VIVAT EMERITA - Bericht akademische Feier und Buchpräsentation aus Anlass der Emeritierung von o.Univ.Prof. Mag. Dr. Gerlinde Haid

 

Rede von Gerlinde Haid beim Fest „Vivat Emerita“

am 30. Juni 2011 im Joseph-Haydn-Saal

an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien


Aussichten am Übergang

„rites de passage“ – Übergangsriten, so hat Arnold van Gennep jene Bräuche genannt, die Menschen begleiten, wenn sie von einem Stadium ins nächste überwechseln. Da steh ich also und bin im Wechseln, von der Ordinaria zur Emerita, und Sie alle begleiten mich. Danke, danke, danke. Da wurden wahnsinnig viele Vorbereitungen getroffen, kollektive und individuelle, inhaltliche und organisatorische, mündliche und mailische, orale und schriftliche, da wurde gewispert, geschrieben, geschickt, gedruckt, geprobt, gedacht und hoffentlich auch gelacht, recherchiert und verworfen, geblödelt und ganz seriös überlegt, und alles an der Ordinaria vorbei. Herausgekommen ist ein wunderbares Fest und ich hoffe, dass es alle genießen.
Ich freu mich über die Anwesenheit meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, über meine Kolleginnen und Kollegen, Verwalterinnen und Verwalter, Freundinnen und Freunde, Begleiterinnen und Begleiter, Gewährsfrauen und Gewährsmänner, Alles gendermäßig korrekt. Ich freu mich sehr, dass auch die Verwandtschaft da ist, aus Aussee, aus Wien, aus Pernitz, aus Wieselburg an der Erlauf, aus Tirol, soweit es ihr möglich war.
Ich danke herzlich für die schöne Laudatio von Walter Deutsch – wir haben in letzter Zeit immer wieder Gelegenheit einander abwechselnd zu loben. Es handelt sich vermutlich um eine Alterserscheinung, die man schwer unter Kontrolle bekommt. Ab Oktober, wenn ich dann tatsächlich emeritiert bin, bilden wir in diesem Institut ein gemeinsames Emeritat – eine Konstellation, die wahrscheinlich nicht oft vorkommt.
Ich danke für die schönen und berührenden Worte von Maria Walcher und für das Herbeizaubern des Landlquartetts.
Ich freu mich sehr, dass die Fanfare, die Walter Deutsch anlässlich der Überreichung des Ehrendoktorates an ihn komponiert hat, nun auch für mich erklingt. Wir haben es also bereits mit einem „traditionellen“ Musikstück zu tun. Ich danke der Gruppe Federspiel, die die Fanfare geblasen hat.
Ich danke natürlich dem Chor der Frauen des Senats und meiner Kollegin Annegret Huber, die diesen nicht nur geleitet sondern vermutlich auch initiiert hat.
Ich danke allen Musikerinnen und Musikern, die gekommen sind, und ihre Reverenzen mitgebracht haben, und allen, die für das „Kredenzen“ sorgen.
Ich danke meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die das Alles vorbereitet haben – zu ihnen darf ich später noch etwas sagen.
Ich danke dem Senat und seinem Vorsitzenden herzlich für die goldene Verdienstmedaille, die ich bekommen habe, und Vizerektor Gregor Widholm für die Überreichung. Diese Auszeichnung freut mich, weil sie die Wissenschaft an unserem Hause ernst nimmt, so wie sie es verdient. Kunst und Wissenschaft sind zwei verschiedene Seiten der gleichen Medaille, das hab ich von meinem Lehrer Franz Eibner gelernt, und das hat sich mir tief eingeprägt. Es bedeutet, daß dann, wenn Künstler oder von Kunst affizierte Menschen sich ernsthaft auch als Wissenschaftler ihrem Lebensthema nähern, nicht eine Wissenschaft zweiter Klasse entstehen muss, sondern dass auch eine Wissenschaft der Sonderklasse entstehen kann, in der das künstlerische Gedächtnis und die künstlerische Erfahrung die wissenschaftliche Auseinandersetzung grundiert und ihr Ideen mitgibt, die niemand anderer so haben kann.
Ich danke allen, die zur Festschrift beigetragen haben, ganz herzlich. Dem Verlag, den Schreiberinnen und Schreibern, dem Herausgeberteam. Ich danke allen, die das Erscheinen dieser Festschrift auch finanziell unterstützt haben und sich als Gratulanten eingetragen haben. Ich kenne bis jetzt nur das Inhaltsverzeichnis, aber das allein ist schon reinste wissenschaftliche Poesie und klingt wie der Beginn einer nie gehaltenen Vorlesung. Diese Skizzen und Jubiläumstexte aus dem Herzen von Österreich! Dieser Corpus von der Karteikarte zum Titeldatensatz, mit Stimmen der Lieder in Völkern und Musikalien als Zeugnisse des Zeitgeistes! Sind nicht Volkslied und Volksmusik ein intellektuelles Projekt zur Kategorisierung von Volkskultur? Ob es nun um Gstanzln als Lustspiel geht, um Lieder eines Studentenfreikorps oder um Hochzeitslieder im Salzburgischen: der historische Werdegang eines traditionellen slowakischen Hirteninstruments begleitet die Quadrille zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit den Schnadahüpflen an Floriz. An der Grenze von Kultur und Natur schreibt der Komponist aus Vila Isabel seinen Beitrag zur Identität der Bewohner der Amana Colonies in Iowa mit Tradition und Innovation in der Musik und Musikforschung von und bei Minderheiten als Photoessay. Können Sie sich dieses Werk vorstellen? Ich freu mich sehr darauf. Und ich danke herzlich allen Expertinnen und Experten, Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen und Freunden für diese bleibenden Spuren und Gravuren.
 
Rückblick
Angetreten bin ich vor 17 Jahren. 17 ist seit jeher meine Lieblingszahl, aber nicht nur deshalb sage ich, es ist genug. Ich habe – fast auf den Tag genau – vor 50 Jahren maturiert, vor 40 Jahren geheiratet und drei Jahre später gemeinsam mit meinem Mann promoviert. Es ist also Alles rund und schön, und es ist Zeit. Dass man mit 68 emeritiert, halte ich für eine weise Einrichtung. Da gibt es Junge, denen man Platz macht, die Vieles anders sehen. Da gibt es Studierende mit musikalischen Erfahrungen, die komplett anders sind, wie die eigenen. Da gibt es Schreibtische, denen es gut tut, einmal von Grund auf aufgeräumt zu werden, es gibt Akten, die man übergeben kann, Unterlagen, die man jetzt endlich einmal in Ruhe weiter bearbeiten kann, und andere, die sich erledigt haben. Der ganze Humus aus abgelegten Ideen, vertrockneten Visionen, verkapselten Klangdokumenten wird endlich wieder einmal aufgemischt und auf seine Brauchbarkeit untersucht. Oder wenigstens verpackt und an einen anderen Ort transportiert, was ihm, wie wir alle wissen, eine neue Qualität verleiht. Ich bin also zufrieden und warte mit Spannung auf Alles, was da kommen wird.
Natürlich schau ich auch zurück. Als ich 50 war und es schon ziemlich wahrscheinlich war, dass ich diese Stelle antreten würde, schenkte mir meine Freundin Maria Walcher einen Gummibaum in Hydrokultur mit dem Vermerk, dass man den auch längere Zeit alleine in Wien lassen könne, ohne ihn zu gießen. Ich war ja in Tirol ansässig und hatte auch nicht vor, diesen Wohnsitz aufzugeben; der Gummibaum war also eine versteckte Aufforderung, die mir in Wien angebotene Stelle anzutreten und mich hier sozusagen ein zweites Mal einzuwurzeln, ohne die Tiroler Wurzeln aufzugeben – eben hydrokulturmäßig. Dieser Gummibaum begleitete mich bei meinem Amtsantritt in die Johannesgasse, übersiedelte dann mit dem Institut in die Ungargasse, wo er in der Nähe des Fensters auf ein Kastl gestellt wurde. Da schaut er immer noch hinaus, wurde manchmal gegossen und manchmal gedüngt, und ich muss sagen, er ist ziemlich übersichtlich geblieben. Also er ist nicht in den Himmel gewachsen. Das passt sehr gut zu meiner Rückschau. Wenn ich Ihnen jetzt sagen möchte, was ich in diesen Jahren alles geleistet habe, dann fällt mir nämlich zunächst gar nichts Besonderes ein. Es mag daran liegen, dass ich alle Aufgaben, die ich im Laufe dieser Jahre übernommen habe, gern gemacht habe, und dass alles, was passiert ist, so passiert ist, weil es an der Zeit war. Und dass ich wunderbare Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hatte. Natürlich habe ich Alles erfüllt, ich habe gelehrt, geforscht, gar nicht wenig publiziert und organisiert, aber gefühlsmäßig habe ich hauptsächlich zugelassen. Na gut, das muss man auch können.
Es war ja – sowohl von unserem Fach her, wie auch von der Entwicklung unserer Universität her, eine aufregende Zeit. Unser Haus wurde von der Musikhochschule zur Musikuniversität und unser Fach – ach Gott, unser Fach! Da war die Volksmusikforschung, die eine beschauliche Kunst ist, weil sie das Sich-Versenken in poetisch-musikalische Gestalten verlangt, die gleichzeitig eine aufregende Kunst ist, weil sie mit Feldforschung zu tun hat, also mit Begegnungen mit wildfremden Menschen, und die auch eine kriminalistische Kunst ist, weil man angehalten ist, Spuren zu verfolgen, kreuz und quer durch die Archive, drunter und drüber anhand mehr oder weniger entschlüsselter Befragungen und hin und her durch alle Müllhalden der Geschichte. Und eigentlich ist sie ja keine Kunst, sondern eine Wissenschaft, oder irgendwie etwas von Beidem. Und dann war da die Ethnomusikologie mit ihren internationalen Netzen, ihrem englischen Vokabular und ihren schönen ethno-, musiko-, sozio-, psycho-, neuro- und sonst wie logischen Schwestern aus dem Kreis der Nachbarwissenschaften. Und dann war da die Musizierpraxis. Schön, wichtig, schwer zu durchschauen und schwer zu organisieren, ein Tummelplatz der kleinen Teuferln im Detail. Und dann die Bibliothek und das Archiv, das kein Archiv war, sondern eine Rumpelkammer, aber eigentlich eine wohl organisierte Rumpelkammer, also vielleicht doch ein Archiv, aber ein Archiv wider Willen, wo jeder hineinlegte, was er hatte und herausnahm, was er brauchte, wo man wahre Schätze finden und eben so schnell wieder verlieren konnte. Von Zeit zu Zeit ein aufgeregtes Gegacker in der Dienstbesprechung, dass es so doch wohl nicht weiterginge, worauf es jedesmal wieder – zu niemandes Überraschung – so weiterging.
Und ich als Ordinaria mitten drin. Wann hätte ich, bitte, mein opus magnum schreiben sollen, wie es sich für eine Ordinaria gehört? Ich hätte es gerne gemacht. An einem ruhigen Sommertag vor einigen Jahren habe ich damit begonnen und eine halbe Seite geschrieben. Sie liegt in meinem Kalender und gefällt mir immer noch gut. Sie gehört zum Blick nach vorne, zu den Aussichten am Übergang.
Aber ich bin mit dem Rückblick noch nicht fertig. Ich habe sehr gern unterrichtet, und sehr ungern geprüft. Sehr gerne hab ich Studierende beim Schreiben ihrer Arbeiten betreut, also meistens. An viele erinnere ich mich sehr gerne und sehr lebhaft. Natürlich haben mich die besonders Fähigen gefreut. Aber genau so schön war zu beobachten das plötzliche Aufkeimen von Forschungsinteresse in Köpfen, wo das gar nicht hingehörte, weil da ganz andere Spuren eingraviert waren im Körpergedächtnis  von MusikerInnen, SängerInnen. Das war dann wie das Aufgehen der Rose von Jericho, manchmal bescheiden, manchmal strahlend, immer erfreulich.
Die Rose von Jericho, das weiß ich von meiner Schwägerin, verwenden Hebammen als Analogiezauber bei Entbindungen, indem sie die trockene Blüte ins Wasser legen, wo sie sich dann entfaltet. Wegen dieses Gebrauchs bekommt man diese Rosen auch in der Apotheke zu kaufen. Würde ich jedem meiner Studierenden, die noch mit unfertigen Arbeiten herumlaufen (ich weiß gar nicht, wie viele es sind), zum Abschied eine Rose von Jericho überreichen, ginge das ganz schön ins Geld.
 Sehr gerne hab ich im Team unterrichtet wie wir das seit jeher bei den DiplomandInnen und später auch bei den DissertantInnen gemacht haben. Dort ist nach meiner Vorstellung so etwas wie ein Institutsgeist entstanden, eine Identität, ein Selbstverständnis, das mir wichtig war und in dem ich mich zu Hause gefühlt habe. Und dafür, dass diese Heimat nicht durch Behaglichkeit definiert war, haben wir selbst mit unseren unerschiedlichen Auffassungen und Herangehensweisen gesorgt. Aber auch unsere Studierenden in ihrer bunten – auch ethnisch bunten - Vielfalt, mit ihren wechselnden Ansprüchen und mit ihren Fragen. Interessanterweise hat mich das Unterrichten nie so gefreut wie gerade jetzt in meinen letzten beiden Semestern. Wahrscheinlich bin ich so angelegt, dass sich die wirkliche Lockerheit erst einstellt, wenn es kein Zurück mehr gibt, bzw. wenn ein Rest bleibt, für den man sich nicht mehr verantwortlich fühlt. Es ist das sogenannte OMA-Syndrom, wo man genießt, dass man die Kinder nicht mehr auf Dauer hat, sondern nur noch für kurze Zeit, und sie dann, wenn man sie richtig verwöhnt hat, abgeben kann, in jüngere Hände.
Unter den Verwaltungsaufgaben war es neben der Institutsleitung vor allem die STUKO Doktoratsstudien, die mich beansprucht hat. Sie zu leiten, war mir eine Ehre. Auch da war es in erster Linie die Zusammenarbeit mit so unterschiedlich gelagerten Kolleginnen und Kollegen, die mich gefreut hat. Das gemeinschaftliche Köpferauchen hab ich immer genossen. Das Entstehen des DissertantInnenkollegs aus diesen Rauchschwaden, sein langsames Wachsen zu einer höchst sinnvollen Einrichtung halte ich für einen Meilenstein in der Ausrichtung unseres Hauses auf eine Wissenschaft, die neben den hier so hervorragend vertretenen Künsten bestehen kann.
 
Das Institut als Organismus
Mit Vergnügen blicke ich zurück auf den Alltag im Institut, auch wenn er natürlich nicht immer vergnüglich war. „Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die heitren Stunden nur“, hat mir meine Schwester in unserer Volksschulzeit ins Stammbuch geschrieben, und das tu ich seither. Ihnen in aller Kürze meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ihren Leistungen und Verdiensten zu schildern, ist sowieso unmöglich, und so will ich versuchen, Ihnen darzustellen, wie dieses Institut war, denn es wird so nie mehr sein. Da hatte jeder sein Plätzchen – ich natürlich das schönste, aber belebt und bewohnt und eigentümlich war jedes. Unter den Projektzimmern ist eines, das wir immer noch „Balkanzimmer“ nennen, weil dort über Jahre unser albanischer Kollege Ardian gemeinsam mit Sofia aus Bosnien arbeitete. Ardian, bist Du ein Moslem oder nicht, sagte sie, wenn er sich in der Vorweihnachszeit am Glühweinstandl ein Speckbrot kaufte. Es gab auch einige andere Stehsätze in diesem Institut. Zum Beispiel „Liebe Gerlinde“. Punkt, Punkt, Punkt, Rufzeichen, Rufzeichen, Rufzeichen. Oder ein anderer Stehsatz: „Mir geht’s so schlecht“. Steigerungsstufe: „Mir is so schlecht“. Es gab natürlich die Mails hin und her, gelegentlich in Versform, in welcher Kunst speziell Evelyn Fink und Roldand Mahr Meister waren. Einiges davon hab ich als „Bürofolklore“ abgelegt.
Irgendwie war das Institut wie ein Organismus. Der obere Stock mit dem Seminarraum, den Projektzimmern und dem Fotoarchiv war so etwas wie ein Speichergedächtnis mit Augen und Ohren. Einmal gab es einen kleinen Gehirnschlag, wo dann das Wasser aus der Dunkelkammer unversehens ins Universitätsarchiv tropfte. Ein weieterer Gehirnschlag fand statt, als einmal in einem heißen Sommer das Gießwasser unserer schönen Grünpflanze 2 m2 unseres Parkettbodens im Seminarraum unter Wasser setzte. O Gott! Teuer, unvermutet, unverschuldet, unversichert. In diesem Oberstock lebt bis heute der Institutsgründer Walter Deutsch in Form diverser hinterlegter Unterlagen. Er bildet in diesem Organismus die moralische Instanz, die wie ein Gespenst als schlechtes Gewissen jedem erscheint, der vor 9 Uhr abends seinen Arbeitsplatz verlässt. Einen Stock tiefer ist das pulsierende Leben mit dem Herz und dem Sekretariat als gut funktionierender Herzklappe. Dort haben wir das Institut übrigens eingerichtet nach Feng Shui. Da gibt es mehrere Energieflüsse, gelenkt von Kaffeemaschinen und Kühlschränken verschiedener Baujahre und Qualitäten die die energetischen Kreuzungspunkte markieren. Den Vordereingang kennzeichnet eine tiefblaue Konfektschale die die Wünsche der Eintretenden fokussiert, während der Energiepol des Hintereingangs sich nur den Wissenden aufschließt. Er mündet in das sanft abgedunkelte Tonstudio, in dem grüne und rote Lichter für die Harmonisierung des Raumes sorgen, der barrierefrei in die weit offene Türe der Ernährungslandschaft übergeht. Weiteres Kernstück sind zwei Durchgangszimmer mit gelebter political correctnes, die ihren wechselnden Ausdruck je nach dem Stand der Dinge im Hineingehen, Hindurchgehen und Hinübergehen findet. Becherförmige Kristalle, flaschenförmige Zimmerbrunnen und exotische Düfte künden am Ende besonderer Tage die abendliche Entspannungsphase an. Am Ende des Instituts in einer Art Wurmfortsatz die Bibliothek als Konzentrationsraum unterschiedlichster Geister Rücken an Rücken, im Spannungsfeld kreuz und quer laufenden Fußspuren. Im Bibliotheksbearbeitungszimmer Humus aus kaum zu enträtselnden Schriftstücken. Daneben ein Archivraum als Ort der Ordnung und der Kühlung. In einer der Laden über Jahre von Zeit zu Zeit ein aus Vorarlberg importierter Käselaib, und in einer weiteren das Käsemesser und die Metallfolie. Feng Shui eben.
 
Dank
Und wenn ich mich von diesem Organismus jetzt verabschiede, dann habe ich mich bei Vielen zu bedanken.
Ich danke meinem Mann, der meine nomadische Lebensweise in all diesen Jahren akzeptiert hat und sich selten beklagt hat. Ich würde mir natürlich wünschen, dass uns jetzt noch ein langer gemeinsamer Lebensherbst geschenkt wird, in dem wir unseren gemeinsamen wissenschaftlichen Neigungen nachgehen und vielleicht noch Einiges publizieren können. Ach ja, das opus magnum.
Ich danke meinem Bruder Reinhard und seiner Familie für den Wiener Familienanschluss in all diesen Jahren, wo ich einmal pro Woche etwas Ordentliches zu Essen bekam, sowie immer wieder einmal eine nonverbale Predigt über die wirklich wichtigen Dinge im Leben.
Ich danke meinem Mentor und Gründer unseres Institutes, Prof. Walter Deutsch. Er hat mich immer noch in entsprechende Projekte eingebunden, ist uns mit Rat und Tat zur Seite gestanden, wenn wir ihn riefen und hat ansonsten Verständnis, Offenheit und auch Neugierde gezeigt, wenn es darum ging zu verstehen, dass sich die Zeiten geändert haben und mit ihnen auch manche Fragestellungen.
Ich danke Allen, die in der Berufung für meine Nachfolge große Anstrengungen unternommen haben: dem Kommissionsvorsitzenden, den Kommissionsmitgliedern, den externen Gutachtern und vor allem den BewerberInnen und Bewerbern. Wie auch immer die Nachbesetzung ausgehen wird, sie wird jedenfalls von Seiten des Instituts das Ergebnis ehrlichen Bemühens sein, die Qualitäten, die in diesem Institut entstanden sind und sich entfaltet haben, nach Möglichkeit weiter zu führen.
Ich danke natürlich meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Sie haben an mir vorbei eine Festschrift produziert und ein Fest vorbereitet, und das haben sie gar nicht zum ersten Mal so gemacht. Bei den letzten Malen, als zu meinem Sechziger und dann zu meinem Fünfundsechziger heimlich ein Symposion vorbereitet wurde, habe ich noch überlegt, ob es eigentlich ein gutes oder ein schlechtes Zeichen für eine Institutsleiterin ist, wenn sie gar nichts von all diesen Vorbereitungen merkt. Inzwischen bin ich sicher, dass es ein gutes Zeichen ist und jedenfalls ein Signal, dass die Oma den Nachwuchs durchaus alleine lassen kann.
 
Abschied
Ich verabschiede mich also. Ich verabschiede mich von allen Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Instituten, mit denen ich in verschiedensten Zusammenhängen zusammenarbeiten durfte und hoffe, dass sich Einiges vielleicht auch noch weiterhin ergibt.
Ich verabschiede mich von meinen diversen Verwaltungsaufgaben und somit von einem Betrieb, den ich immer bewundert habe. Diese große Maschinerie mit ihren vielen größeren und kleineren Rädchen, die ich nie ganz durchschaut habe, was aber auch nicht notwendig war. Da gibt es Menschen, mit denen ich immer wieder zu tun hatte, und die ich lieb gewonnen habe. Ich freu mich, dass einige da sind. Überhaupt habe ich Viele und Vieles sehr geschätzt. Sogar den Sand im Getriebe, der wohl dazu gehört.
Ich verabschiede mich von der Institutsleitung, die ich schon beizeiten übergeben habe, und von unseren Dienstbesprechungen. Sie waren für mich ein Instrument, den Institutskarren weiter zu bewegen in guten und schlechten Zeiten. Denn die Zeiten waren nicht immer gut. Wir haben immer wieder um Vieles kämpfen müssen, und es hat natürlich auch immer wieder interne Konflikte gegeben, angefangen von nicht abgewaschenen Kaffeehäferln bis zum ernsthaften Streit um die Knochen. Wenn heute alle an einem Strick ziehen, dann kann es natürlich auch sein, dass ich Einiges unter den Teppich gekehrt habe, aber ich glaube es eigentlich nicht. Ich bin immer von der sehr einfachen Erfahrung ausgegangen, dass jeder Mensch dort am meisten leisten kann, wo er seinen Platz hat und sich zugehörig fühlt, und darum hab ich mich bemüht. Wenn in diesem Institut große Ideen verwirklicht worden sind, im Minderheitenschwerpunkt, im Zentrum für europäische Mehrstimmigkeit, im Volksmusikpraktikum, und auch im Archiv, dann hab ich mich bemüht, den Boden dafür zu bereiten. Das Ergebnis ist ein funktionierender Betrieb und insofern ein Erbe, auf das ich stolz bin. Auch ohne opus magnum. Wenn ich als Gerlinde die Gütige in die Annalen dieses Institutes eingehe, bin ich damit durchaus zufrieden.
Das opus magnum wird ja vielleicht noch kommen, und dann hat das nach wie vor mit diesem Institut zu tun, dem ich ja zugehörig bleibe. Mir war das Emeritierungs-Modell von vornherein sympathisch, weil es ein bißchen an den bäuerlichen Altenteil erinnert. Wo die alten Leute, zahnlos, gehbehindert und vielleicht schon ein bisschen verloren immer noch das machen dürfen, was sie gut können. Darauf freu ich mich.
 
ÖBB
Ich verabschiede mich von der ÖBB. In der ÖBB hatte ich für diese Jahre mein Quartier aufgeschlagen, im Dreieck zwischen Ötztal-Bahnhof, Bad Aussee und Wien mit der Option mit der Österreich-Card auch alle anderen Strecken in Österreich ohne zusätzliche Kosten zu bereisen. Wien-Ötztal-Wien, das waren meine produktivsten Arbeitsstunden. Es gab eine Zeit, wo Evelyn Fink und ich gelegentlich gemeinsam fuhren, da auch sie im Westen, noch weiter weg als ich, beheimatet war.  Eine legendäre Nacht verbrachten wir im Speisewagen sitzend in Prien am Chiemsee, weil wegen eines Sturmes an der Nordsee der Strom ausgefallen war und der Zug nicht weiterfahren konnte. Damals krierten wir das Ensemble „Schürzenjägerinnen“, später auch „Spitzelruther Katzen“ genannt, mit dem wir dann eine Zeit lang sehr alternativ musikalisch unterwegs waren.
Die Zugfahrten hab ich also immer geliebt, aber in letzter Zeit sind mir Fehler passiert. Am Westbahnhof bin ich kürzlich irrtümlich in einen Zug eingestiegen, der zur Reinigung in die Remise fuhr. Dort wieder heraus zu kommen um wenigstens den um zwei Stunden späteren Zug noch zu erwischen, war ein Krimi für sich, nur mit Feldforschungserfahrung zu lösen. Und kürzlich durchforstete ich mehrmals meine Fahrpläne nach einem besseren Anschluss in Innsbruck, weil ich meinte, dass zwischen 13.47 und 13.57 eine ganze Stunde läge. Mit anderen Worten: es ist Zeit, mein Verhältnis zur ÖBB neu zu definieren.
Meistens bin ich ja mit der Westbahn gefahren und hab mir Platzerln gesucht, wo ich ungestört arbeiten konnte. Einmal, als ich mit der Südbahn unterwegs war, hat mich eine mir gegenüber sitzenden Kärntnerin ins Gespräch gezogen, das heißt, sie hat mich  aufmerksam gemacht auf den schönen Sonnenuntergang am Semmering, und dann sprachen wir irgendwie von den Klängen unserer Kindheit, vom Tuckern des Traktors, mit dem ihr Vater immer nach Hause kam, vom Klappern des Besteckes in der Küche, mit dem meine Mutter hantierte, während ich noch im oberen Stock im Bett lag. Und ich fragte sie natürlich, ob sie slowenisch könne. Sie könne nicht, sagte sie, aber ihre Mutter. Ob es ihr nie ein Anliegen gewesen sei, das zu lernen? Nein, eigentlich nicht, es war eben die Sprache der Eltern und Großeltern. Und ob die Mutter slowenisch singen könne? Da erzählte sie mir, dass sie einmal, wie sie mit ihrer Mutter im Wald Schwammerl suchen war, hörte, wie die Mutter ein slowenisches Lied sang. Ja ob sie nicht das wenigstens lernen oder aufschreiben hätte wollen, fragte ich sie. Und da sagte sie mir etwas sehr Schönes. Es sei für sie gewesen wie eine Muschel, die aufgeht, und eine Perle zeigt, und dann geht sie wieder zu. Mir ist diese Geschichte, die schon viele Jahre her ist, aus dem Mund einer Frau, die ich nie wieder getroffen habe, immer wieder eingefallen. Es gibt den Forscherdrang, der Alles wissen und dokumentieren möchte – ein Drang, der mich ein Leben lang begleitet hat. Es gibt das Feuer der Vermittlung, wo man Alles anderen erklären und an andere weitergeben möchte – auch das hat mich, die ich aus einer Lehrerfamilie stamme, mein ganzes Leben bewegt.
Aber es gibt eben auch das: Etwas das aufgeht und wieder zugeht und einfach so stehen bleibt.
Und das wars dann.
 
Ich danke Ihnen!
 
Gerlinde Haid
Ordinaria für Geschichte und Theorie der Volksmusik
am
Institut für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie
1994–2011


VIVAT EMERITA!

Ein Fest für Gerlinde Haid

Akademische Feier und Buchpräsentation
mit musikalischen Reverenzen

Donnerstag, 30. Juni 2011

Beginn: 16.00 Uhr
Ort: Joseph-Haydn-Saal

Universität für Musik und darstellende Kunst Wien
Anton-von–Webern-Platz 1

 

  

PROGRAMM


Akademische Feier

Fanfare „honoris causa“
von Walter Deutsch
Ausführende: „Federspiel“


Begrüßung
Institutsleiterin ao.Univ.Prof. Dr. Ursula Hemetek

Laudatio
em. o.Univ.Prof. Mag. Dr. h.c. Walter Deutsch

Überreichung
der goldenen Verdienstmedaille der Universität für Musik und
darstellende Kunst Wien durch den
Senatsvorsitzenden Univ.Prof. Jan Gottlieb Jiracek von Arnim


„Es wollt ein Advokat mit einer Jungfrau streiten“.
Volkslied

Ausführende: Die Frauen im Senat (fis)
 
Buchpräsentation

Musikalien des Übergangs

Festschrift für Gerlinde Haid anlässlich ihrer Emeritierung 2011

Ursula Hemetek, Evelyn Fink-Mennel, Rudolf Pietsch (Hg.)
Böhlau 2011


Vorstellung des Buches durch die HerausgeberInnen

Aus dem Herzen von Österreich …

Biographische Blitzlichter zu Gerlinde Haid, der Ausseerin auf
Reisen
Mag. Maria Walcher (Autorin)


Spontaner musikalischer Beitrag
Ausführende: „Landl-Quartett“

Ausblicke am Übergang
o.Univ.Prof. Mag. Dr. Gerlinde Haid

Fanfare „honoris causa“ von Walter Deutsch

anschließend
Musikalische Reverenzen und kulinarisches Kredenzen

Dr. Gerlinde Haid anlässlich Ihrer Feier
Photo: Petar Tyran

 

Buchpräsentation der HerausgeberInnen
v.l.: Dr. Ursula Hemetek, Dr. Rudolf Pietsch, Mag. Evelyn Fink-Mennel

Photo: Petar Tyran

 

 

 

Überreichung der Festschrift "Musikalien des Übergangs" durch Dr. Ursula Hemetek

an Dr. Gerlinde Haid
Photo: Petar Tyran

 

Buchcover

 

Dr. Gerlinde Haid beim Zuhören der Rede von Prof. Walter Deutsch
Photo: Petar Tyran