Librarian's Choice Archiv 2026
LC # 104 | Im Geheimdienst Ihrer Majestät: James Bond
LC # 105 | Men, Women and Chain Saws
LC # 106 | Abschiede, eine unendliche Geschichte
LC # 107 | 12 Points for Solidarity
LC # 108 | Vertraue deiner Bibliothek
LC # 104 | JÄNNER 2026
Im Geheimdienst Ihrer Majestät: James Bond
Von der Leinwand in den Konzertsaal in die Bibliothek!
"Mein Name ist Bond. James Bond." Wenn am 30. Jänner im Konzerthaus das legendäre James Bond-Thema von Monty Norman erklingt, ist das nur eine weitere (klingende) Station in einer Reihe von Highlights, die 1953 mit dem ersten Bond-Roman "Casino Royal" von Ian Fleming begann und mit unzähligen weiteren Romanen, Erzählungen, Comics, Filmen, großartigen Soundtracks und Titelsongs sowie mehreren Videogames noch lange kein Ende gefunden hat. Und auch wir von der ub.mdw haben da punkto James Bond Einiges im Talon (geschüttelt, nicht gerührt - klar!): etwa die großvolumigen James Bond Archives 007, die in der Bibliothek der Filmakademie "geparkt" sind. Die Noten zu Adeles "Skyfall" in den verschiedensten Versionen zu spielen. Oder die fantastische Bearbeitung des "Goldfinger"-Themas von John Barry durch Hans Salomon, die Sie als Teil der handschriftlichen Notensammlung unseres "ORF Radio Big Band Archivs" finden. Letzteres stellt überhaupt für Jazz-Begeisterte ein wahres Paradies dar. Zu tun gibt's also genug. Aber Vorsicht: "You only live twice" ...
LC # 105 | März 2026
Men, Women & Chain saws
Angst und Schrecken ... an der ub.mdw (?)
Bei der diesjährigen Oscar-Verleihung liegt Guillermo del Toros Literaturverfilmung von Mary Shelleys Horror-Meisterweks "Frankenstein" mit 9 Nominierungen ziemlich vorn. Die Zeiten, als Horrorfilme in der Schmuddelecke ihr Dasein fristen mußten, sind endgültig vorbei. Wobei man durchaus geteilter Meinung sein kann, ob das nun gut oder schlecht ist, verlieren Genres im Mainstream doch auch oft jene Ecken und Kanten, die sie im Independent-Bereich noch auszeichneten. Doch sind die Dinge im Wandel & auch die Rezeption hat sich geändert. Was früher als Schund galt, hat mittlerweile Kultstatus ... und umgekehrt. Auffallend ist auch die hohe Beteiligung an Filmemacherinnen, die sich mittlerweile des Horrogenres angenommen haben. Begeben Sie sich also auf eine unheimliche Reise zu Aliens, Kettensägenschwingerinnen und -schwingern, radikalem Body Horror und Monstern unterschiedlichster Couleur (und unterschiedlichsten Essverhaltens).
Aber, wie sagte schon ein Meister des subtilen Grauens, Clive Barker? "We live in a culture which supresses and oppresses and demands that we play a certain kind of role. The monster, if you will, is the one that refuses to play the role."
Denn gegen die tatsächliche Normalität verliert mitunter das schlimmste Ungeheuer seinen Schrecken.
LC # 106 | April 2026
Abschiede, eine unendliche Geschichte ...
Abschied von gestern postulierte der Filmemacher Alexander Kluge in den 1960ern. Franz Schubert war etwa 150 Jahre davor ein Meister melancholischer musikalischer Abschiede. Im ORF Big Band Archiv, das bei uns an der ub.mdw aufliegt, häufen sich die Abschiede geradezu. Und in Irving Berlins "The song is ended" geht's natürlich auch um einen - wie auch immer gearteten - Abschied.
In Musik, Literatur, Film oder Theater ist der Abschied immer wieder ein zentrales Thema, ähnlich wie Geburt, Tod oder die erste Verliebtheit. Manche Abschiede gelten nur vorübergehend, doch die meisten sind von Dauer. Und jeder freudige Aufbruch zu neuen Ufern beinhaltet auch damit einhergehende Abschiede und ein wenig Traurigkeit darüber. Doch wie meinte Georges Sand, die einen nicht unwesentlichen Teil mit Frederic Chopin verbrachte: "Traurigkeit ist nicht ungesund - sie hindert uns abzustumpfen."
Ein schöner Satz ... zum Abschied!
LC # 107 | MAI 2026
12 Points for Solidarity
Im Mai 2026 gastiert der Eurovision Song Contest zum dritten Mal in seiner Geschichte in Wien. Wenn es wieder heißt „12 Points go to…“, wird Musik zum harten Kampf um Punkte – ein Spektakel, dessen Eigendynamik der Sammelband Keiner wird gewinnen kritisch hinterfragt. Die Publikation beleuchtet u.a. die Wurzeln des Wettbewerbs, der im Europa der Nachkriegszeit initiiert wurde, um die Zusammenarbeit zwischen Fernsehanstalten zu fördern und so einen Weg zur kulturellen Verständigung zu finden.
Dieses Motiv der Verbundenheit schlägt die Brücke zum 1. Mai. Wo der ESC die europäische Gemeinsamkeit im medialen Spektakel verhandelt, erinnert der Tag der Arbeit an die solidarische Kraft des gemeinsamen Singens. Für Hanns Eisler – einst Schönberg-Schüler in Wien – war Musik stets mehr als Unterhaltung: Mit dem Solidaritätslied oder dem Einheitsfrontlied schuf er bewusst einen Gegenentwurf zur Logik von Markt und Konkurrenz.
Dass Fragen nach Solidarität und Teilhabe auch jenseits der großen Showbühne aktuell bleiben, zeigt ein Blick auf die neueste Ausgabe der Schriftenreihe Klanglese des Instituts für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie. Im Sammelband Music, Dance, and Inequalities wird das Spannungsverhältnis zwischen künstlerischem Ausdruck und gesellschaftlicher (Un-)Gleichheit neu beleuchtet.
Ob Sie nun den ESC in der Stadthalle mitverfolgen oder die stille Recherche in der ub.mdw bevorzugen: Der Mai lädt dazu ein, das Spannungsfeld zwischen Wettbewerb und solidarischem Miteinander neu zu hören. Ein spannender Monat steht bevor ... nicht nur für Punktesammler!
(Text: WEI)
LC # 108 | Juni 2026
Vertraue Deiner Bibliothek
Ein Plädoyer für den Bibliotheksbestand
Auf den ersten Blick wirken sie spannend, die neuen musikwissenschaftlichen Bücher, die in letzter Zeit im Eigenverlag auf dem Markt aufgetaucht sind. Da gibt es beispielsweise eine Biografie über Johann Christoph Bach (1642–1703), einen Onkel zweiten Grades von Johann Sebastian, über den die Forschung bislang noch wenig weiß. Oder ein Werk über den bisher kaum beachteten Musiktheoretiker, Komponisten und Professor am Leipziger Konservatorium Salomon Jadassohn (1831–1902).
Wenn man sich grundsätzlich für Musik, die Bach-Familie und Leipzig interessiert, sollte man diese Bücher lesen – oder?
Besser nicht. Wie Kolleg*innen der Universitätsbibliothek Leipzig und anderer Einrichtungen kürzlich aufdeckten, handelt es sich bei diesen Publikationen, die über den Self-Publishing-Dienstleister "tredition" vertrieben wurden, um KI-generierten Textmüll. Die Autor*innennamen sind Pseudonyme, die Coverbilder weisen typische KI-Fehler auf (wie sechs Finger an einer Hand) und inhaltlich sind diese Bücher voller Falschinformationen und erfundener Quellenangaben. So wird in dem Buch über den zuvor genannten Johann Christoph Bach beispielsweise behauptet, er sei Johann Sebastian Bachs Vater.
"tredition" hat mittlerweile reagiert und die betroffenen Titel aus dem Vertrieb genommen. Die Geschäftsführerin Sandra Latußeck erklärte dazu offen: "Die Bücher über Johann Christoph Bach und Salomon Jadassohn hätten nicht erscheinen dürfen. Die inhaltlichen Mängel [...] sind mit unserem Selbstverständnis als Self-Publishing-Dienstleister, der seit 19 Jahren auf Qualität setzt, nicht vereinbar." Der Verlag führt nun ein eigens entwickeltes Buchprüfungs-Tool ein, um überwiegend KI-generierte Inhalte besser zu erkennen, und stellt klar: "KI als Werkzeug zur Überarbeitung eigener Texte – ja. KI als alleiniger oder hauptsächlicher Autor – nein. Die geistige Schöpfung muss vom Menschen ausgehen."
Wir an der ub.mdw schließen uns dieser Einschätzung vollumfänglich an. Und wir haben eine gute Nachricht für Sie: Sie müssen nicht auf KI-Halluzinationen zurückgreifen, um sich über diese faszinierenden Musikerpersönlichkeiten zu informieren. Vertrauen Sie einfach Ihrer Bibliothek! Wir haben echte, von Menschen verfasste und wissenschaftlich fundierte Literatur für Sie im Bestand.
Statt der halluzinierten Biografie über Johann Christoph Bach dürfen wir Sie auf die Musikenzyklopädie MGG – Die Musik in Geschichte und Gegenwart – und den Artikel „Constructing Johann Christoph Bach (1642-1703)“ in der Datenbank JSTOR verweisen. Darüber hinaus empfehlen wir Ihnen einen Blick in das Altbachische Archiv. Diese von Max Schneider herausgegebene Sammlung enthält Werke der Vorfahren Johann Sebastian Bachs, darunter auch Kompositionen von Johann Christoph Bach. Hier finden Sie echte Noten statt erfundener Lebensläufe. Oder wie wäre es mit der Motette "Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn", die früher irrtümlich Johann Sebastian Bach zugeschrieben wurde, aber tatsächlich von Johann Christoph Bach stammt?
Und statt des fehlerhaften Werks über Salomon Jadassohn greifen Sie doch lieber zu Beate Hiltners fundierter Dokumentation: Salomon Jadassohn : Komponist - Musiktheoretiker - Pianist - Pädagoge ; eine Dokumentation über einen vergessenen Leipziger Musiker des 19. Jahrhunderts. Dieses Buch aus dem Jahr 1995 bietet echte wissenschaftliche Erkenntnisse über den Leipziger Musiker. Wenn Sie lieber selbst musizieren möchten, finden Sie bei uns auch zahlreiche von Jadassohn bearbeitete Werke, wie etwa seine Übertragung von Franz Schuberts Vierhändigen Märschen für zwei Hände.
In Zeiten von "How to Sell Bullshit Online (Fast)" bleibt die Bibliothek Ihr verlässlicher Anker für qualitätsgesicherte Information. Damit Ihre Forschung auf Fakten baut, nicht auf Fake.
(Text: PET)