Die mdw* im Austrofaschismus, Nationalsozialismus und Postnazismus

Seit vielen Jahren findet an der mdw eine eingehende wissenschaftliche Beschäftigung mit der Geschichte des Hauses im Austrofaschismus und Nationalsozialismus statt. Daran knüpfte auch das 2019 gegründete mdw-interne Forschungskollektiv Klingende Zeitgeschichte an. Die Kooperation des Archivs und des Instituts für Musikwissenschaft und Interpretationsforschung (IMI) widmet sich zentralen Aspekten der Geschichte der Universität im 20. Jahrhundert.

Anlässlich des 85. Jahrestages des Anschlusses Österreichs an das „Deutsche Reich“ ist derzeit die Ausstellung Klingende Zeitgeschichte in Objekten. Die mdw* im Austrofaschismus, Nationalsozialismus und Postnazismus zu sehen. Die Schau, die noch bis Ende Jänner 2024 in der Universitätsbibliothek besichtigt werden kann, wirft in Form einer multimedialen Objektgeschichte vielfältige Schlaglichter auf die Geschichte des Hauses zwischen 1933 und 1955. Die Ausstellung macht es aufgrund vielfältiger Themenbezüge möglich, sich den unterschiedlichsten Aspekten der Universitätsgeschichte anzunähern; zugleich fügt sie diese zu einem Gesamtbild zusammen. Als roter Faden zieht sich die Beschäftigung mit den historischen Akteur_innen durch die Ausstellung: Während viele Universitätsangehörige aus dem Haus vertrieben und zur Flucht gezwungen wurden, profitierten andere (mitunter in hohem Maße) von den geänderten politischen Umständen. Über den gesamten in der Ausstellung thematisierten Zeitraum betrachtet sind dabei nicht selten personelle Kontinuitäten zu beobachten, die weit über das Kriegsende hinaus prägend für das Haus waren. Weitere Stränge der Ausstellung beschäftigen sich mit Fragen zum künstlerischen Repertoire, zum Umgang mit „Randgruppen“ innerhalb der mdw oder aber zum universitären Studienalltag. Wie prägend die NS-Zeit dabei über 1945 hinaus war, zeigt sich nicht zuletzt an Diskussionen zur Wiedereinstellung Vertriebener oder aber zur Restitution von Raubgut: Beides wird in der Ausstellung ausführlich thematisiert.

Ab 1939 mussten sich alle neu immatrikulierten Studierenden einer „Pflichtuntersuchung“ unterziehen. © Das Gesundheitsstammbuch, Berlin, 1935 Beginning in 1939

Die Komplexität der Thematik (und der behandelten Epoche) lässt freilich keinen Anspruch auf eine erschöpfende Darstellung im Rahmen der Ausstellung zu. Vielmehr thematisiert (und konfrontiert) diese das vom Forschungskollektiv erarbeitete und präsentierte Wissen zur Geschichte der Universität von den 1930er- bis 1950er-Jahren mit bis dato bestehenden Desideraten: Dem Anlass des Jahrestages entsprechend soll dies als dringlicher Auftrag für entsprechende weitere Forschungsprojekte verstanden werden. Dabei ist insbesondere auf die Notwendigkeit einer eingehenden Aufarbeitung der frühen Nachkriegszeit hinzuweisen, die vor allem in Hinblick auf personelle (Dis-)Kontinuitäten noch aussteht. Neben der weiteren Vertiefung biografischer Detailstudien wird sich das Forschungskollektiv künftig jedoch insbesondere um eine umfassende Provenienzforschung an der mdw bemühen. Entsprechende Vorstudien haben bereits begonnen, anhand einiger Objekte wird die Dringlichkeit einer detaillierten Analyse von Büchern, Noten und Musikinstrumenten im Kontext ihrer Herkunft und Besitzverhältnisse aufgezeigt.

Der Student Nikolaus Harnoncourt suchte 1948 an der damaligen Akademie um ein Übungszimmer an, da er über kein Klavier verfügte und sein unbeheiztes Zimmer zu kalt für das Üben am Cello war. © mdw-Archiv, Sch Div, 1318/1948

Ein weiteres Desiderat ist schließlich der Blick nach außen. Dafür soll die damalige Reichshochschule in den Kontext anderer deutschsprachiger Kunsthochschulen und Konservatorien gestellt werden. Wie wirkte sich beispielsweise die zentrale Kultur- und Reichserziehungspolitik des NS-Staates auf die Kunst- und Musikhochschulen aus? Was waren die Parallelen, was die Unterschiede? Und bestand zwischen den einzelnen Institutionen ein reger Austausch oder begegneten sich deren Angehörige vielmehr im Zeichen der Konkurrenz? Diesen und vielen anderen Fragen widmet sich die Ausstellung, die am 9. November 2023, dem 85. Jahrestag der Novemberpogrome, eröffnet wurde. Alle Inhalte sind (in ausführlicherer Form) auch als Web-Ausstellung zugänglich, die zugleich als virtueller Ausstellungskatalog eine thematische Vertiefung in englischer und deutscher Sprache bietet.

Auch der Ausblick auf die Gestaltung wissenschaftlich-künstlerischer Podcasts soll an dieser Stelle nicht fehlen: Ausgewählte Inhalte dieser Ausstellung werden in einer Serie von Podcasts aufgearbeitet und ab Herbst 2024 zum Anhören verfügbar sein. In transdisziplinärer Zusammenarbeit und im Rahmen der universitären Lehre werden somit die historischen Quellen und Objekte optisch und akustisch erfahrbar gemacht.

Veranstaltungstipp:
Klingende Zeitgeschichte in Objekten. Die mdw* im Austrofaschismus, Nationalsozialismus und Postnazismus
bis 26. Jänner 2024, Universitätsbibliothek der mdw, Anton-von-Webern-Platz 1, 1030 Wien

Zur Web-Ausstellung: repo.mdw.ac.at/klingende-zeitgeschichte

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