den Geist des Gründervaters heraufbeschwören soll und bei dem das von Ilan Volkov geleitete Webern Symphonie Orchester der mdw zusammen mit dem Orchestre du Conservatoire national supérieur de musique et de danse de Paris ein vielfältiges Programm präsentiert. Darunter ist auch die Uraufführung des Stücks Das Imaginäre nach Lacan von Iris ter Schiphorst (Musik), Professorin für Medienkomposition und Angewandte Musik an der mdw, und Helga Utz (Text, nach Dichtungen aus dem arabischen Raum, vor allem aus der vor- und frühislamischen Zeit).

Im Werkkommentar dazu heißt es: „Das Stück operiert als Folie für unsere Wahrnehmung; in dieser ‚Versuchsanordnung‘ verkörpert die Solistin Salome Kammer eine Frau in zwei Rollen: eine Araberin und eine Europäerin. Im Verlauf des Stückes wechselt sie zwischen diesen beiden Rollen hin und her. Durch zum Teil buchstäbliche Wiederholungen musikalischen Materials – jedoch in unterschiedlicher Rolle ‚verkörpert‘ – gerät unsere Wahrnehmung in den Fokus. Werden die Rezipienten die gleiche musikalische Aussage anders interpretieren, je nachdem, ob sie eine ihnen vertraute oder fremde Gestalt wahrnehmen? Und wenn ja, wie? Wodurch entstehen die Bilder in unserem Kopf? Sehen wir nicht immer schon wie durch einen Schleier und machen uns unser ganz eigenes Bild?“

Iris ter Schiphorst
Iris ter Schiphorst ©Susanne Müller

Bernhard Günther, der Iris ter Schiphorst eine „bildhafte Orchestersprache“ zuschreibt, berichtet, das Stück falle „aus dem Rahmen eines normalen Konzertsettings. Daneben stehen mit dem Concerto für Akkordeon und Orchester von Georges Aperghis und Le Passage du Styx d’après Patinir von Hugues Dufourt zwei Meisterwerke der Orchesterliteratur, die komplett im Rahmen des klassischen Konzertformats bleiben. Das Imaginäre nach Lacan von Iris ter Schiphorst ist hingegen ein unkonventionelles Stück, das man nie in einem Orchesterkonzert erwarten würde und das ganz starke ,Bilder im Kopf‘ erzeugen kann.“

Zu den Überlegungen, die allgemein hinter dem Festival-Motto stehen, sagt Günther: „Ich bin davon überzeugt, dass Musik ganz allgemein starke Bilder erzeugen kann, dass das aber zeitgenössische Musik auf sehr reiche, verschiedene Weise tut. Das widerspricht dem Klischee, dass es sich hier um eine trockene Materie handle. Aufgabe eines Festivals wie Wien Modern muss es sein, in die Breite zu gehen und zu zeigen, wie bunt und überraschend vielfältig neue Musik eigentlich ist.“

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