Ein Archivprojekt der Filmakademie Wien

Im Studienjahr 2016/2017 feiert das Institut für Film und Fernsehen – Filmakademie Wien der mdw sein 65-jähriges Bestehen. Die Filmakademie ist bis heute die einzige universitäre Ausbildungsstelle des Landes für Filmschaffende und nimmt damit eine zentrale Rolle innerhalb der Österreichischen Filmgeschichte ein. Im Bewusstsein um ihre Bedeutung für das gegenwärtige sowie historische Kunst- und Kulturschaffen widmet sich ein Team von WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen nun ihrer Geschichte.

Werkschau Filmakademie
Werkschau der Filmakademie im Gartenbaukino ©Patrick Wally

Im Fokus des vom Fachbereich für Medien- und Filmwissenschaft durchgeführten Archivprojekts stehen sowohl die institutionelle Entwicklung der Filmakademie Wien als auch das von Studierenden im Laufe ihrer Ausbildungszeit produzierte Filmschaffen. Die Geschichte der Filmakademie Wien begann im Wintersemester 1951 mit der Konzeption einer Klasse für Filmkunst durch den österreichischen Regisseur und Produzenten Walter Kolm-Veltée. Im Februar 1952 folgte die Gründung des Sonderlehrganges für Filmkunst an der damaligen Akademie für Musik und darstellende Kunst Wien mit den zwei Hauptfächern Filmdarstellung und Filmgestaltung. Der Lehrplan sah zunächst drei Unterrichtsgegenstände vor: Film-Technik, Angewandte Psychologie sowie Film-Praxis. Bereits ab dem ersten Semester hatten die Studierenden die Möglichkeit, an praktischen Übungen für Filmgestaltung teilzunehmen und bei der Herstellung von Filmen mitzuwirken.

So entstanden in den darauffolgenden Jahren unter Mitarbeit von AbsolventInnen und Studierenden der Klasse für Filmkunst einige Kulturfilme, darunter der von der Filmproduktionsgesellschaft Wiener Kunstfilm produzierte Tourismusfilm Österreich, dein Herz ist Wien (1956) mit Burgschauspieler Hermann Thimig in der Rolle des „ewigen Wieners“.

Das Forschungsprojekt fragt zunächst nach der Institutionsgeschichte mit besonderem Blick auf die Gründungszeit sowie nach den historischen Kontexten und Entstehungsbedingungen der an der Akademie umgesetzten Filme. Anhand der Erschließung des Aktenbestandes des Archivs der mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien sowie mittels Gesprächen mit ehemaligen Studierenden und Lehrenden sollen nicht nur institutionelle Fragen geklärt, sondern auch Einblicke in die spezifische Praxis des Filmemachens an der Filmakademie Wien gewonnen werden.

Parallel zur kulturhistorischen Kontextanalyse fokussiert das Projekt auf die Aufarbeitung und Erschließung des Filmbestandes. Der Schwerpunkt liegt dabei vorrangig auf den vor 1990 entstandenen Arbeiten, die ausschließlich auf 16mm-Film erhalten sind und heute in den Laxenburger Depots des Filmarchiv Austria lagern. Dorthin war vor knapp 30 Jahren das hauseigene
Archiv übersiedelt worden. Die technische und inhaltliche Befundung der Filme, die Auswahl filmhistorisch relevanter Werke für die Digitalisierung beziehungsweise Langzeitsicherung sowie deren Verwertung im Rahmen von Retrospektiven stellen weitere zentrale Projektziele dar.

Ausgehend von einer Filmgeschichte als Medienarchäologie, wonach diese nicht als Summe einzelner Filmdokumente, sondern vielmehr als eine nicht-lineare Folge synchroner (Film-)Geschichten zu begreifen sei, wird nach der Pluralität des Filmschaffens sowie nach dessen kulturhistorischem und filmwissenschaftlichem Potenzial gefragt. Die Vielfalt filmischer Praktiken sowie ihre spezifisch lokalhistorischen Kontexte werden dabei verstärkt in den Blick genommen.

Heute gilt die Filmakademie Wien mit AbsolventInnen wie Götz Spielmann, Wolfgang Murnberger, Barbara Albert und Jessica Hausner vor allem als Wiege des österreichischen Autorenfilms. Die Studierenden, die an der Produktion des Films Österreich, dein Herz ist Wien beteiligt waren, wurden hingegen anonymisiert. Regie und Produktionsprofessor Kolm-Veltée zeichnete für die Leitung des Projekts, in dem – Heimatfilmen gleich – ein Bild Wiens als Stadt der Gemütlichkeit und des Frohsinns konstruiert wird, in der Moderne nur in ihrer sanftesten Form (Ringturm und Opernpassage) vorkommt. Kriegs- und Nachkriegszeit werden in diesem Film komplett ausgespart.

Erste digitalisierte Filme

All about nothing (1969)

Peter Sämann, heute bekannter Fernsehregisseur, schickt 1969 in All about nothing den Studenten Jedermann durch die Straßen und Partykeller der Stadt. Jedermann setzt sich die Heroinnadel, stirbt einen symbolischen Tod, um dann wieder mit maximalem Ennui aufzuerstehen. Unter dem Motto: „Es gibt Tage, die gibt´s gar nicht.“

Prokop Decending (1976)

Lange bevor Musikvideos eine filmische Disziplin werden sollten, versammelte sich ein Kollektiv von Filmakademie-Studierenden 1976 in einem Lehrsaal, um mitzuteilen, dass sie einen Text des Liedermachers Herbert Maly mit Bildern aus dessen Leben unterlegt haben. Damit beginnt der fast 15-minütige, filmische Song Prokop Decending. Der auch ExpertInnen völlig unbekannte Maly bahnt sich einen kuriosen und bildgewaltigen Weg durch das Wien der Substandardwohnungen und armseligen „Gstätten“ um das heute zu Tode sanierte Gasometer-Areal.

Rosa lila Villa (1984)

Nicht nur ein eindrucksvoller Dokumentarfilm, sondern auch ein wichtiges Zeitdokument ist Tamara Eullers Rosa Lila Villa von 1984. Poetisch und intim porträtiert Euller die BewohnerInnen dieser bahnbrechenden Einrichtung, die erstmals schwul-lesbisches Leben in Wien sichtbar machte. Im Vordergrund stehen für diese das Ringen um gesellschaftliche Gleichstellung sowie die Sorge, die Gemeinde könnte dem zwei Jahre zuvor gegründeten Haus wieder den Geldhahn abdrehen.

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