Die Stimme ist das schönste Instrument des Menschen, heißt es, und ihre Schönheit ist ungerecht verteilt. Wie oft hört man nur mit halbem Ohr zu, wenn jemand leise spricht? Wie stark beeinflusst die Stimme das Gesagte, erhöht es sogar, wertet es auf, nur weil sie besonders angenehm ist? Wie gerne lauscht man Menschen, selbst wenn es nur am Telefon ist, weil sie eine warme, schöne Stimme haben? Wie leicht lässt man sich von sanften Stimmen verführen? Sehr leicht, zumindest in meinem Fall.

Ich liebe tiefe Stimmen. Sie haben etwas Einlullendes, Vertrautes, Warmes, fühlen sich an wie eine Umarmung, als würde man eingewickelt in eine dicke Decke, die noch genug Platz lässt für das Ich. Sie klingen nicht neugierig oder suchend wie die hellen Stimmen in den Radioreportagen, nicht sachlich wie die neutralen der Nachrichtensprecher, sie stellen keine Fragen, sie scheinen bereits alle Antworten zu kennen. Man kann sich in ihnen suhlen, die Augen schließen und sich sanft von ihrem Brummen in den Schlaf wiegen lassen. Ich glaube, das ist die Magie des Basses. Der Bass ist ein mystisches Instrument, ähnlich wie eine tiefe Stimme. Er ist nicht hektisch oder schnell, er wirkt aus dem Hintergrund, zieht einen mit, gibt das Tempo vor, ohne dass man es merken würde. Der Bass trifft einen mitten ins Herz.

Als Studentin lebte ich einen Sommer lang in einer Substandardwohnung am Wiener Gürtel. Vor dem Fenster eine dreispurige Straße, über die LKWs und Autokolonnen donnerten, Tag und Nacht. „Schau, dass du dort bald wegkommst“, sagten meine Freunde. „Die ganzen Abgase und der Lärm! Vor allem der Lärm! Der wird dich verrückt machen.“ Tagsüber musste ich arbeiten, aber nachts lag ich zu Hause. Erschöpft von der Arbeit, müde vom Denken, aber ich litt nicht. Ich kämpfte nicht, ich schloss nicht einmal die Fenster, wenn die Nacht kam. Im Gegenteil. Ich schlief gut. Besser als je zuvor. Das regelmäßige Brummen der Autos wiegte mich in den Schlaf. Und erst am Morgen, wenn sich dazu das Quietschen der Straßenbahn gesellte, die schrillen Huptöne der Pendler, erst dann schrak ich auf und schloss die Fenster. Bis zur nächsten Nacht, wenn der Bass der Straße mich wieder in den Schlaf sang.

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