Musiktherapie in der Suchtbehandlung

Suchterkrankungen zählen zu den drängendsten Herausforderungen moderner Gesundheitssysteme: Weltweit sind Millionen von Menschen von Sucht betroffen, die gesellschaftlichen und individuellen Folgen sind erheblich1. Herkömmliche Behandlungsansätze – pharmakologische, wie nicht-pharmakologische – stoßen dabei häufig an ihre Grenzen, vor allem wenn es um nachhaltige, langfristige Betreuung von Betroffenen geht2. Vor diesem Hintergrund rückt Musiktherapie zunehmend in den Fokus der Forschung: Studien belegen, dass Musiktherapie das sogenannte Craving – das starke Verlangen nach der Substanz oder der Verhaltensweise – reduzieren und gleichzeitig die Motivation für die Behandlung und für Änderungen in Lebensstil und Einstellung deutlich steigern kann3. Die Langzeitwirkung von Musiktherapie in der Suchtbehandlung ist jedoch noch kaum erforscht.

Seit Jänner 2025 ist die mdw mit dem Wiener Zentrum für Musiktherapie-Forschung (WZMF) Teil des (bis dato im Umfang größten europäischen) multinationalen Musiktherapieforschungsprojektes FALCO: Fighting Addictions, Improving Lives: Comprehensive Drug Rehabilitation with Music4. Die von der Europäischen Union im Rahmen des Horizon-Europe-Programms sowie durch das Schweizerische Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation geförderte Studie untersucht die Integration von Musiktherapie in etablierte Suchtbehandlungsprotokolle in insgesamt acht teilnehmenden Ländern (Italien, Israel, Norwegen, Österreich, Palästina, Polen, Schweiz und Spanien). Im Rahmen der Studie werden insgesamt 600 Proband_innen randomisiert je einer von drei Gruppen zugeteilt: aktive Musiktherapie und die Standardbehandlung der jeweiligen Einrichtung, rezeptive Musiktherapie und Standardbehandlung oder ausschließlich Standardbehandlung. Die Teilnahme erfolgt jeweils für ein Jahr. So soll der Einfluss von Musiktherapie auf den Schweregrad der Sucht, die Genesung und andere gesundheitliche und sozioökonomische Auswirkungen untersucht und die bestehende Wissenslücke hinsichtlich der Langzeitwirkung von Musiktherapie in der Suchtbehandlung geschlossen werden.

Einbindung von Stakeholder_innen

Ein Schwerpunkt von FALCO, in den das Team des WZMF mit Julia Fent, Tobias Aumann und Ute Glentzer maßgeblich involviert ist, besteht in der Einbindung von Stakeholder_innen (sprich alle Akteur_innen und Organisationen, die von der Studie bzw. deren Ergebnissen direkt oder indirekt betroffen sind, bspw. Patient_innen, Musiktherapeut_innen, Angehörige, Forscher_innen, Gesundheitspersonal sowie Vertreter_innen von Kliniken, Reha-Einrichtungen oder Kostenträgern). Die Einbindung im gesamten Prozess der Studie soll vor allem Relevanz, Durchführbarkeit und die effektive Umsetzung der Ergebnisse gewährleisten. Dies geschieht durch die Etablierung von Beratungsgremien mit geladenen Expert_innen auf unterschiedlichen Ebenen des Projektes – eine Expert Advisory Group (EAG) auf Projektebene und Local Advisory Groups (LAG) in allen beteiligten Ländern. Die Expert_innen in den Beratungsgremien setzen sich aus Personen mit unterschiedlichen Formen von Expertise zusammen – sei es aus eigener gelebter Erfahrung, aus professioneller Praxis oder aus wissenschaftlicher Forschung.

Darüber hinaus werden an einigen Standorten partizipative Subprojekte durchgeführt – so auch in Wien in Kooperation mit dem Verein Dialog5. Dabei wird in Wien seit April 2026 gemeinsam mit Personen mit Suchterfahrung ein eigenes Teilprojekt entwickelt, dessen Ergebnisse jene der klinischen Studie komplementär ergänzen sollen. Partizipation meint dabei die vollständige Einbindung Suchterfahrener – mit tatsächlicher Entscheidungsmacht – auf allen Ebenen des Forschungsprozesses – von der Themenfindung über die Durchführung bis zur Dissemination.

Partizipation als Wissenschaftskommunikation

Ein wichtiger Bestandteil des Projekts ist zudem die Wissenschaftskommunikation: Stakeholder_innen – von Betroffenen bis hin zu Fachpersonen und Institutionen – erhalten durch ihre Einbindung über die Beratungsgremien umfassende Einblicke in die Studie sowie in die Wirkungsweisen von Musiktherapie und können diese in ihre jeweiligen Bereiche weitertragen.

Einen besonderen Stellenwert nimmt die Wissenschaftskommunikation auch im „Wiener“ Subprojekt ein. Durch den radikal partizipativen Charakter des Projektes erfolgt auch die Dissemination der Projektergebnisse partizipativ, das heißt, sie wird gemeinsam mit den beteiligten Akteur_innen gestaltet und durchgeführt. Auf diese Weise soll nicht nur die Sichtbarkeit der Studienergebnisse über den akademischen Diskurs hinaus erhöht, sondern auch deren nachhaltige Verwertung in der Suchthilfelandschaft Wien gefördert werden.

  1. Degenhardt L, Charlson F, Ferrari A, et al. „The global burden of disease attributable to alcohol and drug use in 195 countries and territories, 1990–2016: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2016“. The Lancet Psychiatry. 2018;5(12):987-1012. doi:10.1016/S2215-0366(18)30337-7
  2. Svendsen TS, Veseth M, McKay JR, et al. „Securing Participant Engagement in Longitudinal Substance Use Disorder Recovery Research: A Qualitative Exploration of Key Retention Factors“. Journal of Psychosocial Rehabilitation and Mental Health. 2021;8(3):247–259. doi:10.1007/s40737-021-00222-y
  3. Ghetti C, Chen XJ, Brenner AK, et al. „Music therapy for people with substance use disorders“. Cochrane Database of Systematic Reviews. 2022;(5). doi:10.1002/14651858.CD012576.pub3
  4. falco-project.eu
  5. dialog-on.at
Comments are closed.