Das Leitungsteam des ipop im Interview

Eigentlich ist es ja eine fünfköpfige Combo, die seit 2009 die Geschicke des ipop orchestriert. Doch Martin Fuss und Herbert Pichler fehlen urlaubsbedingt beim Interview. David Baldinger hat mit Wolfgang Puschnig, Patricia Simpson und Harald Huber über Gratwanderungen, Erdung und Herzensangelegenheiten gesprochen.

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Das Leitungsteam mit den KollegInnen vom Institut für Popularmusik (ipop) ©Sabine Hauswirth

Was würde der österreichischen Musiklandschaft heute fehlen, wenn das ipop nicht im März 2002 gegründet worden wäre?

Harald Huber (HH): Das wäre ganz schlecht. (lacht)

Patricia Simpson (PS): Diese Vielfältigkeit, die bei uns möglich ist, habe ich in anderen Institutionen so noch nicht gesehen. Wir sind ja noch lange nicht am Ende. Ich finde, jetzt gerade beginnt es erst, so richtig zu brodeln.

HH: Von uns kommen etwa im Jazzbereich Viola Falb oder Clemens Salesny, die halbe Jazzwerkstatt Wien hat bei uns studiert. Im Popbereich Fijuka. Worldmusic mit Federspiel oder Alma. Elektro Guzzi im Grenzbereich Pop und Dance. Unendlich viele Studierende haben mittlerweile toll ihren Weg gemacht.

Wolfgang Puschnig (WP): Da kann man nicht mit dem Daumen darauf zeigen. Die Arbeit beginnt erst und wird auch noch sehr lange dauern. Uns geht es nicht um Fertigkeiten, sondern um eine Einstellung.

Wolfgang Puschnig und Patricia Simpson
Wolfgang Puschnig und Patricia Simpson ©Stephan Polzer

Kann man diese Einstellung auf einen Punkt bringen?

WP: Ja, keine Angst und Offenheit. Kein Lagerdenken. Es geht hier nicht um stilistische Mauern. Es geht um eine Öffnung. Natürlich gibt es Qualitätsunterschiede, aber irgendwann kommt der Punkt, an dem sogar die nicht mehr das Wichtigste sind.

Popkunst kann nicht gelehrt werden, eine institutionalisierte Lehre würde kreative Eruptionen ersticken und am Ende in einer Kanonisierung, Lähmung oder Nivellierung enden – was halten Sie von dieser Sichtweise?

WP: Grundsätzlich stimmt das, aber eigentlich geht es nicht darum. Jede Institution hat einen Rahmen. Das Wichtige ist aber, dass man innerhalb dieses Rahmens etwas vermitteln kann, das nicht blockiert, sondern fördert. Kreativität kann man nicht nach Rezept unterrichten – sie ist da oder nicht da. Aber man kann Voraussetzungen schaffen, sodass sie eher hervorkommt. Ich selbst war am Konservatorium. Das war damals auch sehr schulisch, hat mich aber an nichts gehindert.

PS: Ich hinterfrage das auch selbst immer wieder: Ist es wirklich das Richtige, zielstrebig ein Studium zu machen, wenn ich frei Musik machen will? Es ist eine Gratwanderung. Ich selbst hätte das Studium sehr gerne gemacht. Auf meinem Sektor habe ich damals nichts vorgefunden.

HH: Hinter dieser Meinung steckt eine alte Auffassung von Schule. Es gibt die Gefahr, dass die Schule die Musik beeinflusst. Aber das ist keine Einbahn: Wir als MusikerInnen verändern ja auch die Schule. Der soziale Kontakt, der Band-Projekte ermöglicht, die Infrastruktur – all das sind Vorteile einer schulischen Einrichtung. Noch etwas: 1969 hat ein berühmter Absolvent hier dem Haus den verliehenen Beethovenring zurückgeschmissen. Friedrich Gulda. Sein Argument: Dieses Haus nimmt einen Großteil der Musik dieses Planeten nicht wahr. Die Überzeugung, dass Pop, Jazz und die ganze populäre Musik ein wesentlicher Ausdruck von Kultur sind, hat hier alles in Gang gebracht. Wir sehen nicht ein, warum sich ein Haus wie dieses nicht auch mit diesen Musikrichtungen befassen sollte. Mittlerweile ist das auch einigermaßen durchgesetzt.

Harald Huber
Harald Huber ©Stephan Polzer

Was bedeutet das ipop für Sie persönlich?

PS: Für mich ist es ein Gutteil meines Lebens. Ich fahre immer gern hierher und wenn ich rausgehe, denke ich: Wie schön ist es, hier zu sein und hier zu arbeiten.

WP: Ich habe sehr viel gelernt. Ich war schon sehr lange eher auf meine künstlerische Tätigkeit fokussiert. Die Arbeit hier hat mich geerdet. Ich habe gesehen, wo überhaupt der Boden für die Kunst ist. Das habe ich durch die Kommunikation mit den Studierenden und meinen KollegInnen gelernt. Ich habe viel dazugelernt und falsche Konzepte über den Haufen geworfen.

HH: Für mich ist das ipop eine Herzensangelegenheit, ein Lebensprojekt. Ich bin seit den 1970ern dabei, damals als Studentenvertreter. Das dann langsam aufzubauen, Studienpläne zu entwickeln, 2002 das Institut und 2009 das neue Team zu gründen – das ist schon etwas Besonderes. Ein Vergleich: Ende der 1970er-Jahre Lehrveranstaltungen an der damaligen Musikhochschule: Null. Heute: Tolles Institut, 44 Lehrende, unendlich viele Lehrveranstaltungen.

Wo sehen Sie das ipop in zehn Jahren – wie könnte, sollte und muss es sich verändern, um relevant zu bleiben? Gibt es etwas, das Sorgen bereitet?

PS: Wir haben so viele Pläne und sehr viel Arbeit vor uns. Ich freue mich darauf. Es wird das Konzertfach geben – und natürlich ein verjüngtes Team, neue Lehrende, vielleicht sogar neue Formen des Unterrichts.

WP: Keiner von uns wird sich festkrallen. Wir wissen, wie wichtig es ist, dass der Apparat verjüngt wird. Ich hoffe, dass sich dieser Geist etabliert und das ipop noch besser wird.

HH: Zum einen habe ich die Hoffnung, dass dieser künstlerische Studienplan dann existiert. Zum anderen, dass es weiterhin die Studienrichtung IGP Instrumental(Gesangs)pädagogik gibt. Dass das Institut weiterhin präsent ist im Doktoratsstudium. Dass wir den Generationswechsel tatsächlich haben. Dass das Institut dazu beiträgt, dass Wien in musikalischer Hinsicht als Melting Pot funktioniert. Ein kreativer Hotspot sollte das werden. Ich würde mir in zehn Jahren auch noch mehr Frauen bei uns wünschen. Aber bei mir kommt davor noch die Pensionierung − ich schaue mir das dann von außen an.

  • Lesen Sie mehr über das ipop im aktuellen Institutsmagazin „Kollektion„.

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