Veronika Kinsky, verantwortlich für den Fachbereich Elementare Musikpädagogik (EMp), und Monika Mayr, Rhythmikerin und Senior Lecturer am Institut für Musik- und Bewegungspädagogik/Rhythmik sowie Musikphysiologie, sprechen über die Relevanz von Musik und Bewegung in jedem Lebensalter und darüber, welche Impulse die mdw dabei setzen kann.

Musik und Bewegung als lebenslanger Begleiter. Welche Bedeutung hat diese Aussage für sie beide?

Veronika Kinsky zeichnet verantwortlich für den Fachbereich Elementare Musikpädagogik (EMp) und ist Senior Lecturer am Institut für musikpädagogische Forschung und Praxis. © Privat

Veronika Kinsky (VK): Musik und Bewegung in jedem Alter sehe ich in vielerlei Hinsicht als lebensnotwendiges Mittel. Einerseits als das Recht zum künstlerischen Ausdruck und andererseits als eine Lebensbereicherung für Körper, Seele und Geist. Lebenslanges Lernen ist mit Musik und Bewegung möglich, sinnvoll und bedeutsam.

Monika Mayr (MM): Für mich ist das Recht auf Musik und Bewegung ein ganz wesentlicher Punkt in unserem Leben. Musik unterstützt uns in unserem seelischen, physischen und psychischen Dasein und gibt sowohl unserer Ich- als auch Wir-Identität Nahrung.

VK: Leider verkümmern diese Bereiche in der heutigen Wirklichkeit der Digitalisierung. Schon junge Kinder verbringen oft zu viel Zeit am Handy, anstatt sich in der Natur zu bewegen oder gemeinsam mit den Eltern zu singen. Da auch Bildungs- und Bewegungsangebote gekürzt werden, ist es unsere Aufgabe darauf zu achten, dass diese Bereiche nicht zu kurz kommen.

Musik und Bewegung in jedem Alter sehe ich in vielerlei Hinsicht als lebensnotwendiges Mittel.

Veronika Kinsky

Wie können die Elementare Musikpädagogik und die Musik- und Bewegungspädagogik hier gegensteuern?

VK: Sowohl die Musik- und Bewegungspädagogik/Rhythmik als auch die Elementare Musikpädagogik arbeiten mit der engen Verbindung von Musik und Bewegung und fördern zusätzlich die sinnliche Wahrnehmung. Dieser Zugang muss die Basis im Lernen junger Menschen darstellen. Dann sind die idealen Voraussetzungen gegeben, um später mit digitalen Medien umgehen zu können.

MM: Medien sind um uns und wir müssen versuchen sie sinnvoll zu nutzen. Als Rhythmikerin kann ich hier Synergien mit Inhalten aus der Medienkompetenz schaffen und dieses Thema mit körperlichen und sinnlichen Eigenerfahrungen verbinden.

Studierende der Musik- und Bewegungspädagogik/Rhythmik leiten im Rahmen der Lehrpraxis kostenlose Jahreskurse für musik- und bewegungsfreudige Menschen darunter auch intergenerative Gruppen. © Monika Mayr

Auf welche Weise lassen sich diese Angebote Kindern näherbringen?

VK: Unter anderem durch Elementare Musikpädagog_innen an Musikschulen und durch Elementarpädagog_innen. Daher ist es besonders wichtig, dass sie in ihrer Ausbildung ausgiebig in diesen Bereichen geschult werden und Erlerntes in den Berufsalltag integrieren können.

MM: Multiplikator_innen aus unseren Fachbereichen leisten hier wertvolle Arbeit und vermitteln ihre Fachexpertise durch Projekte oder Fortbildungen. Darüber hinaus ist die Rhythmik ein Pflichtfach an den Bildungsanstalten für Elementarpädagogik – das ist ein Alleinstellungsmerkmal in Österreich.

Monika Mayr ist Rhythmikerin, Musikgeragogin und Senior Lecturer am Institut für Musik- und Bewegungspädagogik /Rhythmik sowie Musikphysiologie. © Veronika Wormuth

Welche Ausbildungsangebote bietet die mdw dazu an?

VK: Studierende können Elementare Musikpädagogik als Studienschwerpunkt wählen und mittels Lehrpraxis sowie weiteren künstlerisch-pädagogischen und wissenschaftlichen Lehrveranstaltungen Erfahrungen sammeln, die sie dann später in ihren eigenen Arbeitsfeldern anwenden können. Zudem gibt es die Möglichkeit der beruflichen Weiterbildung für Menschen, die in pädagogischen oder sozialen Berufen arbeiten, wie Elementarpädagog_innen oder Volksschullehrkräfte, sowie Menschen aus der Altenpflege oder Jugendarbeit. Das Masterstudium Contemporary Arts Practice (CAP) bietet das wählbare Profil Interartistic Music Practice / Elementares Musizieren an, um die eigene künstlerische, kunstverbindende und vermittelnde Kompetenz zu vertiefen.

MM: In der Rhythmik hat man nach dem Bachelorstudium die Lehrbefähigung zur Musik- und Bewegungspädagog_in. Wesentlich für die breite Ausrichtung im Berufsfeld ist das Angebot von vielfältigen praxisorientierten Lehrveranstaltungen für alle Altersstufen, damit sie in diesen Handlungsfeldern später qualitativ hochwertige Arbeit leisten können.

Die Kreativität wird nicht alt und die Emotion wird nicht dement.

Monika Mayr

Sie haben vorhin von der Lehrpraxis gesprochen. In welchen Bereichen können Studierende hier Erfahrungen sammeln?

MM: Mit der Lehrpraxis haben wir ein Lernfeld eingerichtet, bei dem die Studierenden die Hochkultur der Universität verlassen und mit anderen gesellschaftlichen Gruppierungen konfrontiert werden, die wir an der mdw nicht integrieren können. Daher sind Praktika während der Studienzeit sehr wichtig. Wir gehen in Senioren-, Jugend oder Tageszentren, aber auch in Frauengemeinschaften oder haben Einheiten in Wohnhäusern mit Menschen mit Migrationshintergrund. Wichtig sind hier die adäquate Unterstützung und Begleitung der Studierenden durch uns Lehrende.

VK: Wir sehen unsere Verantwortung darin, in gesellschaftlich relevante Bereiche hinauszugehen. Wir suchen bewusst nach entsprechenden Kooperationspartner_innen, nehmen aber auch Vorschläge von Studierenden auf.

Das Alter der Gesellschaft steigt stetig an, neue Berufsfelder erschließen sich in diesem Zusammenhang. Wie kann die mdw auf diese demografischen Veränderungen reagieren?

MM: Kaum jemand denkt daran, dass auch Menschen im späten Lebensalter das Recht auf Musik und Bewegung als soziokulturelle Teilhabe haben. Ich wünsche mir daher noch verstärkt Angebote an der mdw zu diesem Thema, vor allem weil sich in diesem Bereich wunderbare Berufsfelder für unsere Absolvent_innen erschließen. Wir bieten bereits verpflichtende Lehrveranstaltungen zu diesem Thema an, etwa eine Einführung zur Rhythmik in der Geragogik oder das freie Wahlfach Musikgeragogik. Für ehemalige Mitarbeiter_innen der mdw haben wir das Format mdwPlus entwickelt. Wünschenswert wären zudem Weiterbildungsangebote, die auch Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen wahrnehmen können, wie etwa der Altenarbeit.

Wie können Musik und Bewegung die verschiedenen Altersgruppen bereichern?

VK: Kunst, um der Kunst willen, ist in jedem Alter ein Menschenrecht. Unser künstlerisches Ausdrucksbedürfnis hat schon für sich einen eigenen Wert. Zudem helfen uns Musik und Bewegung körperlich fit zu bleiben, sie schulen das Gedächtnis. Allein wenn ich an die Sturz-Prophylaxe denke, ist das ein wertvoller Beitrag. Da ältere Menschen immer wieder unter Einsamkeit leiden, wirkt auch die Gemeinschaft ungemein beglückend. Gemeinsam zu singen und tanzen schüttet Endorphine aus, das wirkt sich positiv auf die Stimmung aus und trägt zur Entspannung und Schmerzlinderung bei.

MM: Es ist eine Sinnstiftung im Leben, etwas, das wir uns ein Leben lang wünschen. Die Kreativität wird nicht alt und die Emotion wird nicht dement. Das Alter, ob mit zwei oder 102 Jahren, stellt keine Differenzierung dar. Es ist die Ressourcenkraft, die Menschen mitbringen – in dem Moment, in dem sie heute, hier und jetzt da sind und durch Musik und Bewegung ihre Ausdrucksfähigkeiten entdecken und dabei Freude empfinden.

Wir sehen unsere Verantwortung darin, in gesellschaftlich relevante Bereiche hinauszugehen.

Veronika Kinsky

Welche Eigenschaften sollte man idealerweise mitbringen, wenn man sich für diese Studienangebote interessiert?

VK: Eine Bereitschaft künstlerisch-pädagogisch zu wachsen, die Freude mit Menschen zu arbeiten und vor allem Offenheit – nicht zuletzt für eine beziehungsorientierte Begegnung auf Augenhöhe sowie Spontanität und Flexibilität.

MM: Und Belastbarkeit, denn die Studierenden werden mit Menschen mit besonderen Bedürfnissen konfrontiert. Wichtig ist auch eine musikalische und bewegungsorientierte künstlerische Exzellenz, denn das bedingt unseren Fachbereich an der Universität. Wir schicken unsere Absolvent_innen als Fachkräfte in die Arbeitswelt. Deshalb müssen wir auch immer weiter daran arbeiten, die entsprechenden Berufsbilder zu etablieren, denn aktuell wird zum Beispiel besonders im Bereich der Musik- und Rhythmikgeragogik (Musik und Bewegung mit älteren Menschen) sehr viel Freiwilligenarbeit geleistet.

In welchen Berufsfeldern kann man als Absolvent_in arbeiten?

VK: Für die EMp ist der Hauptberufsort noch immer die Musikschule, der zweitwichtigste Arbeitsbereich stellt die Kooperation mit Volksschulen dar. Zudem arbeiten unsere Absolvent_innen in Pflege- und Altersheimen, dem sozialen Bereich, wie der Jugendarbeit und der Freizeitpädagogik, im Inklusionsbereich, aber auch in der Erwachsenenbildung beispielsweise an Volkshochschulen.

MM: Ich unterscheide gerne institutionelle Arbeitsfelder und die freiberufliche Tätigkeit in der freien Szene. Von unseren Absolvent_innen hören wir, dass sich zudem immer weitere Berufsfelder erschließen, wie etwa Tätigkeiten an Rehazentren oder Frühförderstellen. Auch Inklusion ist ein wichtiges Thema für uns. Auf diese Entwicklungen müssen wir in der Ausbildung eingehen und sie noch stärker behandeln. Aktuell erleben wir oft, dass sich Absolvent_innen nach relativ kurzer Zeit aus Überforderung ein neues Berufsfeld suchen. Wir müssen uns daher überlegen, wie wir Studierende noch besser im Studium vorbereiten können. Das Berufsfeld wird nur dann breit, wenn man mit Zusatzqualifikationen neue Bereiche aufbaut. Ich habe etwa den Hochschulzertifikatskurs in Musikgeragogik gemacht und arbeite heute erweiternd auch als Musikgeragogin – so erschließen sich neue Berufsfelder.

Wir haben bereits über die Arbeit mit Kindern (Pädagogik) und Senior_innen (Geragogik) gesprochen. Was ist mit dem Bereich der Erwachsenenbildung?

MM: Erwachsene Menschen befinden sich oft in einem gestressten Arbeitsalltag, hier können wir Angebote schaffen, die für Ausgleich sorgen. Etwa durch künstlerische Gestaltungsräume, in denen sich jeder und jede individuell ausdrücken kann. Die Begegnung mit Menschen aus ganz unterschiedlichen Orten, Kulturen oder Berufsfeldern – die in diesem Moment jedoch in den Hintergrund treten – stellt einen besonderen Mehrwert unseres Bereiches Rhythmik dar.

Das Berufsfeld wird nur dann breit, wenn man mit Zusatzqualifikationen neue Bereiche aufbaut.

Monika Mayr

Das Zentrum Elementares Musizieren stellt mit seinem Kursangebot für alle Altersbereiche das intensive Wahrnehmen, Erleben und Begreifen der Musik in ihrer Vielfalt in den Vordergrund. © Werner Rohrer

In welchen Einrichtungen werde ich in puncto Erwachsenenbildung fündig?

VK: Die Bildungsmöglichkeit für Erwachsene findet tendenziell an Volkshochschulen, Konzerthäusern und weiteren Kultur- und Bildungseinrichtungen statt. Die Musikschulen in Wien richten ihr Angebot an Kinder und Jugendliche – natürlich wünschen wir uns, dass Musikschulen, wie in den Bundesländern, für alle Altersgruppen offen sind und gefördert werden. Gleichzeitig will eine erwachsene Person vielleicht nicht unbedingt in eine Schule gehen, sondern eher in ein offenes Musizier- oder Tanzhaus. Ich denke hier auch an gemeinschaftlich verwaltete Kulturzentren. Das sind wunderbare Orte für alle Altersgruppen – mit der Möglichkeit zu generationsübergreifenden Angeboten.

Für alle, die jetzt neugierig geworden sind – gibt es Beispiele für solche Angebote? Wo kann ich mich informieren?

MM: Das Kompetenzzentrum für kulturelle Bildung im Alter und inklusive Kultur ist ein weit gespanntes Informationsportal mit Kursangeboten, Materialien und Fachartikeln. Ebenso die Deutsche Gesellschaft für Musikgeragogik, die zudem über neue Projekte aus diesem Bereich berichtet.

VK: Ich möchte zusätzlich zum berufsbegleitenden Universitätslehrgang für Elementare Musikpädagogik zwei Kurse erwähnen, die bei uns an der mdw am Zentrum Elementares Musizieren stattfinden. Klangwelt ab 65 ist ein Kurs für Menschen ab 65, wo das Gestalten und Erleben von Musik und die Freude am gemeinsamen musikalischen Spiel im Mittelpunkt stehen. Musik neu erleben – für Erwachsene bringt alle ab 18 spielerisch in Kontakt mit musikalischen Abenteuern – ganz ohne Leistungsdruck. Auch unsere Familienkurse sind Angebote für gemeinsames Musizieren von Kinder mit Erwachsenen.

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