Vom 26. bis 29. Mai 2016 fand an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg (HfMT) die internationale Tagung Lexikographie, Gender und Musikgeschichtsschreibung unter der Leitung von Beatrix Borchard und Nina Noeske statt.

Parallel dazu wurde ein Nachwuchsforum mit Schwerpunkt Popmusik veranstaltet. WissenschaftlerInnen diskutierten über die Aspekte von Lexikographie, Gender und Musikgeschichtsschreibung unter globalen Gesichtspunkten. Die Tagung drehte sich um das Online-Lexikon MUGI − Musikvermittlung und Genderforschung im Internet.

Die Digitalisierung von musikbezogenem Wissen und der Vermittlungsaspekt stehen im Fokus von MUGI, das seit 2003 an der HfMT herausgegeben wird. Es enthält über 470 Personeneinträge mit unterschiedlichen musikbezogenen Schwerpunkten vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Das Projekt entstand vor dem Hintergrund der in den USA etablierten Forschungsdisziplinen Women Studies, Gender Studies und Queer Studies. Das Erforschen von Musikgeschichte als Geschichte von AutorInnen und Werken sollte durchbrochen werden. Musikerinnen, die in Interpretation, Musikpädagogik und Musikförderung tätig waren, blieben häufig unbekannt. Musikgeschichte soll als Geschichte des kulturellen Handelns betrachtet und geschrieben werden. Das Ziel von MUGI ist, Frauen- und Geschlechterforschung in methodischer Hinsicht weiterzuentwickeln und in das Fach Musikwissenschaft an Universitäten und Hochschulen zu integrieren. Für die lexikalischen Artikel von MUGI wurde von Borchard eine eigene Struktur entwickelt, die neben Biografie, Werkund Literaturverzeichnis auch das Profil, Repertoire und die Orte des Wirkens einer Musikerin erfasst. Unter Berücksichtigung biografischer Gender-Aspekte existieren seit 2013 auch Artikel über männliche Musiker. Keine Einschreibung in MUGI fand bis dato die Popularmusik.

Existiert die Möglichkeit einer gendersensibilisierten Lexikographie von Popularmusik?

Das Nachwuchsforum mit Schwerpunkt Popmusik beschäftigte sich mit der Einschreibung von Popularmusik in das Online-Lexikon. Erklärtes Ziel ist es, die Plattform MUGI um diese Sparte zu ergänzen. Magdalena Fürnkranz, Universitätsassistentin am Institut für Popularmusik der mdw, hat diese beim Forum vertreten. Eröffnet wurde die Veranstaltung mit der Keynote Die schönste Frau der Welt, das hübsche Ding von nebenan und die sehr fähige DJ. Über heterosexistische Genderstereotypen im Schreiben über Pop und die Produktion effektiver Gegenstrategien von Sonja Eismann (Missy Magazine). Frauen werden im Musikjournalismus nicht selten als „ernst zu nehmende Musikerinnen“ oder „sexy Frontfrauen“ bezeichnet. Klischeehaften Zuschreibungen wie diese bleiben oft unhinterfragt, werden stumm zur Kenntnis genommen. Eismanns Vortrag deckte Sexismen im Journalismus auf und hinterfragte diese kritisch. Die Inszenierung von Frauen als das „Andere“ ist vorherrschend. Musikerinnen werden auf körperliche und optische Mechanismen reduziert. Trotz der Institutionalisierung der Gender Studies im deutschsprachigen Raum in den 1990ern existieren auch im 21. Jahrhundert noch festgelegte sexistische Zuschreibungen im Journalismus. Sonja Eismann präsentierte Beispiele aus der Praxis und stellte ein Kategorienschema der Stereotypisierung auf, das unter anderem den abwertenden Terminus „Mädchenmusik“, weibliches Fantum als negatives Qualitätsmerkmal und sexistische Strukturen im Musikbusiness umfasst. Zu den Gegenstrategien für JournalistInnen zählen unter anderem der Einsatz inklusiver Sprache und die Vermeidung von geschlechtsspezifischen Zuordnungen in eigenen Texten. Sexismen in fremden Texten müssen analysiert und können in weiterer Folge dekonstruiert werden.

Aktuelle Dissertationsprojekte, die sich mit Fragen der Geschlechterkonstruktionen im Feld der Popularmusik beschäftigen, wurden im Rahmen des Nachwuchsforums mit Themen wie die Repräsentation von Männlichkeit im Musikgenre Indie, Funktionsweisen einer heteronormativen und männlich dominierten Jazzgeschichtsschreibung oder geschlechtsspezifische Sexualitäts- und Begehrenskonstruktionen im Klang von Popsongs präsentiert. Archivvertreterinnen aus der Schweiz und Deutschland sprachen beim anschließenden Round Table über Archivierung von Subkultur? – Popmusikforschung als lexikographische Herausforderung. Im Rahmen einer interdisziplinären Werkstatt wurde ein erstes Konzept für neue digitale Lexikonartikel und multimediale Präsentationen ausgearbeitet. Zusätzlich wurde ein Ergebniskatalog zum gendersensiblen Forschen und Vermitteln von populärer Musik im Rahmen des digitalen Lexikons MUGI POP erstellt. Hierbei wurden neben der Unterscheidung von Kunst- und Unterhaltungsmusik auch Themen wie die Definition des Feldes Popularmusik, die Zuschreibung von Geschlechteridentitäten, Hegemonieverhältnisse in Pop/Rock/Jazz und der Umgang mit Medien diskutiert. MUGI POP soll die AutorInnen hinter den Lexikoneinträgen sichtbar machen, Diskografien der vorgestellten KünstlerInnen und ein Bandregister beinhalten.

Unter der Leitung von Elisabeth Treydte (HfMT) wurde eine Arbeitsgemeinschaft zum Themenfeld Popmusik und Genderforschung gegründet. Magdalena Fürnkranz vertritt die mdw in diesem Netzwerk. Gemeinsam mit Studierenden sollen im laufenden Studienjahr lexikographische Texte über österreichische MusikerInnen erstellt werden. Der Schwerpunkt wird auf jungen, weiblichen, queeren AkteuerInnen der Wiener Rock-/Popszene liegen. Multimediale Präsentationsformen in der Vermittlung von Musik, in der Darstellung von Arbeitskontexten von MusikerInnen und genderspezifischen Sachthemen sollen im Rahmen einer Lehrveranstaltung am ipop entwickelt und umgesetzt werden. Dies leistet einen Beitrag zur Vermittlung von Musik und ihrem kulturellen Kontext und trägt gleichzeitig zur Auseinandersetzung mit aktuellen musikalischen Tendenzen bei. Interessierte Studierende der mdw werden somit in das Online-Lexikon MUGI POP eingebunden und durch die wissenschaftliche Tätigkeit eine internationale Schnittstelle für das Forschungsnetzwerk an der mdw geschaffen. Erste Ergebnisse sollen bei der Tagung des Instituts für Popularmusik PopNet Austria vom 1. bis 3. Dezember 2016 präsentiert werden.

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