Buch – Knowing in Performing

Knowing in Performing. Artistic Research in Music and the Performing Arts

Der Sammelband ist eine Bestandsaufnahme aktueller Entwicklungen  und Überlegungen zu künstlerischer Forschung in der Musik und den darstellenden Künsten. Dreizehn internationale Beiträge loten die Möglichkeiten prozessualer Wissensproduktion unter Berücksichtigung partizipativer und experimenteller Zugänge aus und untersuchen ihre institutionelle Umsetzung. Wie kann Performance in Erkenntnis verwandelt werden? Was bedeutet es, musizierend und performend zu forschen?

Der von Annegret Huber, Doris Ingrisch, Therese Kaufmann, Johannes Kretz, Gesine Schröder und Tasos Zembylas bei transcript herausgegebene Sammelband basiert auf Beiträgen zum Symposium “Knowing in Performing“ im April 2018 sowie zu den gleichnamigen Ringvorlesungen, die von 2018 bis 2020 an der mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien stattgefunden haben. Im Rahmen der Buchpräsentation im März 2021 hat die Tänzerin, Choreografin und künstlerisch Forschende Efva Lilja Auszüge aus ihrem den Band eröffnenden Statement zum Stand der künstlerischen Forschung gelesen.

PDF „Knowing in Performing“ DOI: https://doi.org/10.14361/9783839452875.

Lesung von Efva Lilja bei der Buchpräsentation von „Knowing in Performing“ DOI: 10.21939/KIP-2021-LILJA

Coverbild: Angelicá Castelló – magnetic room

Creative (mis)understandings (PEEK-Projekt)

Dieses Projekt widmet sich der Entwicklung von neuen Umgangsweisen mit Inspiration (welche wir als auf Solidarität basierenden, wechselseitig wertgeschätzten, absichtlichen und reziproken künstlerischen Einfluss betrachten), durch die Kombination von Ansätzen des Komponierens Neuer Musik sowie der Improvisation mit ethnomusikalischer und soziologischer Forschung. Wir ermutigen zu kreativen (Miss)Verständnissen, die aus der Interaktion von Wissenschaft und künstlerischer Praxis hervorgehen, zwischen Europäischer Kunstmusik und Volksmusik sowie nicht-westlichen Stilen, insbesondere von indigenen Minderheiten in Taiwan. Sowohl das Verstehen als auch das Nicht-Verstehen führen zu glücklichen Zufallsentdeckungen und Inspiration, zu neuen Forschungsfragen, innovativem künstlerischen Schaffen und auch zu angewandten Folgeprojekten unter den nicht-westlichen Communities.
Das Projekt geht von zwei Voraussetzungen aus: Erstens tendiert zeitgenössische westliche Kunstmusik als Praxis zu einem gewissen Grad von Elitismus; zweitens wird nicht-westliches musikalisches Wissen oft entweder ignoriert oder geradezu ausgebeutet, wenn es in den Bereich kompositorischer Inspiration kommt. Wir betrachten Inspiration nicht als Einbahnstraße, die einen Input—beispielsweise durch das Aufnehmen oder Herunterladen von Material für den künstlerischen Gebrauch—darstellt. Stattdessen setzen wir uns für jene Art der künstlerischen Interaktion ein, die dialogische und dezentralisierte Wissensproduktion bei musikalischen Begegnungen unterstützt. Das Entwickeln einer interdisziplinären und transkulturellen Methodologie des Schaffens von Musik wird dazu beitragen, einerseits den—zu Recht oder zu Unrecht wahrgenommenen—Elfenbeinturm zeitgenössischer Komposition für soziale Relevanz zu öffnen, und andererseits die Anerkennung künstlerischer Werte in nicht-westlichen Musikpraktiken fördern. Durch das Betonen des wechselseitigen Charakters von Inspiration wird creative (mis)understandings zu gesellschaftlich relevanteren innovativen Methodologien des Schaffens und der Verbreitung bedeutungstragender Musik beitragen.
Die Methoden, welche in dem vorgeschlagenen Projekt angewendet werden, nehmen ihren Ausgangspunkt in der Erkenntnis, dass Menschen, die in nicht-westlichen traditionellen Gesellschaften leben, oft Vorgangsweisen der Wissensproduktion innerhalb des klanglichen Bereiches verwenden, die für zeitgenössische KomponistInnen (abgesehen von exotistischen oder orientalistischen Aneignungen des „Fremden“) meist unbeachtet oder unbekannt sind.
Das Projekt gliedert sich in vier Phasen: Feldforschung und Interaktion mit musikalischen Minderheiten-Communities in Taiwan mit Fokus bei den Tao auf der Insel Lanyu, kollaborative Workshops in Wien, eine Phase der künstlerischen Forschung mit eingeladenen indigenen Taiwanesischen Trainern in Wien und Feld-Feedback wieder in Taiwan. In allen diesen Phasen werden Austausch und Koordinierung zwischen KomponistInnen, ImprovisatorInnen, Musikschaffenden, WissenschaftlerInnen und den Source Communities von wesentlicher Bedeutung sein, nicht nur, um den kreativen Prozess zu reflektieren, sondern auch, um eine starke Wechselwirkung zwischen Schaffen und Gesellschaft zu unterstützen. Re-Interaktion mit den Source Communities im weitesten Sinne ebenso wie die Beteiligung des Publikums werden helfen, die soziale Relevanz der künstlerischen Resultate zu erhöhen.
Die Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (MDW) wird das Projekt beherbergen. Die Mitwirkenden, Johannes Kretz (Projektleiter) und Wei-Ya Lin (Co-Projektleiterin, Wissenschaftliche Mitarbeiterin) mit ihrem Team von zwölf KomponistInnen und fünf wissenschaftlichen BeraterInnen weisen eine weitreichende Erfahrung in den für das Projekt künstlerisch bzw. wissenschaftlich relevanten Gebieten auf.

 

Projekt-Website: www.mdw.ac.at/creativemisunderstandings/

Rotting Sounds – Embracing the temporal deterioration of digital audio (PEEK-Projekt)

Rotting sounds / Verrottende Klänge – über den zeitlichen Verfall von digitalem Audio: sich dem Verderben hingeben ist ein Projekt künstlerischer Forschung, das durch das PEEK-Programm des Österreichischen Fonds wissenschaftlicher Forschung (FWF) gefördert wird. Das Projekt AR 445-G24 ist eine Kooperation zwischen der MDW (Projektleiter Thomas Grill), der Unversität für angewandte Kunst (Till Bovermann) und der Akademie der Bildenden Künste (Almut Schilling) und läuft seit Mai 2018 bis zum Jahresende 2021.

Der Großteil des heutigen Medienangebots, Audio wie Video, wird in digitaler Form produziert und gespeichert. Digitale Daten sind vom Mythos der verlustfreien Übertragung und Umwandlung umrankt, obwohl die tägliche Erfahrung beweist, dass Daten einem Verfallsprozess unterliegen, und sich letztendlich auf verschiedene Weise zersetzen. Dies betrifft die Physis von Speichermedien und Abspielgeräten wie auch Medienformate und Software im Kontext ihrer technologischen Infrastruktur. Das Projekt beschäftigt sich mit den Ursachen, Mechanismen und Effekten solcher Verfalls­erscheinungen, speziell im Kontext von digitalen Klängen.

Da Degradation prinzipiell nicht verhindert werden kann, ist es unser wesentlichstes Anliegen, der künstlerischen Praxis verborgene Freiheitsgrade im Umgang mit der Allgegenwart des Verderbens zu offenbaren.

Wie können derartige Phänomene innerhalb der Klangkunst verstanden, ausgelöst, reproduziert, gesteuert und genützt werden? Was sind die Mechanismen und Auswirkungen von Obsoleszenz in Hard- und Software? Wie kann man den Prozess des Verfalls in der digitalen Domäne modellieren und was sind seine Produkte und Überreste? Welches sind die Einflüsse der Umgebung und menschlicher Interaktion? Inwieweit sind künstlerische Werke Produkte ihrer Materialquellen oder ihrer Verfallserscheinungen?

https://rottingsounds.org

distancing

Social D(ist)ancing – AR Pilot Projekt

Social D(ist)ancing – the development of a networked artistic practice out of confinement

 

Ziel dieses Projektes ist es, wirksame Werkzeuge und Strategien für künstlerische Mitgestaltung von Musik und Tanz über das Internet zu entwickeln.

Unter der Leitung von Hanne Pilgrim und Adrián Artacho startete das Projekt im September 2020 am Artistic Research Center (ARC) der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien mit sechs Rhythmik-Studierenden als TeilnehmerInnen und Tanzwissenschaftlerin Mariama Diagne.

Das Projekt, das sich auf sechs Case Studies stützt, liefert nützliche Einblicke in die Grenzen des Mediums Videokonferenz und wirft gleichzeitig tiefgreifende Fragen auf: Inwiefern können „virtuelle Proben“ —wenn überhaupt— als gleichwertig mit traditionellen, am selben Ort befindlichen Proben angesehen werden? Was ist einzigartig an dieser Art der Zusammenarbeit, die für die künstlerische Praxis relevant ist? Inwiefern bestimmt dieser Umstand das künstlerische Schaffen? Und vor allem, wie können die Grenzen des Mediums neu definiert werden, um der rhythmischen Praxis einen Mehrwert zu verleihen?

 

Projekt Blog: https://sociald-ist-ancing.blogspot.com/p/pilot.html

distancing
RADPerformance

RAD Performance – AR Pilot Projekt

Sonic Environment & Performance – a choral movement with mobile loudspeakers

 

RAD Performance stellt Konzerte und Klangkunst am Fahrrad, in Bewegung und mit einer Vielzahl an Lautsprechern in den Mittelpunkt der künstlerischen Forschung. Unter der künstlerischen Leitung von Conny Zenk startete das Projekt im Juli 2020 als Artistic Research Pilot an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Ausgehend von historischen Zeichnungen und Ansätzen zu partizipativen, fahrradbezogenen Spielformen (Reigenfahren u. Radfahr-Spiele von Josef Adametz, Wien: Kreisel u. Gröger, 1901) entwickelt das künstlerische Team (Petra Sturm, Veronika Mayer, Rahel Kraft und Conny Zenk) eine Choreografie für Radfahrer*innen, sowie grafische Notationen für Musiker*innen als Grundlage für 6-Kanal-Kompositionen. Jeweils sechs RAD Performer*innen bespielen die öffentlichen Plätze mittels mobiler Lautsprecher am Fahrrad. Der akustische, urbane Raum ergänzt, überlagert und erweitert die elektronische Komposition. An der Schnittstelle zu Konzert, Performance und Klangkunst wird das Fahrrad zum künstlerischen Medium.

 

radperformance.at

RADPerformance
MobileBuehne

Mobile Bühne – AR Pilot Projekt

Das Projekt der Mobilen Bühne ist aus einer Zusammenarbeit mit Alba Rastl (Design), Chiara Bartl-Salvi (Performance), Paul Ebhart(Soundkünstler), Felix Huber und Arno Gitschthaler(Maschinenbautechnik) entstanden. Ausgehend von unseren verschiedenen künstlerischen Praktiken, haben wir bereits in vorherigen gemeinsamen Projekten, Arbeiten realisieren und präsentieren können. Aus diesen Erfahrungen haben sich wiederkehrende Interessenfelder geformt, welche sich auch in der aktuellen Arbeit fortsetzen.

 

 

Konzept

Das interdisziplinäre Projekt mit dem Arbeitstitel „Mobile Bühne“ vereint unterschiedliche Bestandteile und Aspekte des klassischen Theaters, wie das Bühnenbild, die Performance, den Klang, sowie das Verhältnis von Betrachtenden und Performenden. Es handelt sich um eine Drehbühne, die sowohl als Ort einer Performance dient als auch als Klanginstallation wirken kann und so konzipiert und geprüft wurde, dass sie für diverse Projekte Externer, weiter verwendet werden kann. Die Arbeit geht vom Gedanken eines inklusiven öffentlichen Raums aus sowie Performance als integraler Bestandteil des alltäglichen, öffentlichen Lebens und sieht diesen als Vorraussetzung. Mittels einer ausgewählten Route sollen verschiedene Orte bespielt werden, welche durch ihre Transitfunktion im Kontext zu einer bestimmten Bewegung stehen. Beispiele: Kreisverkehr, Bahnhof, Parks sowie Orte der Bewegung. Die Miteinbeziehung der Umwelt in diesen Bühnenkörper ist eine zentraler Punkt in den einzelnen Disziplinen. Sie hat Einfluss auf Performance, den Klang, sowie auf das Bühnenbild. So wollten wir den öffentlichen Raum zu unserem Aktionsraum machen. Aufbauend auf dem Bühnenkörper werden wir Teil des Ortes, transformieren und erweitern den Handlungsraum zu einem Bühnenmoment. Unsere Aktion ist eine Anregung Orte zu nutzen, anzueignen und zu konfrontieren und dadurch in einen Dialog zu treten.

 

Hier finden sie eine ausführliche Projektbeschreibung

MobileBuehne

AR Pilot Call

2018 wurde an der mdw erstmals eine interne Förderung für Pilotprojekte im Bereich der künstlerischen Forschung ausgeschrieben.

Ziel des Calls ist die Weiterentwicklung von Praktiken, Methoden und Diskursen der künstlerischen Forschung im Kontext der an der mdw vertretenen künstlerischen Felder und Disziplinen. Neun vorwiegend transdisziplinäre und kollaborative Projekte im Bereich Artistic Research konnten gefördert werden, und einige der Teams stellten bereits Drittmittelanträge im Rahmen des PEEK-Programms des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF). Die Projekte wurden aufgrund ihrer innovativen Forschungsfragen und einer entsprechend ausgewiesenen Methode aus über 20 Einreichungen ausgewählt, wobei die künstlerische Praxis einen zentralen Anteil am Forschungsprozess haben sollte. Neben der Drittmittelantragsstellung war ein weiteres Ziel des Pilot Calls die Dissemination der Ergebnisse anhand öffentlicher Aufführungen, Ausstellungen sowie Publikationen, z. B. im Research Catalogue. Der Research Catalogue ist eine Online-Datenbank, die künstlerische Forschungen sammelt, archiviert, veröffentlicht und ausstellt, betrieben von der Society of Artistic Research (SAR), deren Mitglied die mdw ist. So sollte das aktuell durch die Ringvorlesung Knowing in Performing, die laufenden PEEK-Projekte Rotting Sounds und Creative (Mis)understandings sowie die Vorbereitung des künstlerischen Doktorats auf vielfältige Weise in Entwicklung begriffene Feld der künstlerischen Forschung eine weitere Intensivierung und Weiterentwicklung erfahren.

Pilot call im mdw magazin

Weitere Informationen (Forschungsförderung der mdw)

Think Tank

2018 haben am Institut  drei Treffen stattgefunden, zu welchen verschiedene ExpertInnen aus dem Bereich von Artistic Research (AR) eingeladen wurden. Wir sind überzeugt, dass ein intensiver, freier und unvoreingenommener Gedankenaustausch von einer überschaubaren Anzahl von Fachleuten ein wertvolles Werkzeug zur Generierung und Bündelung von Wissen sein kann, und wollen mit dieser Initiative einen qualitätsvollen Beitrag zur Klärung und Positionierung von AR an der mdw leisten.

Anstelle des Versuchs einer Definition von AR – was aus verschiedenen Gründen problematisch wäre – weil gerade das Definieren im Sinne eines Setzens von harten Grenzen dem Wesen der AR widerspricht, präsentieren wir hier zusammengefasst eine Sammlung von Charakteristika von bzw. Indizien für AR und kompilieren eine Reihe von Erfahrungen und Standpunkten, die helfen sollen, AR für die MDW konzeptuell besser zu fassbar zu machen.

 

Think Tank Artistic Research (Dokumentation)