Wie Wissenschaftskommunikation an der mdw neue Perspektiven eröffnet
Im Gespräch mit dem mdw-Magazin geben Therese Kaufmann (Leiterin der Forschungsförderung), Anna Wukovits-Zethner (Forschungsförderung), Ralf von Appen (Professor für Theorie und Geschichte der Popularmusik) und Bianca Jasmina Rauch (Filmwissenschaftlerin und freie Redakteurin) Einblicke in ihre Erfahrungen mit Wissenschaftskommunikation. Sie sprechen darüber, warum Wissenschaftskommunikation weit mehr ist als die Vermittlung von Forschungsergebnissen, welche Formate Menschen außerhalb der Universität erreichen und wie der Dialog mit der Öffentlichkeit neue Perspektiven für die eigene Forschung eröffnen kann.
Wissenschaftskommunikation ist in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen Thema geworden. Was bedeutet Wissenschaftskommunikation für Sie persönlich?

Therese Kaufmann (TK): In der Forschungsförderung ist Wissenschaftskommunikation weit mehr als das Vermitteln von Forschung. Sie bedeutet, neue Dialogformate zu schaffen und unterschiedliche Zielgruppen einzubeziehen. Wir wollen Wissen vermitteln und den wissenschaftlichen Prozess selbst öffnen, ihn nachvollziehbar machen und dadurch kritische Urteilsbildung fördern.
Anna Wukovits-Zethner (AWZ): Wir bieten Weiterbildungen an, wie etwa das Format „Wissenschaft im Ohr“, in dem Forschende bei der Entwicklung eines Podcast begleitet werden. Gleichzeitig schaffen wir Bewusstsein für Wissenschaftskommunikation und machen Forschung sichtbar. Für uns ist sie Teil des gesellschaftlichen Auftrags einer Universität und lebt von Dialog und Austausch auf Augenhöhe.
Ralf von Appen (RVA): Wissenschaftskommunikation findet bei mir häufig über Medienanfragen statt. Als sich Oasis wiedervereinigt haben, wurde ich beispielsweise für einen Podcast interviewt, ein Format, das mehr Raum für Einordnung bietet als Print-Journalismus und andere Zielgruppen erreicht als die klassischen akademischen Veröffentlichungsformen. Besonders wichtig ist mir die Arbeit mit Schulen. In Seminaren entwickeln Studierende Unterrichtsformate, die aktuelle Forschung in die Klassenzimmer bringen. Dabei geht es nicht nur um Wissensvermittlung, sondern auch um Austausch: Die Perspektiven der Schüler_innen liefern oft neue Impulse für die Forschung.
Bianca Jasmina Rauch (BJR): Während meines PhD-Studiums an der mdw war ich auch in der Kulturarbeit tätig. Wissenschaft, Vermittlung und kulturelle Praxis haben sich für mich von Anfang an überschnitten. Gemeinsam mit meiner Kollegin Barbara Wolfram habe ich etwa einen Podcast gestartet, um unsere Forschung und auch die von Kolleg_innen sichtbar und niederschwellig zugänglich zu machen. Auch Kinoveranstaltungen, Podiumsdiskussionen oder Einführungen zu Filmreihen gehören für mich zur Wissenschaftskommunikation. Sie eröffnen neue Perspektiven und inspirieren weitere Forschung.
Wie unterstützt die mdw Forschende auf dem Weg in die Öffentlichkeit?
AWZ: Die laufende Leistungsvereinbarung ermöglicht es uns Angebote für unsere Forschenden auf drei Ebenen zu schaffen: Mit jährlichen Awarenessveranstaltungen, bedarfsorientierten Weiterbildungen und vielfältigen Möglichkeiten, sichtbar zu werden. Sei es als Wissenschaftsbotschafter_innen in Schulen, mit einem Beitrag zur Langen Nacht der Forschung, einem Beitrag im mdw-Magazin oder in einem digitalen Format.

Die Möglichkeit, beispielsweise über die Plattformen des OeAD für Schulen sichtbar zu werden und neben physischen Besuchen auch Unterrichtsmaterial anbieten zu können, ist ein weiterer Weg, den Kontakt zu Schulen auszubauen. Im Bereich Young Research ist außerdem der mdw Young Research Award zu nennen, der seit 2023 jährlich vorwissenschaftliche (seit 2025 auch gestalterisch-kreative) Arbeiten von Maturant_innen im Bereich Musik und darstellende Künste auszeichnet. Damit möchten wir einerseits das Engagement junger Menschen für diese Themen würdigen und gleichzeitig ein Bewusstsein für die Vielfalt an Forschungsthemen und -disziplinen an der mdw bei Lehrpersonen schaffen, die diese Arbeiten betreuen.
TK: Wir geben Forschenden Werkzeuge an die Hand, damit sie selbst entscheiden können, wie sie ihre Forschung kommunizieren oder Formate der aktiven Teilnahme gestalten möchten. Deshalb haben wir Formate entwickelt, die Forschende dabei unterstützen, selbst aktiv zu werden. Im nächsten Semester wird es auch ein Medientraining geben.
Wie hat sich das Interesse an Wissenschaftskommunikation an der mdw in den vergangenen Jahren entwickelt?
AWZ: Das Interesse ist sehr unterschiedlich, aber ich spüre insgesamt eine große und über die Jahre gewachsene Zustimmung. Ein gutes Beispiel dafür ist die Lange Nacht der Forschung. Was einst mit einem Vortrag und einem Quiz am Heldenplatz begann, umfasst heute mehr als 40 Beiträge am mdw-Campus. Ich bin überzeugt: Jedes Forschungsthema hat seine Zielgruppe, entscheidend ist, wie man sie erreicht.
BJR: Ein großer Vorteil von Wissenschaftskommunikation ist ihre Unmittelbarkeit. Während Publikationen oder Konferenzen oft lange Vorlaufzeiten haben, machen Podcasts oder andere Formate Forschung schneller sichtbar. Besonders wichtig finde ich die Arbeit mit Schulen. Gerade in den Geisteswissenschaften erleben viele junge Menschen dort zum ersten Mal, dass man in diesem Bereich überhaupt forschen kann.

RVA: Das kann ich nur bestätigen. Ich finde es sehr reizvoll, dass Formate wie YouTube-Videos, Radio-Interviews oder eben Podcasts die Möglichkeit bieten, Forschung viel unmittelbarer zu vermitteln, im Gegensatz zu den oft jahrelangen Vorläufen einer peer-reviewten Publikation. Das ist eine willkommene Herausforderung, fast ähnlich wie das Improvisieren im Jazz.
TK: Es geht darum, mit Menschen auf vielfältige Weise in Dialog zu treten und ihnen einen Zugang zur Forschung zu ermöglichen. Dass dieses Interesse wächst, zeigt auch die neue FWF-Förderschiene für Wissenschaftskommunikation. An der mdw wird derzeit etwa ein Projekt aus der Digital Musicology zu den Neujahrskonzerten umgesetzt.
Hat Wissenschaftskommunikation Ihre Forschung beeinflusst oder sogar neue Forschungsfragen angestoßen?
BJR: Definitiv. In dem erwähnten Podcast-Projekt mit Barbara Wolfram haben wir viel voneinander, von unseren methodischen Zugängen, aber auch von Anliegen und Fragen unserer Gastsprecher_innen gelernt. Aus dem intensiven Austausch mit Barbara sind neue Projekte und Forschungsfragen entstanden.
RVA: Vor Kurzem wurde ich gefragt, welche Relevanz Rockmusik im Jahr 2026 noch hat. Auf diese Fragestellung wäre ich selbst zunächst gar nicht gekommen. Die Journalistin nahm ein Revival wahr, ich war eher skeptisch und so entstand eine spannende Diskussion. Ich habe mich daraufhin intensiver mit dem Thema beschäftigt und werde den daraus entstandenen Artikel mit meinen Studierenden diskutieren. Gut möglich, dass daraus auch ein wissenschaftlicher Aufsatz entsteht.
Welchen Beitrag kann Wissenschaftskommunikation im Umgang mit Wissenschaftsskepsis leisten?
TK: Wissenschaftskommunikation kann Wissenschaftsskepsis nicht allein entgegenwirken. Sie kann aber transparent machen, wie Wissenschaft entsteht, und so Vertrauen in wissenschaftliche Institutionen, aber auch Kompetenzen wie Kritikfähigkeit stärken.
RVA: Ich halte es für wichtig, schon in der Schule zu vermitteln, worin sich wissenschaftliches Arbeiten von einer bloßen Meinungsäußerung unterscheidet, etwa durch kritisches Hinterfragen, methodisch abgesichertes Arbeiten und Peer Review. So können Schüler_innen lernen, Medienberichte besser einzuordnen.
AWZ: Ich sehe großes Potenzial darin, mit Wissenschaftskommunikation Menschen zu erreichen, die sich nicht aktiv für Forschung interessieren. In den Schulen erreicht man ein viel breiteres Publikum als bei Veranstaltungen wie der Langen Nacht der Forschung. Gleichzeitig können Kinder und Jugendliche als Multiplikator_innen wirken.
BJR: Problematisch wird es, wenn Forschung politisch instrumentalisiert oder einzelnen Disziplinen – etwa den Gender Studies – ihre Berechtigung abgesprochen wird. Das kann Wissenschaftsskepsis und Ablehnung verstärken. Umso wichtiger ist es, wissenschaftliche Arbeit transparent zu machen und ihre gesellschaftliche Relevanz sichtbar werden zu lassen.

Wissenschaftskommunikation kostet Zeit. Wie schaffen Sie das neben Forschung, Lehre und den vielen anderen Aufgaben?
RVA: Ich versuche Anfragen auf einen Aspekt zu konzentrieren. Wenn ich zu einem Thema angefragt werde, das nicht mein Schwerpunkt ist, schlage ich z. B. vor, einen einzelnen Song zu analysieren, statt einen Gesamtüberblick zu einer Musikerin zu geben. So kann ich etwas Substanzielles beitragen und zeigen, wie ich wissenschaftlich arbeite.
BJR: Früher hatte man oft das Gefühl, dass Wissenschaftskommunikation bei Förderstellen oder in der wissenschaftlichen Karriere kaum zählt. Deshalb investierten viele ihre Zeit lieber in andere, akademisch eindeutig anerkannte Leistungen. Heute wird Wissenschaftskommunikation deutlich stärker wertgeschätzt. Das motiviert zusätzlich, Zeit dafür aufzubringen.
TK: Wir möchten Forschende unterstützen: durch Weiterbildungen, Beratungsangebote und Formate, die Wissenschaftskommunikation ermöglichen. Gleichzeitig erleben wir großes Interesse und viel Bereitschaft, diese Möglichkeiten auch zu nutzen. Wir sind allen Forschenden sehr dankbar, die sich auf Wissenschaftskommunikation einlassen. Sie machen die Forschung der mdw sichtbar und leisten damit einen wichtigen Beitrag gegen Desinformation und für Diskursfähigkeit und Demokratiebildung.