Das erste Mal erfuhr ich über einen Open Call 2018 von TENOR (International Conference on Technologies for Music Notation and Representation). Als primär freischaffende Künstlerin stehe ich derartigen Calls eher skeptisch gegenüber. Nach Rücksprache mit Sandeep Bhagwati –die Konferenz war in Montreal und wurde von Sandeep ausgerichtet – entschied ich mich, eine Komposition mit einer Audiopartitur einzureichen. Die Einreichung wurde angenommen und ich nahm in Montreal an der Konferenz teil. Ich war begeistert! Ich fand eine sehr offene und an den unterschiedlichsten Herangehensweisen im Umgang mit Notation interessierte Community. Besonders spannend fand ich die Mischung aus wissenschaftlichen, teilweise sehr technischen Vorträgen, Workshops und künstlerischen Beiträgen. Komponist_innen, Programmierer_innen, Wissenschafler_innen unterschiedlicher Herkunft und aus den verschiedensten Disziplinen diskutierten neue Software, Kompositionskonzepte oder philosophische Fragestellungen. Ich fand mich zugehörig in dieser internationalen Community. Im Jahr darauf schrieb ich das Paper Sound as Score, das in die TENOR Proceedings 2019 aufgenommen wurde und ich nahm an der Konferenz in Melbourne teil. Der Wunsch, diese Konferenz und mit ihr diese Community nach Wien zu bringen, entstand. Das Paper Sound as Score führte letztendlich zu einer erfolgreichen PEEK-Einreichung und der Wunsch ging im Rahmen dieses FWF-Projektes in Erfüllung.
Als freischaffende Künstlerin gestaltet sich eine Beteiligung an einer akademischen Konferenz als außerordentlich schwierig. Eine Gebühr muss bezahlt werden, alle Reisekosten selbst getragen werden – im Unterschied zu den Kolleg_innen, die an einer Universität beschäftigt sind, die die Kosten einer solchen Konferenzteilnahme deckt. Aber gerade freischaffende Künstler_innen, Wissenschaftler_innen und Programmierer_innen sind eine große Bereicherung. Deshalb vergibt TENOR Stipendien an Freischaffende, das unterscheidet diese Konferenz deutlich von anderen akademischen Konferenzen und macht die Besonderheit dieser Community aus.
Jede TENOR-Konferenz hat einen speziellen inhaltlichen Schwerpunkt, der vom jeweilen Veranstalter ausgerichtet wird. War es 2025 in Peking KI und Notation, lag der Schwerpunkt in Wien auf innovativen Entwicklungen im Bereich der Audiopartituren: Notation, Technologien, Kompositionsmethoden, Interpretation, psychoakustische Fragestellungen und ästhetische Analysen im Zusammenhang mit dem Konzept der Mimesis. Durch die Konferenz konnte diese Thematik durch die verschiedenen Beiträge sowohl vertieft als auch inhaltlich erweitert und differenziert werden. Dies war ein spezielles Anliegen, da es bisher nur sehr wenige wissenschaftliche Artikel zu diesem Thema gibt. Zudem trägt die Konferenz zur internationalen Wahrnehmung dieses Themenkomplexes bei und hilft Audiopartituren in den Kanon der Notationsmethoden aufzunehmen und diese sowohl wissenschaftlich als auch künstlerisch einer Bewertung und Differenzierung zu unterziehen.

TENOR 26 Vienna ist Teil des Forschungsprojekts Sound as Score, das vom Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) gefördert und von der mdw sowie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in Wien ausgerichtet wurde.
Aus mehr als 100 Einreichungen wurden 30 Papers, neun Workshops, vier Poster und 18 Sound-Arbeiten präsentiert. Neun Stipendien zwischen 500 Euro und 1.500 Euro wurden vergeben. Dadurch war die Teilnahme freischaffender Künstler_innen, Programmierer_innen und Wisenschaftler_innen aus Europa, USA, China, Taiwan und Australien möglich. Alle Einreichungen durchliefen einen Peer-Review-Prozess, wobei alle Paper von drei externen, alle Workshops und Poster von einem bzw. einer externen Reviewer_in und alle Soundarbeiten von einem bzw. einer externen Reviewer_in und dem Artistic Chair Thomas Grill bewertet wurden. Insgesamt waren 61 externe Reviewer_innen am Prozess beteiligt.
Florian Bogner hat die Kompositionen im Klangtheater im Future Art Lab der mdw zum Leben erweckt, die Ensembles airborne extended, Black Page Orchestra, ANNEA und das Soundscore-Ensemble, das speziell für die Konferenz gegründet wurde und sich aus Studierenden der mdw unter der Leitung von Jaime Wolfson zusammensetzte, waren für die Interpretation der eingereichten Soundarbeiten verantwortlich.
Das PEEK-Projekt Sound as Score ist am Artistsic Research Center der mdw angesiedelt. Nur durch die gute Zusammenarbeit der beteiligten Abteilungen an der mdw und dem ISF (Institut für Schallforschung) an der ÖAW sowie der außerordentlichen Unterstützung von Johannes Meissl, dem Vizerektor der mdw, war es möglich, diese Konferenz nach Wien zu bringen.