Augenmusik? Eine ethnographische Studie zu Gebärdenchören im deutschsprachigen Raum
Ein Forschungsprojekt am MMRC, gefördert vom FWF Österreischischer Wissenschaftsfonds
Kurzbeschreibung:
Wie singen gehörlose Menschen gemeinsam? Wie sieht ihre singende Stimme aus? Dieses Projekt ist die erste umfassende wissenschaftliche Untersuchung von Gebärdenchören im deutschsprachigen Raum, die überwiegend oder ausschließlich aus gehörlosen Menschen bestehen und Lieder in Gebärdensprache performen. Dabei geht es um eine bestimmte Gruppe von (überwiegend) gehörlosen Menschen, die regelmäßig und auf Amateurniveau gebärdensprachliche Kunstformen in Gottesdiensten aufführen. Die bestehenden Gebärdenchöre im deutschsprachigen Raum sind meistens an bestimmte Kirchengemeinden gebunden. Dies liegt daran, dass Musik, genauer gesagt, das Singen von Kirchenliedern, ein fester Bestandteil des Gottesdienstes ist. Andere Gebärdenchöre ohne kirchliche Bindung sind aus Schul-/Hochschulprojekten entstanden oder aus Initiativen von (meist hörenden) Menschen, die Gehörlosen ein musikalisches Erlebnis bieten möchten. Der Fokus dieses Projekts liegt explizit auf Gebärdenchören mit kirchlicher Bindung, die von Gehörlosen geleitet werden, sowie auf gebärdensprachlichen Performances, die in erster Linie für ein gehörloses Publikum gedacht sind und ausschließlich visuell ausgeführt werden.
Das Projekt befasst sich mit acht Gebärdenchören im deutschsprachigen Raum. Es werden Methoden aus verschiedenen Disziplinen (Ethnomusikologie, Deaf Studies und Gebärdensprachlinguistik) kombiniert, wobei der Schwerpunkt auf ethnographischer Feldforschung liegt. Ich werde an den Proben der Gebärdenchöre teilnehmen und mich an ihren Auftritten im (nicht-)kirchlichen Rahmen sowie an ihren musikalischen und nicht-musikalischen Aktivitäten beteiligen. Insbesondere stützt sich dieses Projekt auf eine enge Zusammenarbeit mit gehörlosen Teilnehmern und Wissenschaftlern. In (in)formellen Gesprächen und Diskussionen soll primär die Gebärdensprache verwendet werden. Außerdem werden im Rahmen des Projekts zu veröffentlichenden wissenschaftlichen Arbeiten sowohl in Gebärdensprache als auch in Schriftsprache erscheinen, um gehörlose und hörende Leser zu erreichen.
Ziel des Projekts ist es, innerhalb der Gehörlosen-Communities eine Brücke zwischen Gebärdenchören auf nationaler und internationaler Ebene zu schlagen und den Dialog und Austausch zwischen ihnen zu fördern. Außerdem wird dieses Projekt die versteckte oder unbeabsichtigte Diskriminierung aufzeigen, der gehörlose Menschen aufgrund des vorherrschenden, am Hören zentrierten Musikverständnisses ausgesetzt sind. Angesichts der wachsenden Zahl sogenannter inklusiver Musikveranstaltungen mit gehörlosen Performern plädiert dieses Projekt dafür, diese Veranstaltungen zu überdenken. Denn auch dort dient die Musik hörender Menschen meistens weiterhin als Norm. Mit diesem Projekt soll das Machtungleichgewicht zwischen hörenden und gehörlosen Performern, das durch die klangbasierte Definition und Vorstellung von Musik verursacht wird, aufgezeigt und somit ein Paradigmenwechsel bewirkt werden.
Projektleitung: Chae-Lin Kim
Projektdauer: 2026–2029
Finanzierung: Österreichischer Wissenschaftsfonds FWF Grant-DOI 10.55776/ESP4336625