Allgemeine Anregungen für eine erfolgreiche Lehr-/Lernbasis:

Wenn Sie Studierenden mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen Ihre Hilfe anbieten, fragen Sie zuerst nach, wie Sie helfen können. Idealerweise erfolgt diese Nachfrage nicht im Klassenverband oder in der Gruppe, sondern in einem Einzelsetting.
Die Person wird Ihnen mitteilen, ob und welche Art der Unterstützung gebraucht wird. Auch Sie können durch Ihre eigene Empathie auf die Studierenden eingehen, sollten dabei aber immer darauf achten, persönliche Grenzen nicht zu verletzen – so können Fehlinterpretationen vermieden und eine solide gemeinsame Lehr-/Lernbasis geschaffen werden.

Keinesfalls sollten Sie nach einer Diagnose fragen oder sich diese übermitteln lassen. Wenn Ihnen wichtig ist, dass möglichen Anpassungen eine Bestätigung zugrundeliegt, wenden Sie sich bitte an die Koordinationsstelle für barrierefreies Studieren. Dort können Studierende fachärztliche Bestätigungen hinterlegen, die dann - diagnosefrei! - als Grundlage für Anpassungen genutzt werden können.
 

Da Menschen verschieden sind, hier einige Tipps zum Ausprobieren in unterschiedlichen Settings:

  • Klarheit in Zielen, Inhalten und Prozessen, Komplexität reduzieren (hilft z.B. bei Ablenkbarkeit, Herausforderungen beim Verstehen verbaler Sprache, der kognitiven Flexibilität)
    Klare Absprachen fördern ein Gefühl des gegenseitigen Verständnisses und der Sicherheit. Missverständnisse können vermieden und auf die gemeinsame Verständnisbasis referiert werden. Ambige Informationen können hingegen Kreativität und eigenständiges Lernen fördern, hier ist ein individuell angepassten Maß zu finden um besten Lernerfolg zu ermöglichen.
  • Alternative Lernkanäle anbieten: Anweisungen z.B. visualisieren und schriftlich festhalten (hilft z.B. bei Teilleistungsschwächen, Problemen beim Verstehen von Sprache)
    Studierende mit Teilleistungsschwächen oder dem Verstehen von Sprache kann so geholfen werden, Schwächen auszugleichen und Informationen auf alternativem Wege aufzunehmen und zu speichern. Dadurch können Barrieren des Lernens reduziert und individuelle Lernwege und Lernerfolg ermöglicht werden.
  • ‚Lernhäppchen‘: Teilziele und Struktur ermöglichen (hilft z.B. bei ASS, ADHS)
  • Stärken und Schwächen fördern (hilft z.B. bei ASS, ADHS)
    Das Ausgleichen von Kompetenzdefiziten einerseits und die gezielte Würdigung individueller Stärken andererseits macht die Stärke vieler erfolgreicher Teams aus. Gleichzeitig sollte in einem Lehr-/Lernsetting ausreichend Platz dafür sein, an individuellen Kompetenzen zu arbeiten und größtmögliche Selbstständigkeit zu erreichen.
  • Üben und Auswendiglernen: kanalreduziertes Üben (Üben mit rotierender Aufmerksamkeit), aber auch Üben mittels mehrerer Sinne / multisensorisch (z.B. farbliches Markieren und das Strukturieren von Noten, Einbezug des Körpers, Lernen in mehreren Verständnisschichten: eine Harmonie in kognitivem, motorischem, auditivem und visuellem Lernen herstellen) (hilft z.B. bei Legasthenie, Auftrittsangst, fördert kognitive Flexibilität)
    Das Üben auf breiter Basis fördert Sicherheit. Informationen können vielschichtig und langfristig gespeichert werden.

Bei spezifischen Herausforderungen wenden Sie sich gerne an die Koordinationsstelle für barrierefreies Studieren der mdw.
 


Anregungen für die Gestaltung hilfreicher Lehr-Lern-Settings
 

am Beispiel von Neurodivergenz: ADHS

Herausforderung

Lösungsvorschlag

enger Zeitplan, daher keine Zeit fürs Überziehen, aber weder Student:in noch Lehrkraft haben Stundenende im Blick (was zu Schwierigkeiten für die Student:in führt, der:die dann zu spät zu nachfolgenden LV kommt)

Wecker

Student:in stellt in Absprache mit Lehrkraft einen Wecker

= beide können sich ganz auf den Unterricht konzentrieren, und Student:in kommt pünktlich zur nachfolgenden LV

Student:in startet sehr spät mit dem Erledigen der Aufgaben (am Vorabend oder zwei Tage vorher)

kleine Portionen

es wird eine Zwischenabgabe nach der Hälfte der Zeit vereinbart

= Student:in beginnt früher mit dem (ersten) Erledigen der Aufgabe (hier: Üben)

Student:in weiß nicht mehr, was vereinbart wurde, erinnert sich nicht an die genaue Aufgabenstellung

Vereinbarungen schriftlich für beide einsehbar und praktikabel (digital) festgehalten

Student:in und Lehrkraft halten Absprachen und Aufgabenstellung während des Unterrichts in ihrem WhatsApp-Chat fest
 

= beide können jederzeit nachschauen, was wie vereinbart wurde

Student:in bekommt drei Stücke, die parallel erarbeitet werden sollen

Reduzierung; serielles Vorgehen

es wird auf ein Stück reduziert, das dafür intensiver bearbeitet wird

= Student:in kann sich auf ein Stück fokussieren

Student:in weiß nicht, wie er:sie mit seiner:ihrer möglichen Nervosität beim Konzert umgehen soll und ob er:sie Medikament nehmen soll, da dieses die Konzentration fördert, die Nervosität jedoch erhöhen könnte

Proberaum / Probehandlung

Student:in kann im Rahmen eines Klassenabends ausprobieren, wie es mit/ohne Medikament geht

 

= Student:in erlebt in einem kleineren und sichereren Umfeld, wie sich die beiden Alternativen anfühlen, und kann dann für das Konzert entsprechend adaptieren

Aufgabenstellung zu einem Stück umfasst vier Teilbereiche, die parallel zu erarbeiten sind;
Student:in weiß nicht, wo er:sie beginnen soll

1+(2,3,4,…)-Methode

Studentin beginnt mit Aufgabenstellung 1 und ergänzt 2 erst dann, wenn 1 funktioniert; 3 kommt dazu, wenn 2 sitzt,…

 

= Student:in kann sich auf eine Aufgabe konzentrieren, bis diese gemeistert wird

An manchen Tagen ist es aufgrund des dichten Stundenplans und anderer Dinge nicht möglich, die 40‘-minütige Übungseinheit durchzuziehen.

Plan A (für reguläre Tage)

Plan B (für zeitlich enge Tage)

An regulären Tagen wird wie vorgesehen geübt.

Für zeitlich enge Tage gibt es Alternativen, die unterwegs oder zwischendurch auf der Couch gemacht werden können und weniger Zeit benötigen (bspw. eine bestimmte Stilrichtung intensiv anhören; einen bestimmten Rhythmus klatschen;…)

 

= Auch an engen Tagen erfolgt eine Beschäftigung mit dem Unterrichtsgeschehen.

Es gibt kleine Erfolgserlebnisse statt eines schlechten Gewissens und/oder Scham.

 

für den Bereich der Sehbeeinträchtigungen:

Damit stark sehbehinderte oder blinde Studierende dem Unterricht gut folgen können, hier einige Anregungen zur Unterrichtsgestaltung, die zusammengefasst so lauten:

 

  • Ortsangaben: konkret und nachvollziehbar
  • Geräte/Materialien: Typ/Position/Handlung klar benennen
  • Dokumente: durchsuchbare PDFs/HTML, Alternativtexte, barrierefreie Tabellen
  • Änderungen vor Ort: frühzeitig melden
  • Kommunikation: immer per E‑Mail an alle

Unterricht und Materialien

 

Hinweis:
Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit kann die Detailtiefe meist reduziert werden, weil eine mentale Raum-/Funktionskarte entsteht.

 

  • Präzise Ortsangaben:
    Bitte „hier/dort/so“ vermeiden. Nennen Sie stattdessen den genauen Ort oder die genaue Stelle im Raum, am Instrument oder an der Person.
  • Handlungen konkret beschreiben.
  • Objekte klar benennen.
  • Bild- und Filmmaterial:
    Bitte eine kurze, sachliche Bild-/Szenenbeschreibung bereitstellen (im PDF oder HTML).

Offizielle Aussendungen und Dokumente

 

Hinweis:
An der mdw gibt es Technik und Expertise (OCR, barrierefreie Aufbereitung /Service der ub.mdw).
Kurze Schulungen für die Aufbereitung barrierefreier Dokumente können gerne angeboten werden.

 

  • Keine reinen Bilddateien für Texte:
    Wichtige Infos nicht als .jpg/.png versenden; Screenreader können den Text darin nicht auslesen.
  • Such- und screenreaderfreundliche PDFs:
    PDFs als „durchsuchbar“ bereitstellen (Textebene/OCR). Alternativ HTML.
  • Alternativtexte/Bildbeschreibungen:
    Für Grafiken/Bilder kurze Beschreibungen beifügen.
  • Tabellen barrierefrei gestalten:
    Überschriftenzeilen korrekt auszeichnen, logische Lesereihenfolge, keine verschachtelten Layouttabellen. So bleiben Intention und Inhalt mit Screenreadern verständlich.

Orientierung in Räumen und am Campus

 

  • Persönliche Unterstützung ist sehr hilfreich – vielen Dank dafür.
  • Bitte informieren Sie frühzeitig über temporäre Änderungen/Barrieren (Bauarbeiten, Wegsperren, Umstellungen für Veranstaltungen).
  • Melden Sie dies direkt den betroffenen Studierenden, damit Anpassungen rechtzeitig möglich sind. Falls unklar, bitte an die Institutsleitung und/oder das Sekretariat weitergeben.

Informationen an Studierende (Kommunikation)

  • Verbindlicher Kanal:
    Wichtige Benachrichtigungen (Ausfälle, Verschiebungen, Fristen, Materialien) bitte immer per E‑Mail über das mdw-System senden.
  • Keine ausschließliche Nutzung von Messengern:
    Messenger-Gruppen sind nicht immer zugänglich oder barrierefrei. Informationen, die nur dort geteilt werden (z. B. Kartenkontingente, Probenzeiten), erreichen manche Studierende sonst nicht.
  • Wenn Messenger zusätzlich genutzt werden:
    Bitte die wesentlichen Inhalte parallel per E‑Mail versenden.