Beverly Blankenship, Lehrende am Institut für Gesang und Musiktheater der mdw, erzählt im Interview, warum man für den Regieberuf eine Elefantenhaut braucht, wie die Probenarbeit in einem internationalen Ensemble aussieht, was sie von ihren Studierenden gelernt hat und wie sie zum deutschsprachigen Regietheater steht.

Welche Eigenschaften muss man für den Regieberuf mitbringen?

Beverly Blankenship (BB): Eine große Portion Überzeugung − man sollte unbedingt Regie führen wollen. Damit man stark genug ist, Kritik und Rückschläge einzustecken. Man muss ein Stehaufmännchen sein, denn man bekommt unweigerlich viel auf den Kopf. Gleichzeitig sind Teamgeist und die Liebe zum Theater oder zur Oper wichtig. Und Neugierde auf die Welt und die Frage, wie transformieren wir diese Welt auf die Bühne. Am Theater kann man kein Eigenbrötler sein.

War es früher schwieriger, als Frau anerkannt zu werden?

BB: Es war fast unmöglich. Als ich zu arbeiten begann, war ich in den meisten Häusern die erste regieführende Frau. Viele Intendanten haben sich gewehrt, wollten lieber Männer engagieren. Auch deshalb denke ich, man braucht eine Elefantenhaut. Es ist natürlich mittlerweile für Frauen einfacher geworden und es gibt viele junge, begabte Regisseurinnen. Trotzdem ist dieser Beruf schwierig: Man muss einiges aushalten und dennoch gleichzeitig sensibel bleiben, was die Kunst betrifft. Welche Herausforderung dieser Spagat ist, merke ich auch bei meinen Studierenden. Einige sind sehr begabt, aber ich weiß nicht, ob sie die Kraft für den Job haben.

Regieklasse
©Theresa Pewal

Sie erarbeiten gerade die Purcell-Oper King Arthur mit ihrer Regieklasse. Wie gehen Sie vor? Wird lange gemeinsam am Tisch gesessen und geredet oder wechseln sie schnell zu konkreten Probeszenen?

Regieklasse
©Theresa Pewal

BB: Das macht jeder anders, ich gehe früh in die Probenzeit. Auch aus pragmatischen Gründen, denn ich habe viele Studierende, die nicht so gut Deutsch können, weil sie aus Japan, Thailand, Korea, Taiwan, Finnland oder Island kommen. Wir sind eine internationale Truppe, da hat es nicht viel Sinn, lange zu reden. Wir diskutieren mit den Körpern. Ich habe eine Methode entwickelt, wie wir kommunizieren können. Ich sage: „Zeig mir, was du denkst, eine Szene oder ein Bild.“ Dass man sich um den Tisch schart, ist übrigens nur im Schauspiel üblich, wir sitzen am Anfang rund um ein Klavier.

Wie interpretieren Sie diese Barockoper?

BB: Wir haben eine neue, tollkühne Version erfunden. Die meisten Opern sind monolithisch in Erz gegossen, es gibt kaum Chancen, etwas zu verändern. In der Oper hat man viel weniger Freiheiten als im Theater. King Arthur ist ja eine Semi-Oper, also ein gesprochenes Drama mit gesungenen Szenen. Deshalb dachte ich, damit kann man gut experimentieren.

Früher reichte es, wenn die SängerInnen schön singen konnten, tolle Schauspielleistungen waren die Ausnahme. Mittlerweile hat sich das sehr verändert.

BB: In der Opernklasse lernen die Studierenden, dass sie singen und spielen müssen. Ich habe tolle Leute an der Universität und kann ihnen gut helfen, weil ich ja selber Schauspiel studiert und im Theater gearbeitet habe. Ich komme aus einer Opernsänger-Familie, kenne also beide Seiten der Arbeit, das Spiel und die Regie. Das ist im Unterricht sehr praktisch.

Regieklasse
Studierende bei den Proben zu King Arthur im Oktober ©Theresa Pewal

Was haben Sie von der Arbeit mit Studierenden gelernt?

BB: RegisseurInnen sind kleine Napoleone: Sie wollen die Fäden in der Hand halten. Durchs Unterrichten habe ich gelernt, dass ich nicht überall meine Pranke drauf haben muss. Ich kann loslassen und sagen: „Ihr habt Talent, macht einfach. Ich vertraue darauf, dass ihr gute Arbeit leistet.“ Bei King Arthur sind zwei meiner Regiestudenten und ich für das Ergebnis verantwortlich. Durch die Studierenden kommt etwas Junges, Frisches auf einen zu, ich lerne ganz neue Welten kennen.

Beverly Blankenship
Beverly Blankenship ©Theresa Pewal

Wollten Sie immer schon unterrichten?

BB: Das hat sich ergeben. Ich habe eigentlich immer unterrichtet, seitdem ich 26 war. Leute haben mich gefragt und nach einer Weile wollte ich es auch, weil es Spaß macht. Oper ist teuer, da ist ein Riesendruck auf der Produktion, deshalb war ein Workshop erholsam. Man wusste, man kann experimentieren, etwas ausprobieren. Viele meiner Regie-Ideen sind an Hochschulen entstanden, an denen ich unterrichtet habe.

Gibt es Unterschiede zwischen dem Unterricht in Europa, den USA oder Australien?

BB: Der angelsächsische Raum ist schon sehr anders. Ich unterrichte eher in diese Richtung, es geht mir um Teamfähigkeit, Eigenverantwortlichkeit und das Ausprobieren verschiedener Stile. Ich bin in Australien immer erstaunt, wie unabhängig die SängerInnen und SchauspielerInnen sind. Die kommen mit tollen Ideen. Im deutschsprachigen Raum ist die Regie oft überschätzt, das Produkt wird zu sehr intellektualisiert. Theater ist doch vor allem ein magischer Ort, wo die Leute zusammen atmen. Das ist in unserer digitalen Welt so kostbar.

Beverly Blankenship
Beverly Blankenship ©Theresa Pewal

Aber für starke Konzepte in der Regie ist das deutschsprachige Theater doch in aller Welt berühmt.

BB: Aber das Konzept genügt nicht, man muss Theater mit Leben füllen. Ich glaube nicht, dass die Leute in der Antike unbedingt Antigone sehen wollten. Das Stück war traurig, da musste man weinen. Das Publikum wurde zwar gequält, aber nicht verachtet. Es wurde ihm eine Geschichte erzählt. Ich glaube, zentral ist − egal, wie schwierig ein Stück oder eine Oper auch sein mag − dass man die ZuschauerInnen auf eine Reise mitnimmt. Dass sie über die Inhalte diskutieren und nicht darüber, was die Regie gemacht hat. Konzepte sind schließlich nicht das Ziel, sondern nur ein Werkzeug, um sich dem Inhalt zu nähern.


Theresa Pewal

Theresa Pewal
Theresa Pewal ©Marie-Louise Schütz

die in Ausgabe 04/2016 zwei Fotoshootings für das mdw-Magazin gemacht hat, hat an der mdw ihren Bachelor in Instrumental(Gesangs)pädagogik (IGP) Blockflöte mit Auszeichnung absolviert und studiert derzeit Konzertfach Blockflöte am MUK. Hauptberuflich ist sie begeisterte Fotografin. Beide Interessen begleiten sie schon recht lange und lassen sich im Alltag gut kombinieren. „Ich brauche beide Leidenschaften, um zu existieren. Sie geben sich die Hand und sorgen stetig für einen nahrhaften Boden.“ www.theresapewal.com

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