Die Toskana Anfang Juni ist wie ein Geburtstagsfest, zu dem viel mehr Gäste gekommen sind, als man eigentlich eingeladen hat.

In den großen Städten wie Florenz, Pisa oder Siena ist es gerade noch auszuhalten. Es gibt immer eine Nebenstraße oder eine kleine Gasse, in die man flüchten kann. In den kleinen Orten am Land kann es jedoch brutal werden. Die engen Gässchen, die sehr idyllisch wirken, wenn sie menschenleer sind, werden zu Flaschenhälsen, sobald sich die Insass_innen der Reisebusse darin tummeln. Alles staut sich, man rempelt sich gegenseitig an, fällt übereinander und irgendwann ist man eingeklemmt zwischen dem amerikanischen Paar mit dem schreienden Kleinkind und der deutschen Seniorenreisegruppe, deren Teilnehmer_innen sich lautstark über den Preis des „acqua minerale“ beschweren, das findige Dorfbewohner_innen an die Wartenden verkaufen. So geschehen im letzten Sommer im kleinen Ort San Gimignano, der aufgrund seiner vielen hohen, mittelalterlichen Türme auch „das Manhattan der Toskana“ genannt wird. Am Ortsanfang liegt eine kleine Kirche. Im Inneren sind keine besonders wertvollen Fresken oder Bilder zu bewundern, aber sie ist pittoresk und der ganze Stolz des Pfarrers. Dieser stand am Eingang und begrüßte die unübersichtliche Besucher_innenschar, die lautstark in das Haus Gottes einzog, anfangs noch freundlich.

Doch dann wurde ihm der Lärm zusehends zu viel. Zuerst suchte er verzweifelt nach dem Reiseleiter und bat ihn, für Ruhe zu sorgen. Das versuchte dieser auch – jedoch ohne großen Erfolg. Dann griff der Pfarrer zu einem drastischeren Mittel. Er nahm ein Mikrofon und rief mehrmals „Silenzio!“ hinein. Doch das kümmerte kaum jemanden, im Gegenteil. Einige Besucher_innen hielten es für einen Witz. Schließlich reichte es ihm. Er setzte sich an die Orgel und begann Bach zu spielen. Es dröhnte in der kleinen Kirche, es hallte, die Töne überschlugen sich fast. Doch von einer Sekunde auf die andere waren alle still. Die heilige Musik hatte endlich die heiß ersehnte heilige Ruhe gebracht.

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