Seit 2019 findet jährlich am zweiten Mittwoch im April der Internationale Tag der Provenienzforschung statt. An diesem werden verschiedene Aktivitäten – von Vorträgen über Rundgänge in Museen, Sammlungen und Bibliotheken bis hin zur Publikation wissenschaftlicher Aufsätze im Blog Retour – durchgeführt. Zum ersten Mal beteiligte sich die mdw in diesem Jahr am 8. April mit einer Veranstaltung und der Eröffnung der Dauerausstellung Geraubte Melodien – Provenienzforschung an der ub.mdw im Freihandbereich der Universitätsbibliothek der mdw (ub.mdw).

Provenienzforschung

Provenienzforschung widmet sich der Herkunft – also der Provenienz – von Kunstwerken, Kulturgütern, Musikinstrumenten, Musiknotendrucken, Noten, Büchern und Alltagsgegenständen. Seit der Novellierung des Kunstrückgabegesetzes 2009 umfasst dies in Österreich nicht nur jene Objekte, die während des NS-Regimes, sondern auch jene, die in der Zeit des Austrofaschismus ab 1933 geraubt wurden. Durch das Kunstrückgabegesetz sind Bundesmuseen und Sammlungen des Bundes zur Provenienzforschung verpflichtet, für deren Durchführung die Kommission für Provenienzforschung eingerichtet wurde. Mehrere Bundesländer und Gemeinden haben Landesgesetze bzw. Regelungen zur Restitution von in der NS-Zeit entzogenem Kunstvermögen verabschiedet. Seit der Jahrtausendwende betreiben österreichische Universitätsbibliotheken innerhalb von Arbeitsgruppen oder Projekten Provenienzforschung.

Beraubung jüdischer Mitbürger_innen 1938

Die Recherche von Provenienzhinweisen beinhaltet einerseits die Befassung mit der Biografie der ehemaligen Besitzer_innen und andererseits die Rekonstruktion des Erwerbungsweges, die sogenannte Provenienzkette. Nach dem sogenannten „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich am 12. März 1938 wurde der jüdischen Bevölkerung sukzessive die Existenzgrundlage entzogen. Durch Berufsverbote und den damit verbundenen Verlust jeglichen Einkommens waren viele gezwungen, für die Finanzierung des Lebens in Österreich oder der Flucht ins Ausland Alltags- und Wertgegenstände zu verkaufen. Jene, die versuchten, ins Exil zu gehen, lagerten oft ihr Eigentum als Umzugsgut – sogenannten Lifts – bei Speditionen ein. In vielen Fällen blieben Umzugsgüter in den Speditionen eingelagert: entweder, weil es nicht gelang, sie in die Exilländer mitzunehmen oder weil die Inhaber_innen in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert wurden. Jene, die deportiert wurden, mussten einen Großteil ihres Eigentums in den Sammellagern und Sammelwohnungen zurücklassen. Ab 1940 verwertete die Verwaltungsstelle jüdischen Umzugsgutes der Gestapo (VUGESTA) alle ihre Güter.

Raubgut an der mdw

Über diese verschiedenen Wege gelangten Musiknotendrucke, Musiknotenblätter und Musikinstrumente wieder in den Musikalienhandel sowie in Betriebe zur Erzeugung von Musikinstrumenten und wurden weiterverkauft. So gelangten diese u. a. auch in den heutigen Bestand der ub.mdw. Bereits in den 2000er-Jahren ging Kathrin Hui Gregorovič ersten Provenienzhinweisen in den Bibliotheksbeständen nach. 2012 wurde die Arbeitsgruppe NS-Provenienzforschung an der mdw etabliert, die von Michael Staudinger geleitet wird. Einen weiteren Impuls erhielt die Provenienzforschung an der mdw durch die von der Autorin durchgeführten Forschungen für die Ausstellung Klingende Zeitgeschichte in Objekten. Die mdw* im Austrofaschismus, Nationalsozialismus und Postnazismus, in deren Rahmen von 2023 bis 2024 die ersten Restitutionsfälle der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Seit Mai 2025 wird in einem von der mdw finanzierten, vom Archiv, dem Institut für Musikwissenschaft und Interpretationsforschung und der Universitätsbibliothek kuratierten Projekt eine systematische Durchsicht der Bibliotheksbestände durchgeführt.

Die Geschichte der ub.mdw geht auf den 1. Jänner 1909 zurück, als durch die Entschließung von Kaiser Franz Joseph I. das Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien verstaatlicht und in die k. k. Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien umbenannt wurde. Da der umfangreiche und wertvolle Bibliotheksbestand der Sammlung der Musikfreunde im Besitz der Gesellschaft blieb, wurde an der Akademie eine eigene Bibliothek gegründet. Zwischen 1933 und 1945 wurden schätzungsweise rund 15.000 Bände (überwiegend Musiknotendrucke) im Bestand der ub.mdw inventarisiert. Wie auch in anderen Bibliotheken wurden viele dieser Bände unrechtmäßig während des NS-Regimes erworben. Andere gelangten nach 1945 durch Kauf im Musikalien- und Buchhandel sowie Antiquariaten, durch oftmals anonyme „Spenden“ oder Nachlässe an die ub.mdw. Die ab 1909 enthaltenen Inventarbücher liefern Informationen über die Erwerbungsart und die Verkäufer_innen oder Einbringer_innen. Durch diese wertvolle Quelle ist es möglich in einigen Fällen die Erwerbungs- und Provenienzkette zu rekonstruieren.

Gesellschaftliche Verantwortung

Am 8. April 2026 wurden anlässlich des Internationalen Tages der Provenienzforschung zwei Biografien ehemaliger Besitzer_innen von Musiknotendrucken, die sich im Bestand der ub.mdw befinden, vorgestellt und mit Lesungen aus den erhaltenen Briefen und Dokumenten und musikalischer Klavierbegleitung umrahmt. Im Anschluss fand die Eröffnung der Ausstellung Geraubte Melodien – Provenienzforschung an der ub.mdw statt. Diese ist die erste permanente Ausstellung an einer österreichischen Universitätsbibliothek, die sich diesem Thema widmet. In vier Vitrinen werden Restitutionsfälle, die Biografien der ehemaligen Besitzer_innen und auch noch näher zu recherchierenden Fällen präsentiert. Die NS-Provenienzforschung an der ub.mdw setzte mit der Dauerausstellung ein aktives Zeichen der Erinnerungsarbeit und Aufarbeitung als Teil ihrer historischen Verantwortung zur aktiven Erinnerungskultur.

Podcast „Klingende Zeitgeschichte im Ohr“

Comments are closed.