Das Symposium Embracing Ambiguity diskutiert Perspektiven für Forschung, Studium und Berufsfeld
In den letzten beiden Ausgaben des mdw-Magazins wurde das Spektrum der am Institut für musikpädagogische Forschung und Praxis (IMP) versammelten Teildisziplinen bereits überblicksartig vorgestellt und einige der Herausforderungen genannt, die sich aktuell im musikalischen Bildungsbereich stellen. Nachdem es dabei zuletzt um den Lehramtsbereich ging, lenken wir dieses Mal den Blick auf die Instrumental- und Gesangspädagogik (IGP).
Vielleicht denken Sie in diesem Zusammenhang zunächst an das Unterrichtszimmer einer Musikschule, an geduldiges Üben oder an Ihre eigenen musikalischen Anfänge. Derartige Bilder zeigen allerdings nur einen kleinen Ausschnitt eines Berufsbildes, das sich in den letzten Jahrzehnten aufgrund gesellschaftlicher und bildungspolitischer Wandlungsprozesse deutlich erweitert hat: Instrumental- und Gesangspädagog_innen sind heute in unterschiedlichen institutionellen Kontexten tätig – etwa an Musikschulen, in freiberuflichen Unterrichtssettings, in Kooperationen mit allgemeinbildenden Schulen, in musikvermittelnden Projekten oder im universitären Bereich. Ihre Arbeit umfasst Einzel- und Gruppenunterricht, Ensemble- und Bandarbeit sowie Aufgaben von der musikalischen Basisarbeit über die Förderung des Laienmusizierens bis hin zur Vorbereitung auf musikbezogene Berufstätigkeiten und zur Entwicklung künstlerischer Exzellenz.
Blick auf ein dynamisches Forschungsfeld
Ehemals klar konturierte Grenzen zwischen schulischen und außerschulischen musikpädagogischen Handlungsfeldern verwischen in der Berufspraxis also zunehmend und diese Entwicklung macht sich auch im Forschungsbereich deutlich bemerkbar. Als gemeinsame Forschungsinteressen zeigen sich etwa die Auseinandersetzung mit musikalisch-ästhetischen Erfahrungen, die empirische Untersuchung musikbezogener Lernprozesse, die Auseinandersetzung mit (post-)digitalen Musikpraxen oder der kritische Umgang mit Machtverhältnissen und institutionellen Spannungsfeldern. Einen traditionell für die IGP wichtigen Forschungsdiskurs stellt darüber hinaus die Auseinandersetzung mit musikbezogenen Biografien dar, etwa in Bezug auf die Frage, wie sich Menschen Musik im Laufe ihres Lebens aneignen, welche Bedeutung musikalische Praxis für sie hat und welche Schlüsse sich daraus für die Ermöglichung von musikkultureller Teilhabe ziehen lassen. Zudem hat sich eine breit ausdifferenzierte Unterrichtsforschung etabliert, die gerade mit Blick auf die Schnittstellen schulischer und musikschulischer Arbeitskontexte zu wichtigen Ergebnissen geführt hat – zur Gestaltung musikbezogener Lehr-Lern-Prozesse und dem Umgang mit Heterogenität ebenso wie mit Blick auf die professionellen Selbstverständnisse von Lehrenden. Angesichts des sich abzeichnenden, in seinem Umfang dramatisch wirkenden Fachkräftemangels gewinnt aktuell der Blick auf Bildungsinstitutionen und die Gestaltung von Übergängen (zwischen Musikschule und Studium sowie zwischen Studium und Beruf) an Bedeutung. Weitere, intensiv beforschte Themen und Fragestellungen ergeben sich aus gesellschaftlichen Wandlungsprozessen – etwa in Bezug auf Herausforderungen, die aus einer zunehmend diversen und alternden Gesellschaft resultieren, rasanten technologischen Entwicklungen, multiplen Krisen und einer Zukunft, die in vielerlei Hinsicht fragil und unsicher erscheint.
Embracing Ambiguity. Zur Rolle der Instrumental- und Gesangspädagogik in Musikpädagogik, Bildungspolitik und Gesellschaft
Was aber bedeutet es, Instrumental- bzw. Gesangspädagog_in zu sein in Zeiten gesellschaftlicher Transformation? Diese Frage steht im Mittelpunkt eines Symposiums, welches das IMP am 29. und 30. Mai 2026 in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik und Tanz Köln veranstaltet. Das Symposium nimmt das Fach in seiner Breite in den Blick – den Forschungsbereich ebenso wie Studium und Beruf. Der titelgebende Begriff verweist in zweierlei Hinsicht auf die gegenwärtige Situation: Als verhältnismäßig junge musikpädagogische Teildisziplin hat die Instrumental- und Gesangspädagogik in den letzten Jahrzehnten einen bemerkenswerten Professionalisierungsprozess durchlaufen. Dennoch bleibt sie von einer gewissen Offenheit geprägt, erkennbar etwa an einem enorm breiten Berufsbild und einer spannungsreichen Verortung im universitären Bereich. Diese Ambivalenz kann als Defizit, aber auch als Potenzial verstanden werden: Angesichts einer komplexen und von rasanten Veränderungen geprägten Gegenwart, der Herausforderungen, die aus einer unwägbaren Zukunft resultieren sowie zunehmender Skepsis gegenüber einem simplifizierenden „Fortschrittsnarrativ“ (Andreas Reckwitz) ist fraglich, ob die Denkfigur von Professionalisierung als einer linearen Entwicklung von einem als defizitär wahrgenommenen Ausgangspunkt A zu einem möglichen Zielpunkt B noch trägt.
An dieser Stelle setzt das Symposium an und sucht nach Wegen, die Wandelbarkeit der IGP grundlegend anders zu denken: Was wäre, wenn wir diese Offenheit als konstituierendes Merkmal und als Ressource begreifen? Welche Perspektiven eröffnen sich, wenn wir Professionalisierung als ein stetes Bemühen betrachten, mit Ambiguität umzugehen und Zwischenräume in sozialen, institutionellen und künstlerischen Kontexten kreativ und produktiv zu gestalten? Welche Entwicklungstendenzen lassen sich von dieser Warte aus identifizieren und welche neuen Impulse ergeben sich daraus für Studium, Forschung und Berufspraxis?
Einladung zum Dialog
Fragen wie diese werden im Rahmen des Symposiums von Forscher_innen der deutschsprachigen Musikpädagogik und angrenzender Disziplinen, von Kolleg_innen der instrumentalen und vokalen Fachdidaktiken und aus dem künstlerischen Bereich, von Verantwortlichen aus dem Universitäts- und Musikschulbereich sowie von Lehrenden und Studierenden diskutiert. Neben klassischen Vorträgen eröffnen zahlreiche dialogische Formate Raum für Begegnung und Austausch. Gemeinsam geht es darum, Forschungsergebnisse und Eindrücke aus dem Berufsfeld miteinander in Verbindung zu bringen und zu diskutieren, welche Implikationen sich daraus für die Gestaltung von Studium und Beruf ergeben, für das Selbstverständnis der Disziplin sowie zu ihrer gegenwärtigen und zukünftigen Positionierung an der mdw und im Bildungsbereich insgesamt.