Kurt Blaukopf

 

 

 

 

Kurt Blaukopf

(15.2.1914 - 14.6.1999)

 

 

 

 

 

Kurt Blaukopfs Rang als Pionier der Musik- und Kunstsoziologie ist weit über Österreich hinaus anerkannt, seine Fachautorität auf dem Gebiet der musikpädagogischen Forschung, der Mediamorphosen-Forschung, der Orchesterforschung, der Mahler-Forschung und der Mediensoziologie unbestritten. Sein bewegtes Leben stellte ihn immer wieder vor neue Herausforderungen: In Czernowitz geboren, wuchs er in Wien auf, wo er Rechts- und Staatswissenschaften studierte und seine musikalische Ausbildung bei Walter Bricht und Hermann Scherchen erhielt. Angeregt durch die Vorlesungen Karl Bühlers und Moritz Schlicks und ausgehend von seiner eigenen musikalischen Tätigkeit befaßte er sich in dieser Zeit bereits intensiv mit musiksoziologischen Fragestellungen, insbesondere mit jener nach dem spezifischen Charakter der europäischen Kunstmusik, worüber er auch u.a. unter dem Pseudonym H.E. Wind publizierte.

1938 führte dann die intensive Beschäftigung mit Max Webers musiksoziologischem Fragment zum Entwurf seiner ersten "Musiksoziologie", die erst 1950 in der Schweiz gedruckt werden konnte. Im selben Jahr als die Nationalsozialist*innen in Wien die Macht ergriffen, gelang es Kurt Blaukopf mit seinem Bruder Otto nach Frankreich zu fliehen, von wo er seinen Weg nach Britisch Palästina fand. In Jerusalem konnte Kurt Blaukopf seine musikalische und wissenschaftliche Ausbildung bei Josef Tal und Edith Gerson-Kiwi vertiefen. Neben der Weiterführung seiner musiksoziologischen Studien engagierte er sich im Kampf um die Wiedererrichtung eines demokratischen Österreichs durch zahlreiche publizistische Arbeiten historischen, politischen und juristischen Inhalts.

1947 kehrte Kurt Blaukop nach Wien zurück. Er war zunächst als freischaffender Musikwissenschafter und Musikkritiker tätig, 1954 wurde er Herausgeber der internationalen Schallplattenzeitschrift "phono" und 1965 Redakteur der Zeitschrift "HiFi-Stereophonie". Ab 1962 hielt Blaukopf Vorlesungen an der damaligen Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien (heute mdw - Universität für Musik und darstellende Kunst Wien), wo er 1965 das Institut für Musiksoziologie gründete. 1972 wurde Blaukopf nach der Umwandlung der Akademie in eine Hochschule zum ordentlichen Hochschulprofessor bestellt, 1974 erfolgte die Einladung der Universität das Fach Musiksoziologie zu lehren, 1977 erhielt er die erste und einzige österreichische Lehrkanzel für Musiksoziologie, 1994 schließlich verlieh die Universität Wien Kurt Blaukopf das Ehrendoktorat. Blaukopf war bis 1984 Vorstand des Instituts für Musiksoziologie. Nach seiner Emeritierung verfolgte er weiterhin seine rege Publikationstätigkeit.

Kurt Blaukopf verstarb am 14. Juni 1999 in Wien.

 

 

Blaukopfs vielfältiges Lebenswerk ist gekennzeichnet durch aufmerksame Beobachtungen der sich wandelnden musikalischen Praxis in ihren spezifischen lokalen Kontexten. Ausgehend von historischen Zusammenhängen war sein Blick stets in die Zukunft gerichtet. Beispielhaft dafür steht sein Versuch, "Musik im Wandel der Gesellschaft" (1982) bis in die Gegenwart zu erläutern. Durch seine Sensibilität für aktuelle Fragen und absehbare Veränderungen des kulturellen Handelns  und der musikalischen Praxis war er seiner Zeit voraus. In diesem Sinne war Blaukopf ein Pionier. Zu seinen wissenschaftlichen Arbeits- und Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem die Beschäftigung mit Gustav Mahler, die Analyse neuer musikalischer Verhaltensformen der Jugend unter dem Einfluss damals neuer Technologien und die Entwicklung neuer Methoden der Orchesterforschung am Beispiel der Wiener Philharmoniker, aber auch die Analyse des Zusammenhangs zwischen medientechnischen Innovationen und kultureller Entwicklung und den Konsequenzen der Einführung neuer Technologien für das Musik- und Kulturleben. Für diesen Wandlungsprozess prägte Blaukopf den Begriff "Mediamorphose", der in die allgemeine Terminologie der Mediensoziologie eingegangen ist.

Charakteristisch für die Arbeitsweise Kurt Blaukopfs war das ständige Streben nach kulturpolitisch relevanter Forschung und einer entsprechenden Aufarbeitung der Forschungsergebnisse im Hinblick auf ihre Verwendbarkeit als Entscheidungsgrundlagen für kulturpolitische Maßnahmen. Durch diesen Fokus wurde er als österreichischer Vertreter in zahlreiche internationale Institutionen (UNESCO, Europarat, International Society for Music Education) entsandt. In diesen Tätigkeitsbereich fällt auch die Gründung des Instituts MEDIACULT - Internationales Forschungsinstitut für Medien, Kommunikation und kulturelle Entwicklung im Jahr 1969.

Zudem ist Blaukopfs Musiksoziologie durch eine interdisziplinäre Arbeitsweise geprägt. In seinem Buch "Musik im Wandel der Gesellschaft" (1982) betont er, "daß es vielerlei Formen musikalischen Handelns gegeben hat und gibt: viele 'Musiken' also, die sich nicht nur durch das verwendete Tonmaterial, durch dessen Handhabung und durch die Struktur des musikalischen Ablaufs voneinander unterscheiden, sondern auch durch die Rolle, die musikalisches Handeln im sozialen Leben spielt. Die Soziologie unternimmt es, die Bestimmungstücke musikalischen Handelns und Verhaltens aufzuspüren: materielle und geistige, wirtschaftliche wie politische und viele andere auch (...). Wer sich mit den Fragestellungen der Musiksoziologie befaßt, muß bald erkennen, daß das Rüstzeug zur Beantwortung dieser Fragen nicht nur aus der Soziologie und der Musikwissenschaft zu beziehen ist, sondern auch von der Anthropologie, der Kommunikationswissenschaft, der Psychoakustik, der Raumakustik und manch anderen Disziplinen. Es ist wohl an der Zeit, diese notwendige Konvergenz darzustellen und auf den möglichen Ertrag hinzuweisen, den interdisziplinäre Forschung abwerfen kann." (S. XII)

Eine weitere wichtige Aufgabe der Musiksoziologie sah Blaukopf darin, der Musikpädagogik Informationen über die Lernbedingungen und die musikalischen Erfahrungen der Studierenden zu liefern. Seine Bemühungen in diesem Zusammenhang waren von der Auffassung getragen, dass zum näheren Verständnis der immer deutlicher auftretenden Spannung zwischen Musiktradition und musikalischer Praxis eine gründliche und fortwährend zu erneuernde musiksoziologische Untersuchung der durch die technischen Medien ausgelösten soziologischen, pädagogischen und ästhetischen Veränderungen unumgänglich ist. Grundlegend für diese Forschungen ist, so Blaukopf, eine Verknüpfung von soziologischen und historischen Tatbeständen. Die Rolle der "Musiksoziologie im Unterricht" beschreibt Blaukopf bereits 1953 folgendermaßen: "Die rationale Erklärung stilistischer Entwicklungsprozesse entzaubert das musikalische Kunstwerk keineswegs, sondern erhöht noch den bewundernden Respekt von der Leistung des menschlichen Geistes (...). Obgleich die Musiksoziologie nun zwar die gesellschaftlichen Prozesse in den Vordergrund rückt, beschränkt sie sich durchaus nicht auf trockene schematische Analyse, sondern sucht auch die psychologische Seite des Schaffensprozesses zu erhellen (...) wie packend sind doch die psychologischen Formen des Gestaltens, wenn sie in sozialer Relation verstanden werden."

Musikpädagogische Fragen erschienen Blaukopf derart wesentlich, daß er die Entwicklung der Musiksoziologie als eigenständige Disziplin häufig im Zusammenhang mit musikpädagogischer Forschung thematisierte wie etwa in seinem Beitrag "Wie die Musiksoziologie ins Lehrangebot kam. Erinnerungen zu einem höchst aktuellen Thema" für die Zeitschrift "Musikerziehung" (Juni 1998). Bezeichnenderweise trug das heutige IMS zunächst den Titel "Musikpädagogisches Forschungsinstitut", dann "Institut für Musiksoziologie und musikpädagogische Forschung" und wurde schließlich 1988 zum "Institut für Musiksoziologie" umbenannt. Wesentlich für Blaukopfs "Wiener Schule" der Musiksoziologie sind neben den historischen Bezügen die Nähe zur künstlerischen Praxis, zu aktuellen kulturpolitischen Fragen, die Anwendbarkeit der Forschungsbemühungen im erziehungspolitischen Bereich und schließlich die enge Verbindung mit dem eigentlichen Forschungsgegenstand: der Musik.

In seinen letzten Lebensjahren kehrte Blaukopf zur Frage nach den Charakteristika des kunst- und musiksoziologischen Denkens in Österreich zurück. Er begab sich auf eine historische Spurensuche, um die Stellung der Kunst- und Musikwissenschaft im Denken der Wissenschaftstheoretiker darzulegen. Die daraus entstandene Schrift "Pioniere empiristischer Musikforschung" (1995) stellt einen wichtigen Beitrag zur österreichischen Wissenschaftgeschichte und Wissenschaftstheorie dar.

Dass Blaukopf selbst als ein Pionier musiksoziologischen Denkens angesehen werden kann, ist nicht nur seiner letzten autobiographischen Publikation "Unterwegs zur Musiksoziologie" (1998) zu entnehmen; auch die akademische Fachwelt würdigte anlässlich der Verleihung des Ehrendoktorats der Universität Wien seine Tätigkeit als Wissenschafter und Hochschullehrer, die wesentlich dazu beigetragen hat, dass "die Musiksoziologie als eigenständiger wissenschaftlicher Bereich der Soziologie angesehen wird".

 

Publikationen (Auswahl)

Musiksoziologie. Eine Einführung in die Grundbegriffe unter besonderer Berücksichtigung der Soziologie der Tonsysteme (1950) (2. Aufl. 1972, spanisch 1988)

Gustav Mahler oder der Zeitgenosse der Zukunft (Wien 1969, Neuausgabe Kassel 1988, auch englisch, französisch, schwedisch, tschechisch, ungarisch, japanisch)

Musik im Wandel der Gesellschaft (München 1982, Taschenbuchausgabe 1984, erweiterte Neuauflage Darmstadt 1996, slowenisch Ljubljana 1993)

Beethovens Erben in der Mediamorphose. Kultur- und Medienpolitik für die elektronische Ära (Heiden 1989)

Musical Life in a Changing Society. Aspects of Music Sociology (Portland, Oregon 1992)

Pioniere empiristischer Musikforschung. Österreich und Böhmen als Wiege der modernen Kunstsoziologie, Wissenschaftliche Weltauffassung und Kunst, Bd. 1 (Wien 1995)

(Hg.): Philosophie, Literatur und Musik im Orchester der Wissenschaften. Wissenschaftliche Weltauffassung und Kunst. Bd. 2. (Wien 1996)

Die Ästhetik Bernard Bolzanos. Begriffskritik, Objektivismus, "echte" Spekulation und Ansätze zum Empirismus. Beiträge zur Bolzano-Forschung, Band 8. (Sankt Augustin 1996)

Unterwegs zur Musiksoziologie. Auf der Suche nach Heimat und Standort. Band 4 der Bibliothek sozialwissenschaftlicher Emigranten (Graz 1998)

 

Gemeinsam mit Herta Blaukopf:

Gustav Mahler: His Life, Work and World (London 1991)

Die Wiener Philharmoniker, 2. erweiterte Neuauflage (Wien 1992)

Gustav Mahler. Leben und Werk in Zeugnissen der Zeit (Stuttgart 1994)