Porträt eines Kollegen

Nach einer langjährigen Zusammenarbeit kommt die Zeit, Abschied von einem lieben Kollegen zu nehmen, der die Entwicklung des Instituts für Musiksoziologie maßgeblich geprägt hat: Alfred Smudits, dessen wissenschaftliches Gesamtwerk sich durch eine bemerkenswerte inhaltliche Breite und eine ausgeprägte interdisziplinäre Offenheit und Anschlussfähigkeit auszeichnet. Als internationaler Experte für Medien- und Kunstsoziologie ist sein Name mit dem Begriff der Mediamorphose sowie mit dem Internationalen Forschungsinstitut für Medien, Kommunikation und Kulturelle Entwicklung (Mediacult), dem er seit 1993 als Generalsekretär für 25 Jahre vorstand, engstens verbunden.

Alfred Smudits studierte Soziologie und Psychologie an der Universität Wien und promovierte im Jahr 1980. Anschließend absolvierte er einen postgradualen Studiengang am Institut für Höhere Studien in Wien. Seine berufliche Karriere begann 1982 als wissenschaftlicher Assistent bei Mediacult, wo es zu einer mehrjährigen Zusammenarbeit mit Kurt Blaukopf kam. Seit 1988 war er Mitglied des Instituts für Musiksoziologie an der damaligen Hochschule (heute: Universität) für Musik und darstellende Kunst Wien – zunächst als Hochschulassistent, nach seiner Habilitation 1991 in Kultursoziologie als Universitätsdozent und ab 1997 als Außerordentlicher Universitätsprofessor.

Betrachtet man seine Forschungsschwerpunkte und Publikationen in all den Jahren, so gibt es trotz der konsequenten Fokussierung auf Kunst und Kultur folgenden Wandel: In den 1980er- und teilweise in den frühen 1990er-Jahren sind viele seiner Forschungsprojekte und Publikationen dem Thema „Ausbildung und Berufsbedingungen von KünstlerInnen“ zuzuordnen. In diesen Jahren stellte die Jugendsoziologie einen zweiten Schwerpunkt dar. Dabei befasste er sich mit Fragen der Identitätsbildung und der Rolle von Musik, Herkunft (insbesondere Migrationshintergrund), Geschlechter- und Körperbildern. Das dritte Thema, das über diese Dekade weiter hinaus reicht, beleuchtet die Bedeutung des technologischen Wandels auf die Kulturproduktion, -distribution und -rezeption.

In den 1990ern kam ein neues Thema hinzu: die Kulturpolitik. Natürlich sind auch die vorhin erwähnten Forschungsschwerpunkte per se kulturpolitisch relevant, aber in dieser Periode positionierte sich Alfred Smudits als Experte und Diskursteilnehmer in diesem Politikbereich. Konsequenterweise wirkte er als Mitglied verschiedener Kunstbeiräte, der Österreichischen Unesco Kommission, des Committee of Governmental Experts on the Cultural Aspects of Communication im Rahmen des Europarats u.a. mit.

In den 2000er-Jahren wird neben der Mediamorphose, die das Thema seiner 1991 approbierten Habilitationsschrift war, und der Globalisierung des musikalischen Repertoires ein neuer Schwerpunkt deutlicher: die Theoriebildung. Während in den vorigen Phasen ein stärkerer empirischer Bezug erkennbar ist, findet man in dieser Phase eine reflexive Auseinandersetzung mit theoretischen Grundlagen, etwa mit der Medien-, Kommunikations- und Kulturtheorie, Kunst- und Kultursoziologie, Ästhetik und Kunsttheorie u.a. Diese Auseinandersetzung stellte allerdings eine Fortsetzung von Interessen und Aktivitäten dar, die bereits in den späten 1980ern und 1990ern Jahren vorhanden gewesen waren, und die nun in einigen wichtigen Publikationen mündeten – siehe unten.

2007 übernahm Alfred Smudits die Leitung des Instituts für Musiksoziologie, die er bis September 2018 innehatte. 2009 erfolgte seine Berufung zum Universitätsprofessor für Musiksoziologie. Eine solche Leitungsposition, die auch ein stärkeres Mitwirken in der universitären Selbstverwaltung mit sich bringt, impliziert auch eine Reduktion der verfügbaren Zeitressourcen für Forschung. Dennoch vollendete er in diesen Jahren eine umfassende Monografie zur Kunstsoziologie und gab eine Anthologie heraus, die eine Reflexion zum aktuellen Stand und Entwicklungspotential der Musiksoziologie darstellt.

Am Ende einer so langen Karriere bleibt ein positiver Befund: Alfred Smudits wirkte als Lehrer und Forscher für zahlreiche KollegInnen inspirierend und weckte ihr Interesse für Fragen der Kunst- und Musiksoziologie. Seine Publikationen sind in sämtlichen Bibliotheken im deutschsprachigen Raum umfassend sowie in zahlreichen Bibliotheken in Großbritannien, den USA oder in Frankreich präsent. Im Ruhestand wird Alfred Smudits nun einer Leidenschaft nachgehen, die nicht weit entfernt von seinen wissenschaftlichen Interessen liegt: der Malerei. Also, gutes Schaffen!

 

Anbei eine Auswahl der Publikationen von Alfred Smudits:

 

  • (Hg.): Roads to Music Sociology. Wiesbaden: Springer, 2018
  • Kunstsoziologie (in Zusammenarbeit mit M. Parzer, R. Prokop und R. Reitsamer).Oldenburg: Oldenburg-Verlag, 2013.
  • West meets East. Musik im interkulturellen Dialog. (Hg. gem. mit A. Barber-Kersovan und H. Huber). Frankfurt/Main: Peter Lang 2011.
  • Fachbeiträge „Distinktion“, „Feld“, „Habitus“, „Kapitalismus/Marxismus“, „Klasse/Marxismus“, „Kritische Theorie“, „Kulturindustrie“, „Musiksoziologie“, „Status“, „Ungleichheit“ in: H. De la Motte-Haber et al. Hg. Lexikon der Systematischen Musikwissenschaft (Handbuch der Systematischen Musikwissenschaft Band 6), Laaber: Laaber, 2010.
  • „Soziologie der Musikproduktion“. In: G. Gensch, E. M. Stöckler und P. Tschmuck Hg. Musikrezeption, Musikdistribution und Musikproduktion. Der Wandel des Wertschöpfungsnetzwerks in der Musikwirtschaft. Wiesbaden: Gabler, 2008, S. 241-265.
  • „Kunst“. In: R. Forster Hg. Anwendungs- und Forschungsbereiche der Soziologie. Wien: Facultas 2008, S. 105-120.
  • „Wandlungsprozesse der Musikkultur“. In: H. de la Motte-Haber und H. Neuhoff Hg. Musiksoziologie. (Handbuch der Systematischen Musikwissenschaft, Band 4,) Laaber: Laaber 2007, S. 111-145
  • „Die Funktion des Kulturschaffens im digitalen Zeitalter“. In: Angewandte Sozialforschung – Zeitschrift für Mitteleuropa, Jg. 24, Heft 1/2-2006 (Umwertung der Kunst im Neuen Kapitalismus), S. 97-108.
  • „Zur Produktion von Kultur – österreichische und US-amerikanische Ansätze“. In: T. Zembylas und P. Tschmuck Hg. Kulturbetriebsforschung. Ansätze und Perspektiven der Kulturbetriebslehre. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, 2006 S. 63-76.
  • „A Journey into Sound. Zur Geschichte der Musikproduktion, der Produzenten und der Sounds“. In T. Phleps und R. von Appen Hg. Pop Sounds. Klangtexturen in der Pop- und Rockmusik. Basics – Stories – Tracks. Bielefeld: transcript, 2003, S. 65-94.
  • Mediamorphosen des Kulturschaffens. Kunst und Kommunikationstechnologien im Wandel. Wien: Braumüller. 2002.
  • Global Repertoires. Popular music within and beyond the transnational music industry. (Hg. gem. mit A. Gebesmaier). Aldershot: Ashgate. 2001.
  • „Vom Klavier zum Keyboard – vom Klasseninstrument zum Masseninstrument. Fragmente zum Verhältnis von Tasteninstrumenten und Popularmusik“. In: M. Huber u.a. (Hg.) Das Klavier in Geschichte(n) und Gegenwart. Straßhof: Vier-Viertel-Verlag, 2001, S. 241-265.
  • Digital Culture in Europe. A selective inventory of centres of innovation in the art and new technologies. (Gem. mit R. Harauer und P. Murschetz). Strasbourg: Council of Europe Publishing, 1999.
  • Kunst, Geschichte, Soziologie : Beiträge zur soziologischen Kunstbetrachtung aus Österreich. Festschrift für Gerhardt Kapner zum 70. Geburtstag. (Hg. gem. mit H. Staubmann): Frankfurt am Main: Lang, 1997.
  • Jazz als Ereignis und Konserve. (Hg. gem. mit H. Steinert). Wien: Guthmann & Peterson, 1997.
  • Elektronische Kultur zwischen Politik und Markt. (Hg. Gem. mit I. Bontinck). Wien: Guthmann-Peterson, 1996.
  • „I AM FROM AUSTRIA. Austropop: Die Karriere eines musikkulturellen Phänomens von der Innovation zur Etablierung“. In R. Sieder, H. Steinert, E. Tálos Hg. Österreich 1945 – 1995. Gesellschaft, Politik, Kultur. Wien: Verlag für Gesellschaftskritik, 1995. S. 382-392.
  • Komponisten-Report : zur sozialen Lage der Komponisten und Komponistinnen in Österreich. Wien, WUV-Universitätsverlag, 1993.
  • Musikalische Verhaltensweisen von "Gastarbeiter"-Kindern in Wien: Forschungsbericht. (Gem. mit. N. Bailer und R. Horak), Wien: Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Wien, 1992.
  • Medien und künstlerische Berufe : der ORF als Arbeitgeber für Kulturschaffende. Wien: Mediacult, 1985