Lampenfieber, Existenzangst, Prüfungsstress oder Leistungsdruck – Musik und Angst stehen in vielfältiger Beziehung zueinander. Wie die eine die andere lindern, aber auch verstärken kann, und wie es gelingt, als Musiker_in möglichst angstbefreit durchs Leben zu gehen, wissen Expert_innen der mdw und der Universität Wien.

Trotz Terror, Migrations- und Wirtschaftskrisen leben Europäer_innen heute sicherer als vor vierzig Jahren. Das belegen zahlreiche Statistiken. Und doch schüren und nutzen Politiker_innen, Seite an Seite mit Boulevardmedien, Ängste, um damit Profit und Wählerstimmen zu lukrieren. In Kombination mit jenen Herausforderungen, die der leistungsgetriebene Studien- und Berufsalltag mit sich bringt, kann sich leichter denn je die Vorstellung verfestigen, man lebe in angstbesetzten Zeiten, in denen sich alles zum Schlechteren wende. Umso wichtiger ist es heute, einen kühlen Kopf zu bewahren, Ängste und Sorgen einem stetigen Realitätscheck zu unterziehen und – wenn nötig – professionellen Rat einzuholen. „Angst“ kommt vom mittelhochdeutschen Wort „angest“, das für Enge und Beklemmung steht. Mit Musik, in der die meisten Befreiung schlechthin orten, assoziiert man das nicht unbedingt. Und doch gibt es zahlreiche Beispiele, wo sich Angst und Musik berühren.

Angelika Silberbauer, Universitätsassistentin an der mdw, kennt die Ängste, mit denen Musiker_innen zu kämpfen haben – aus eigener Erfahrung als Komponistin und Pianistin genauso wie als Leiterin des Arbeitskreises für Gleichbehandlungsfragen: „Wenn man seit seiner Kindheit auf den Wunsch hinarbeitet, Musik zum Beruf zu machen, ist das auch stets von der Angst vor dem Scheitern begleitet“, sagt sie. Viele hätten vor allem am Beginn ihrer Karriere Existenzängste, „da das Business sehr hart ist und man sich erst einen eigenen Weg und Netzwerke suchen muss. Es reicht nicht, exzellent zu spielen, man muss mit dem Spiel auch einen Nerv treffen.“

Gegen die immer noch vorhandene strukturelle Benachteiligung von Frauen in der Musikbranche könnten Quoten helfen, meint Silberbauer. Aber auch durch einfache Bewusstseinsbildung habe sich schon einiges zum Besseren verändert: „Etliche Veranstalter_innen fragen heute gezielt nach Musikerinnen oder Dirigentinnen. Beim diesjährigen Neujahrskonzert haben wir immer wieder Frauen im Orchester gesehen. Das wäre vor einigen Jahren undenkbar gewesen.“ Mittlerweile gebe es auch eigene Netzwerke speziell für Musikerinnen, um untereinander Jobangebote auszutauschen.

Neben materiellen Sorgen fühlen sich junge wie arrivierte Musiker_innen vor allem durch den Klassiker unter den Ängsten geplagt: Lampenfieber – sei es vor Prüfungen, bei Probespielen oder Auftritten. Silberbauer weiß, dass man dem mit der Zeit vor allem durch viel Routine entgegenwirken kann. „Eine gewisse Spannung aber“, meint sie, „bleibt immer.“

Das kann auch Stephan Mantsch bestätigen. Er ist Psychotherapeut, selbst ausgebildeter Musiker und lehrt Musikpsychologie an der mdw. Er unterscheidet zwischen Lampenfieber und Auftrittsangst, denn wo bei ersterer oft eine „leistungsfördernde Aktivierung“ vor dem Auftritt passiert, von der auch viele erfahrene Künstler_innen und Stars berichten, überwiegt bei zweiterer die „leistungsmindernde Aktivierung“. In beiden Fällen sei „sehr viel Energie im Spiel“, sagt Mantsch. Wer Auftrittsangst erfolgreich überwinden wolle, dürfe nicht „gegen sie kämpfen, sondern muss sich mit ihr bewegen. Es geht um eine Entwicklung von der Selbstkontrolle hin zur Freiheit, von der Isolation zur Kommunikation, von der Enge („angest“) hin zur Weite.“ Die aktive Auseinandersetzung mit Auftrittsangst könne so ein „wunderbarer Ausgangspunkt für eine musikalische und persönliche Weiterentwicklung sein“, meint der Psychotherapeut.

Nahezu jede_r Profi- wie Amateurmusiker_in habe irgendwann in seinem / ihrem Leben mit Auftrittsangst zu tun. Und doch werde diese häufig gesellschaftlich tabuisiert. „Das ist ein Problem, weil sich Betroffene dadurch alleingelassen fühlen.“ Studien besagen, dass 34 Prozent der Musiker_innen Alkohol oder Sedative zu sich nehmen, 23 Prozent greifen zu Betablockern. Mantsch plädiert auch hier für eine Enttabuisierung: In schweren Fällen und unter ärztlicher Anleitung könne medikamentöse Behandlung nämlich durchaus Sinn machen, zuvorderst müsse das Problem aber psychotherapeutisch angegangen werden. Tabuisierung führe häufig zu Selbstmedikation, „und davon ist immer abzuraten“.

Erst nach Identifikation und Behandlung einer Vielzahl an Faktoren wie Lebensumstände, Stressverarbeitung oder falsche Übungsgewohnheiten, könne man beim Thema Auftrittsangst stark mit Entspannungsübungen, bei denen Atemtechniken ein unverzichtbarer Bestandteil seien, entgegenwirken, sagt Bernhard Riebl, Musikphysiologe an der mdw. „Atmung wirkt hochsensibel auf die Einflüsse des vegetativen, unbewussten Nervensystems, sie verändert sich unter Stress oft negativ.“ Daher sei es sehr wichtig, daran zu arbeiten. An der mdw bestehe zum professionellen Erlernen dieser Kompetenzen eine jahrzehntelange Tradition, so Riebl. „Mit gutem Recht“ könne man sagen, dass „zu einer gelungenen künstlerischen Performance seit der Antike ein ausbalanciertes Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele gehört“.

Die positive Wirkung von klassischer Musik auf Geist, Körper und positiver Herausbildung derselben kennt auch der Bratschist Dietmar Flosdorf, Lehrender an der mdw und seit vielen Jahren umtriebig im Feld alternativer Musikvermittlungsangebote. Sein Workshopprogramm Musik zum Anfassen etwa richtet sich an Schüler_innen und sozial Benachteiligte, denen er die Schwellenangst vor klassischer Musik nehmen möchte. Musik, meint er, sei „kein elitärer Bereich – ganz im Gegenteil! Kunst und Musik gehören zum Menschen und es entspricht seiner Natur, sich kreativ auszudrücken – in allen Kulturen dieser Welt.“ So gesehen gehe es gar nicht um das Nehmen von Schwellenängsten, sondern um das Ansprechen ohnehin vorhandener Bedürfnisse jedes und jeder Einzelnen, unabhängig von seiner oder ihrer sozialen Herkunft.

Die großen Konzerthäuser und Orchester hätten sich in den letzten Jahren erfreulicherweise bewegt und würden heute allesamt Angebote mit niederschwelligem Zugang bieten. Flosdorf sieht aber noch viel Potenzial. So könne man in Zukunft Synergien nicht nur zwischen Bildungs- und Kultureinrichtungen nutzen, sondern auch den Anschluss an den Gesundheitsbereich suchen. Dass Musikprojekte im öffentlichen Raum heute sogar von den Wiener Linien initiiert werden, freut Flosdorf. Projekte wie U-Stars, wo Musiker_innen geregelte Auftritte in U-Bahnstationen ermöglicht werden, würden den öffentlichen Verkehr immens aufwerten.

Dass Musik auf Emotionen und das Verhalten von Menschen unterschwellig wirken kann, ist wissenschaftlich belegt. Nicht ohne Grund wird an vielen öffentlichen Orten mittlerweile klassische Musik eingesetzt, um nachts beruhigend und aggressionsmindernd zu wirken. Am Institut für Musikwissenschaft der Universität Wien erforscht Jörg Mühlhans, wie sich Musik auf Emotionen auswirkt. Insbesondere befasst er sich mit „Angstmusik“ aus Filmen von der Stummfilmära bis zum US-amerikanischen Horrorfilm. Sein Ergebnis: Während beim Stummfilm noch lange, tiefe Töne als „Angstmusik“ eingesetzt wurden, tendiert der jüngere Horrorfilm zu kurzen, hohen, ja schrillen Tönen. Dissonante Neue Musik werde oft als ängstigend empfunden, Popmusik, Synth-Pop, Rock, Heavy Metal, klassische und romantische Musik hingegen kaum. (Anm. d. Red.: Siehe auch Artikel von Rumen Dimitrov)

Dass Musik auch Ängste lösen kann, davon ist Mühlhans überzeugt. Sogar der alte Trick, in unheimlichen Situationen ein Liedchen zu singen oder zu pfeifen, klingt für ihn plausibel: „Angstzustände entstehen im Gehirn und sind das Resultat vieler kognitiver Prozesse – was einiges an Gehirnkapazität benötigt. Wenn man singt, braucht man ebenfalls eine gewisse Gehirnkapazität: Man muss eine Melodie abrufen und sich an den Text erinnern, das lenkt ab.“ Und schließlich könne auch das einfache Anhören von Musik beruhigend wirken: „Am besten funktionieren Lieder, die wir mit positiven Erinnerungen verbinden.“

 

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