Symposium Haydn im Blick der Volksmusikforschung 2009

Gerlinde Haid:

Haydn im Blick der Volksmusikforschung.
Symposium und Gesprächskonzert. Bericht.
24. März 2009
an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien
Joseph Haydn-Saal
Anton-von-Webern-Platz 1
1030 Wien
Veranstalter:
Universität für Musik und darstellende Kunst Wien
Institut für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie
in Zusammenarbeit mit dem
Institut Joseph Haydn für Kammermusik und Spezialensembles
Am 24. März haben sich an die 50 Interessenten im Haydn-Saal der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien eingefunden, um am Symposium des Instituts für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie teilzunehmen, das der sogenannten „Kaiserhymne“ gewidmet war, deren Melodie ja bekanntlich aus der Feder Haydns stammt. Sie hat das Haus Habsburg von der Entstehung der Hymne im Jahr 1797 bis zum Ende der Monarchie im Jahr 1918 begleitet. Dabei ist die Melodie – je nach Kaiser - offizieller Weise mit verschiedenen Texten unterlegt worden, ist aber auch schon zur Kaiserzeit andere Verbindungen eingegangen, als deren bekannteste das heutige „Deutschlandlied“ gelten kann. Kurze Zeit diente sie auch als Hymne der ersten Republik Österreichs. Haydns Melodie hat also über ihren ursprünglichen Zweck hinaus ein Nachleben, und wohl auch Vorbilder. Was sind ihre politischen und ethnologischen Kontexte? Was kann vom gestaltanalytischen Standpunkt über diese Melodie gesagt werden und welche Aufschlüsse kann die historische Musizier- und Aufführungspraxis dazu geben?
Manfried Welan, langjähriger Vorsitzender der Österreichischen Rektorenkonferenz und Präsident der UNESCO-Arbeitsgemeinschaft Wien, die als Mitveranstalter des Symposiums auftrat, verwies in seinen „Kulturpolitischen Anmerkungen“ gleich zu Beginn auf die Tatsache, dass diese wunderbare Melodie in den ihr zugeordneten Texten immer „schlecht aufgehoben“ gewesen sei, wie Karl Kraus dies 1920 formuliert hat. Am Anfang war die Verwaltung; dann reichte der Bogen vom antirevolutionären und gut österreichisch angepassten Patrioten Leopold Haschka bis zum Hymnenchaos der Dreißigerjahre, wo man mit der gleichen Melodie in Österreich das „Deutschlandlied“, die Hymne von Ottokar Kernstock („Sei gesegnet ohne Ende“) oder auch immer noch das „Kaiserlied“ assoziieren konnte – ein Spiegel der Zerrissenheit der Ersten Republik. Die UNESCO, so Welan, sollte sich dafür verwenden, die Haydn-Melodie in das „immaterielle Kulturerbe“ Österreichs aufzunehmen. Ohne Text aufgeführt, wie die Europahymne, könnte es ihre Rolle sein, zum Nachdenken über Höhen und Tiefen in der Geschichte unseres Landes anzuregen.
Wie und bei welchen Gelegenheiten die Hymne zu ihrer Zeit erklungen ist, und wie sie das heute noch tut, war Gegenstand des Beitrages von Gerlinde Haid über die „Volkstümliche Rezeption des Kaiserhymne“. Die Kaiserhymne war im Österreich des 19. Jahrhunderts sicher das am öftesten öffentlich aufgeführte Lied. Sie erscheint in handschriftlichen Liederbüchern, Flugblattdrucken und Musikantenhandschriften, wird in Volksmusiksammlungen und zeitgenössischen Berichten dokumentiert, sie wurde in zahllosen Liederbüchern gedruckt, und zwar für unterschiedliche Zwecke, und wurde sehr oft als „Ton“ verwendet. Die Palette reicht von einem Weihnachtslied der Ruderer und Segler bis zu der bitterbösen Parodie von 1918: „Gott verlassen und vergessen ist der Kaiser, ist das Land, und das Volk hat Nichts zu essen, weil beim Heer das Fleisch verschwand“. Während die Texte wechselten und politisch sogar kontroversiell konnotiert sind, hat die Melodie kontinuierlich, wenn auch nicht unverändert, überlebt. Die schöne Melodie Haydns im „immateriellen Kulturerbe“ aufgehoben zu wissen, erscheint auch vor dem Hintergrund ihrer fortdauernden populären Aneignung als naheliegende Konsequenz.
Mit der provokanten Frage, ob das „Deutschlandlied“ wohl von Haydn sei, näherte sich Ingomar Rainer (Institut Joseph Haydn für Kammermusik und Spezialensembles) speziell der Melodie. Als Vertreter der historischen Musikpraxis, die den „Dialog mit der alten Musik unter ihren eigenen Bedingungen aufnimmt“, erklärte er anschaulich und kenntnisreich, was aus Haydns Notierung über diese Melodie abzulesen sei, nämlich dass sie dem Tanztypus der Gavotte angehört. Was auf diese Weise musikalisch zu belegen ist, wird durch den Kontext untermauert: Gavotten waren mehrmals Inthronisationstänze für französische Könige und dienten im späten 18. Jahrhundert häufig als Widmungsstücke. So nebenbei erfuhr man noch, dass unsere heutige Bundeshymne ursprünglich ein fröhliches Menuett war, und „God save the Queen“ eigentlich eine Gaillarde. In der Aufführungspraxis der Hymnen haben sich diese Assoziationen allerdings nicht durchgesetzt.
Ganz am Thema der Hymnenmelodie blieb auch das Referat von Evelyn Fink-Mennel die einen Vortrag des Wiener Gestaltanalytikers Franz Eibner (1914-1986) zum Ausgangspunkt ihrer Ausführungen nahm. Franz Eibner, der an der hiesigen Musikuniversität 1974 die Lehrkanzel für Tonsatz nach Heinrich Schenker etabliert hat, hat 1968 einen Vortrag über die Haydn-Hymne gehalten, der als Tonaufnahme und in der gestaltanalytischen Skizze eines Schülers überliefert ist. Gemeinsam mit der Videokünstlerin Iby-Jolanda Varga wird derzeit eine interaktive Darstellung von Eibners Vortrag ausgearbeitet, die im Zusammenwirken von Fotos, Ton und Notenbild und durch graphische Hervorhebungen die besprochenen musikalischen Zusammenhänge eindrucksvoll veranschaulicht. Die Referentin konnte anhand mehrerer Beispiele Einblick in diese Arbeit geben und auf die geplante CD-ROM verweisen, die nicht nur Eibners Vortrag, sondern auch Ton- und Videoaufnahmen verschiedenster Fassungen der Kaiserhymne aus Feldforschungen und Konzertmitschnitten enthalten wird und noch vor dem Sommer erscheinen soll.
Von Seiten der kroatischen Ethnomusikologie wurde das im Lauf der Forschungsgeschichte immer wieder aufgeworfene und als „brisant“ eingestufte Thema der vermuteten „kroatischen Wurzeln“ der Haydn-Hymne in Angriff genommen. Irena Miholić (Institut za etnologiju i folkloristiku, Zagreb), die auf einschlägige Arbeiten von Jerko Bezić aufbauen konnte, schilderte die Quellenlage und verwies darauf, dass das Lied „Jutro rano“, das immer wieder als Haydns „Vorlage“ zitiert wird,  mehrheitlich mit ganz anderen Melodien aufgezeichnet worden ist. Aus Haydns Zeit gibt es keine kroatischen volksmusikalischen Quellen. Wissenschaftliche Sammlungen des 19. Jahrhunderts, wie jene von Franjo Kuhać, der „Jutro rano“ als Vorbild für die Kaiserhymne bezeichnet hat, was bis zur Gegenwart kolportiert wird, müssen heute aus ihrer Zeit verstanden und kritisch hinterfragt werden. Alle Varianten des Liedes „Jutro rano“, die Anklänge an die Kaiserhymne enthalten, stammen aus dem Norden Kroatiens, der zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie gehörte, wo man das „Kaierlied“ schon in der Schule lernte. Also ist auch der umgekehrte Weg des Austausches denkbar. Was ist überhaupt ein „kroatisches Lied“? Nach heutigem Wissensstand  sind Tradition und Kultur eine Sache von Kompromissen, von Nehmen und Geben, von Akzeptieren und Adaptieren.
In der Diskussion wurden die vorgelegten Fakten und deren Deutung mehrheitlich akzeptiert. Fraglos hat Haydn kroatische Lieder gekannt, doch die Melodie der Hymne entspricht trotz ihrer Anklänge nicht dem archaischen Melodienschatz Kroatiens und ist auch rhythmisch anders angelegt (J.-L. Mayer). Auch andere Anklänge sind schließlich möglich. Es gibt eine Reihe ähnlicher Melodien bis zurück zu einem Prozessionale aus Prag aus dem11. Jh. (G. Schwertberger). Wandernde Melodien sind allerdings vielfach nachzuweisen, da in einer tonalen Musik der Raum für kompositorische Neueinfälle beschränkt ist und es einen beschränkten Vorrat von Formeln gibt. Deshalb ergeben sich für uns Assoziationen. In unserer Rezeption können wir das zwar nicht ausblenden; was sich Haydn gedacht hat, können wir aber trotzdem nicht wissen. I. Rainer: „Das macht ein Charakteristikum unserer postmodernen Verfassung und Ästhetik aus, dass wir im Stande sind die Dinge in dieser Weite und in dieser Komplexität zu sehen und zu begreifen.“
Dem Symposium folgte ein Konzert, dessen erster Teil zur Gänze dem „Kaiserlied“ gewidmet war (vorbereitet und geleitet von Evelyn Fink-Mennel, Ingomar Rainer und Hannelore Unfried), während im zweiten Teil verschiedenste Beziehungen zwischen Haydn und der Volksmusik hörbar gemacht wurden (vorbereitet und geleitet von Johannes-Leopold Mayer und Rudolf Pietsch). Das Publikum war eingeladen analog zum „Volk“ bei der Uraufführung 1797 die Hymne mitzusingen, und die Dokumentation dieses Ereignisses wird – neben vielen anderen Fassungen dieses Liedes - auf der geplanten CD-ROM zu hören sein.
Für die Durchführung des Symposiums und des Konzertes ist namens des Instituts für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie den mitwirkenden Institutionen (Institut Joseph Haydn für Kammermusik und Spezialensembles und UNESCO-Arbeitsgemeinschaft Wien), den Referentinnen und Referenten, den Gestaltern des Konzertes, den mitwirkenden Studierenden und dem überaus interessierten Publikum herzlich zu danken, wie auch dem ORF für den Konzertmitschnitt. Ein Dank gilt auch allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Instituts, insbesondere Frau Dr. Ursula Hemetek (Öffentlichkeitsarbeit, Moderation) Frau Dr. Lisl Waltner (Fotodokumentation), Frau Martina Krammer (Gestaltung des Folders) sowie der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, die den schönen Haydn-Saal samt Infrastruktur zur Verfügung gestellt hat.
Das Konzert wird in Ö1 am 1. Mai um 22.05 Uhr in einer von Johannes-Leopold Mayer gestalteten Sendung zu hören sein.
Bestellungen für die angekündigte CD-ROM (Erscheinungstermin Juni 2009) zum Vorzugspreis von € 17.- werden gerne unter volksmusik@mdw.ac.at entgegengenommen. Fotos können bei Bedarf unter waltner@mdw.ac.at bestellt werden.

 

Konzertprogramm

Haydns Volkslied:  „Eine Production“
Vorbereitung und Moderation: Evelyn Fink-Mennel, Hannelore Unfried, Ingomar Rainer
Fanfare für 4 Hörner: Franz Joseph I., Kaiser von Österreich
Andreas Ablinger, Martin Bramböck, Anna Stadler, Alexander Starl
Völkerhymne (italienisch, kroatisch)
Angelika Schönegger und Marko Kölbl, Gesang
Joseph Haydn: „Volck’s Lied“
a) Orchesterfassung mit singendem Volk
b) Klavierliedfassung
Ingomar Rainer, Cembalo
c) Authentische Klavierfassung
Ingomar Rainer, Cembalo
Musikalisches Umfeld:
a) Kroatische Wurzeln?
Marko Kölbl, Gesang
b) Tanzmusik? Gavotte
Hannelore Unfried, Tanz; Ingomar Rainer, Cembalo
Kontrafakturen (Volkstümliche Rezeption)
a) „Neue Volkshimne der Wiener Studenten“ vom Nationalgardist L. Eckardt, Wien 1848
Gesungen von allen an diesem Abend musizierenden Studentinnen und Studenten
b) „Volkshymne“ von Karl Kraus, Wien 1920
Gerhard Heger, Gesang; Herbert Bäuml, Akkordeon; Rudi Koschelu, Kontragitarre
c) Kaiserlied nach dem Kriege!, anonym, Weißenbach bei Bad Ischl 1919
Philipp Lingg, Gesang, Gitarre; Evelyn Fink-Mennel, Gesang, Bassettl
Die Kunst populär zu sein: Eine Kontamination
Vorbereitung und Moderation: Johannes Leopold Mayer und Rudolf Pietsch

1.)
a) Kindlwiegen Dudelsack (Josef, lieber Josef mein)
     Alexander Starl & Andreas Ablinger (Böhmische Böcke),
     Gertraud Hlavka und Stefanie Gansch (Oboen)
b) Haydn: Cupido, Hob.XXVIa/Nr.2
     Hannes Oberrauter (Klavier) & Pille Pedak     (Gesang)

2.)
a) Hiazt fangt si’ schon das Fruahjahr an
Gesang: Philipp Lingg & Rudolf Pietsch
b) Haydn: Klaviertrio in es-moll Hob.XV Nr. 31 / 1. Satz: Andante cantabile
Annamarija Miliƒ (Violine)
Hannes Oberrauter (Klavier)
Aisha Bukayeva (Violoncello)
c) Haydn: Auld lang syne  Hob.XXXIa Nr. 218 
Klaviertrio : wie oben & Philipp Lingg (Gesang)

3.)
a) Edmundus Pascha: Benedictus aus der „Vianočná Omša“
Gesangsterzett: Alice Waginger (Sopr.), Pille Pedak (Alt), Phlipp Lingg (Baß)
b) Haydn: Kanon „Gott im Herzen“ Hob. XXVIIb Nr. 44
Gesangsterzett: Alice Waginger, Daniela Babos, Pille Pedak
c) Haydn: „Et incarnatus est“ („Missa Sti. Bernardi de Offida“  Hob. XXII Nr. 10 )
Gesang : wie „Gott im Herzen“ & Kammerorchester

4.)
a) „Sauschneider“: Wieviel Sauschneider miaßn’s sein …
® Es singt auch das Publikum; Vorsänger: Rudolf Pietsch
b) Haydn : Capriccio über „Acht Sauschneider müssen seyn" Hob.XVII Nr. 1
Ingomar Rainer (Cembalo)

5.)
a) Burgenländisch-Kroatisches Volkslied Jur poslaje protulitje
Gesang: Marko Kölbl & Marco Buchler
b) Haydn: Sonate E-dur Hob. XVI Nr. 13, 1. Satz: Moderato
Klavier: Hannes Oberrauter

6.)
a) Ausschnitt aus dem „Kaiserquartett“ Haydns 1. Satz
Böhmischer Bock: Andreas Ablinger & Alexander Starl,
Rudolf Pietsch: Kurzhalsgeige

b) Haydn: „Kaiserquartett Hob. III Nr. 77, 1. Satz: Allegro
1. Geige: Annamarija Miliƒ
2. Geige: Clarigna Küng
Bratsche: Monica Lesiuc
Violoncello: Aisha Bukayeva

7.)
a) Nachtwächterlied aus Parndorf  PosluÓajte moja gospoda
Gesangsolo: Marko Kölbl
Geht direkt über in:
 b) Haydn: Notturno C-dur Hob. II Nr. 17, 8. Satz: Andante
„Kammerorchester“
 
Ehrentafel der Musikerinnen und Musiker
Gesprächskonzert am 24.3.2009
im Rahmen des Symposions „Haydn im Blick der Volksmusikforschung“
im Joseph Haydn-Saal der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien


Andreas Ablinger, Horn, Dudelsack
Daniela Babos, Mezzosopran
Herbert Bäuml, Akkordeon
Martin Bramböck, Horn
Marco Buchler, Bass
Aisha Bukayeva, Violoncello
Yohwan Choi, Kontrabass
Gudrun Ebner, Violine
Evelyn Fink-Mennel, Violine, Bassettl
Stefanie Gansch, Oboe
Selen Gulec, Viola
Julia Gutschlhofer, Fagott
Gerhard Heger, Tenor
Gertraud Hlavka, Oboe
Shoko Iida, Trompete
Kirsi-Maj Katajamäki, Violine
Panju Kim, Trompete
Rudi Koschelu, Kontragitarre
Marko Kölbl, Bariton
Clarigna Küng, Violine
Monica Lesiuc, Viola
Philipp Lingg, Bariton, Gitarre
Anamarija Milić, Violine
Bernhard Mitmesser, Klarinette
Elisabeth Moser, Querflöte
Ulrike Müllner, Violine
Gregor Narnhofer, Klarinette
Hannes Oberrauter, Klavier
Pille Pedak, Alt und Pauke
Rudolf Pietsch, Violine
Lucia Posvancova, Querflöte
Ingomar Rainer, Cembalo
Christine Schoppmann, Violoncello
Angelika Schönegger, Alt
Anna Stadler, Horn
Alexander Starl, Horn, Dudelsack
Hannelore Unfried, Tanz
Alice Waginger, Sopran

 

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Photographische Impressionen vom Symposium

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