Die letzte Unterrichtsstunde des Tages im BG19 in Döbling ist für Magdalena Severin zu Ende und ihre Schüler_innen verabschieden sich gerade aus dem Klassenzimmer, als sie sich für das Gespräch mit dem mdw-Magazin Zeit nimmt. Von Montag bis Donnerstag unterrichtet sie mittlerweile hier am Döblinger Gymnasium unterschiedliche Schulstufen. Seit Kurzem nicht nur in Musik, sondern auch in Deutsch, ihrem zweiten Unterrichtsfach.

Die ambitionierte Lehrerin macht eigentlich noch ihren Master in Musikerziehung und Deutsch sowie in Instrumental(Gesangs)pädagogik (Gesang – Klassik), steht aber bereits seit Herbst 2024 im Klassenzimmer. Den Abschluss ihres Masterstudiums an der mdw mit dem Arbeits- und Schulalltag zu vereinen, funktioniert nicht immer reibungsfrei. „Wenn man mal in der Schule steht, rückt das eigene Studium sehr schnell in den Hintergrund. Die Hauptaufmerksamkeit liegt dann bei den Schüler_innen.“ Trotz aller organisatorischer Herausforderungen ermöglicht ihr das Unterrichten aber stets kreative Freiräume. „Sich künstlerisch zu betätigen ist auch in der Schule möglich. Lehrer_in ist ein wahnsinnig vielfältiger Beruf, mit einem großen Handlungsspielraum“, freut sie sich. So hat Magdalena etwa im letzten Jahr ein Musical komponiert und gemeinsam mit Schüler_innen samt eigener Choreografie aufgeführt. Mit einer 7. Klasse wiederum entstand ein eigener Schulsong, der größtenteils sogar von den Schüler_innen selbst getextet und geschrieben wurde.

„Den typischen Unterricht gibt es bei mir nicht“, hält Magdalena fest. Der Lehrplan im Fach Musik gibt viele Freiheiten und einen großen Handlungsspielraum. Sie kann ihre Unterrichtsstunden freier anlegen und auf ihre Schüler_innen und deren Interessen eingehen. Kreative Aufgaben gestaltet sie daher gerne offen, um den Kindern und Jugendlichen einen Freiraum zu lassen, in dem sich diese entfalten können. Das kann bei den einen gut ankommen, bei anderen aber vielleicht zu Überforderung führen. Dessen ist sich Magdalena bewusst und geht hier individuell auf Bedürfnisse ein und bietet Unterstützung an. Etwas „Typisches“ versucht sie aber doch in jede Unterrichtsstunde einfließen zu lassen: „Die Kinder sitzen oft den ganzen Tag. Mir ist es wichtig, dass sie sich dann in meinem Unterricht bewegen und Musik ist ja auch ein praktisches Fach.“ So lockert sie zum Beispiel gerne zu Beginn mit einem praktischen Teil wie einem Aufwärmspiel die Stimmung auf und schafft es damit, Ruhe ins Klassenzimmer zu bringen. Die Schüler_innen können mithilfe der Aktivität ihren Fokus vollkommen auf den Musikunterricht legen.

Obwohl das Studium sie sehr gut auf ihre Unterrichtstätigkeit vorbereitet hat, war sie zu Beginn mit unerwarteten Herausforderungen konfrontiert. „Der Lebensraum Schule ist etwas ganz anderes. Wie kommuniziert man mit Eltern? Wie geht man damit um, wenn Schüler_innen ein Fehlverhalten an den Tag legen? Organisatorische Dinge des Schulalltags werden im Studium so nicht behandelt“, fasst sie zusammen. Magdalena ist aber schnell in ihre Aufgabe hineingewachsen. Besonders froh ist sie, dass sie an ihrer Schule ein großartiges Kollegium hat, das sie von Anfang an offen aufgenommen hat und bei möglichen Fragen stets unterstützt. „Dinge an Studienkolleg_innen zu erproben ist einfach etwas anderes, als tatsächlich vor 28 11-Jährigen in einer Klasse zu stehen. Hier einen guten Austausch mit erfahrenen Kolleg_innen zu haben, ist wichtig.“
Magdalena profitiert an ihrer Schule davon, dass viele Kinder von sich aus ein Instrument erlernen. Die Musikkenntnisse innerhalb einer Klasse können dennoch stark variieren. Die verschiedenen Interessen und Wissensstände zusammenzuführen, ist Herausforderung und Reiz zugleich. Es eröffnet neue Möglichkeiten, wie Unterricht gestaltet werden kann. „Mag ich es, zu singen? Mag ich es, mich zu bewegen? Das sind Fragen, die stark ins Persönliche gehen. Hier ist es wichtig mit und für die Kinder das richtige Maß zu finden: Fördern, einfordern, aber nicht überfordern.“

Moderne Tools und Techniken ermöglichen einen komplett neuen Zugang zur Musik. Magdalena versucht auch hier offen auf ihre Schüler_innen zuzugehen und im Diskurs deren Lebensrealität kennenzulernen. Dass in der Schule beispielsweise ChatGPT verwendet wird, ist für sie kein Geheimnis und wird offen angesprochen. Sie versucht mit ihrem Unterricht kritisches Denken zu fördern und wählt einen Mittelweg: „Arbeiten mit KI-Tools wird für viele die reale Zukunft sein, aber ich bin trotzdem ein Fan des Analogen. Das heißt für mich etwa, dass Dinge auch handschriftlich festgehalten und nicht nur mit einem Handy abfotografiert werden sollen.“ Weil Schüler_innen KI-Tools nutzen, empfiehlt sie, diese für einen ersten Überblick heranzuziehen, aber dann stets selbst aktiv zu werden, Sachen zu hinterfragen und jede Information bei einer vertrauenswürdigen Quelle zu recherchieren. „Es ist klar, dass ich dieses große Thema nicht allein im Musikunterricht abarbeiten kann. Aber ich kann immer wieder ein paar Gedanken zu der Thematik miteinbringen und an das Gewissen der Schüler_innen appellieren.“ Moderne Technik kann ihrer Meinung nach auch eine kreative Ressourcenquelle im Unterricht sein. Ihre Schüler_innen haben etwa bereits ein Musikvideo zu einem Falco-Hit selbst geschnitten, wohingegen eine andere Klasse einen Podcast aufnimmt. Magdalena selbst nutzt direkt im Unterricht etwa gerne YouTube, um Unterrichtsinhalte tiefergehend zu behandeln. Sie ist überzeugt, dass KI ein guter Impulsgeber sein kann, eigene kreative Prozesse aber keineswegs ersetzt werden können.

Technische Neuerungen und auch gesellschaftliche Entwicklungen verändern den Schulalltag stetig weiter. Musikunterricht war vor zwei Jahrzehnten anders als heute und wird sich in den nächsten 20 Jahren weiterhin wandeln. Dessen ist sich auch die junge Lehrerin bewusst, ist doch Veränderung in gewisser Weise Teil ihres Berufs, sei es gesamt gesehen oder bei der Entwicklung der Schüler_innen. „Wir begleiten Kinder von ihrem 10. bis zu ihrem 18. Lebensjahr. Das ist eine immense Zeitspanne und es sind wichtige Jahre im Leben. Da dabei zu sein und das im positiven Sinne beeinflussen zu dürfen, ist wahnsinnig bereichernd.“ Die eigene Leidenschaft in dieser Entwicklungsphase weiterzugeben, ist Magdalena wichtig. „Wenn ich an meine Schulzeit denke, waren vor allem jene Unterrichtsstunden die besten, in denen Lehrer_innen selbst mit viel Begeisterung ihr Fach vermitteln konnten.“ Bei Magdalena spürt man diese Freude am Beruf und merkt sofort, wie sie die Lehrerin ist, die sich viele in der eigenen Schulzeit gewünscht hätten. Nur zu gerne wäre man selbst in ihrer nächsten Unterrichtsstunde dabei.