Im Mai 2026 fand an der mdw das interdisziplinäre Festival TODAS. Lateinamerikanische Musikerinnen* in Wien. Konzerte, Vortrag, Dialoge. statt. Die Veranstaltung war das Ergebnis des Forschungsprojekts Reverse Ethnomusicology: Migrant Musicians as Researchers.1 Ko-Kuratorin Gabriela Dossow Ponce erzählt, wie diese Veranstaltung entstanden ist und warum sie so wichtig war.

Bei denjenigen, die das Glück hatten, die Abende des 8. und 9. Mai 2026 im vollen Fanny-Hensel-Saal zu verbringen, wirken Musik und Diskussionen von TODAS noch immer nach. TODAS war ein zweitägiges interdisziplinäres Festival mit dem Ziel, lateinamerikanische Musikerinnen* aus Wien ins Zentrum zu rücken. Unabhängig vom Genre wurden während dieser zwei Tage sechs Projekte von lateinamerikanischen Künstlerinnen präsentiert, gemeinsam mit einer Keynote und einem Roundtable zur Intersektionalität von Geschlecht und Diaspora. Wir hörten Oper, Kammermusik, Jazz, Pop-Songs, Joropo, Pajarillos, klassisches Kunstlied und Solo-Klassikgitarre. Und alles fand trotz der Unterschiedlichkeit wunderbar zusammen.

© Pablo Rojas Sahurie

Aber wie kam es dazu? Rückblickend sehe ich es wie eine Projekt-Matroschka, diese russischen Holzpuppen, geboren aus einer Reihe glücklicher Umstände. Zuerst war da das Forschungsprojekt Reverse Ethnomusicology: Migrant Musicians as Researchers, geleitet von Anja Brunner (mdw) und Conny Gruber (Österreichische Akademie der Wissenschaften). Basierend auf der Idee, dass migrantische Musiker_innen, wenn sie zum ersten Mal nach Wien kommen, Fragen stellen, um die lokale Branche und die Szenen zu verstehen und daran teilnehmen zu können, wurden Musiker_innen aus Wien für einige Zeit zu Forscher_innen. Anja Brunner und Conny Gruber wählten sechs Musikerinnen aus der ganzen Welt, die ihre Forschungsprojekte zu beliebigen Themen entwickelten. Und hier kommt die zweite Puppe des Matroschka-Sets: Mein Projekt namens Women and fem Latin American musicians in Vienna: in plural. Ich wollte verstehen, wie lateinamerikanische Musikerinnen* die Wiener Musikszene navigieren und die Herausforderungen erforschen, denen sie aufgrund von Geschlecht und/oder Herkunft gegenüberstehen. Nach mehreren Interviews, Konzerten, Gesprächen und Workshops entstand das Bedürfnis nach einem Raum, in dem lateinamerikanische Frauen ihre Projekte zeigen konnten, ohne exotisiert zu werden. Also begannen Anja und ich gemeinsam diesen Raum anzudenken, und dank einer tollen Zusammenarbeit mit dem Institut für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie (IVE), dem Music and Minorities Research Center (MMRC) und dem Kulturverein Opera Trip wurde die dritte Matroschka des Sets geboren: Das Festival TODAS wurde Wirklichkeit.

Am 8. Mai 2026 eröffnete das Festival mit Begrüßungsworten der Organisatorinnen sowie Javier Silvestrini (IVE), Ursula Hemetek (MMRC) und Natalia Hurst (Opera Trip). Anschließend näherte sich die Ethnomusikolgin Sydney Hutchinson im Rahmen ihrer Keynote dem Thema Feminismus und Musik in der Dominikanischen Republik durch die Figur der „tígueras“ (weibliche Tiger) und der damit verbundenen Aktivität von „tigueraje“. Sie zeigte eindrücklich das Potenzial musikalischer Kreativität innerhalb eines „Feminismus von unten“. Unter Verwendung zahlreicher musikalischer Beispiele aus verschiedenen Generationen und Epochen, die bis ins frühe 20. Jahrhundert zurückreichen, zeichnete Sydney eine überzeugende und komplexe Geschichte feministischen Aktivismus durch und innerhalb der Musik in der Dominikanischen Republik nach.

© Pablo Rojas Sahurie

Die musikalischen Acts des ersten Abends begannen mit der Multimedia-Opernperformance Opera Triptychon: One woman quarantine’s Story von Natalia Hurst. In ihrer Arbeit platziert Natalia klassische Musikstücke in neue Kontexte. In dieser Performance wurden live-gesungene Arien aus Opern von Mozart, Puccini und Verdi mit Video-Performance und Schauspiel verwoben, um die Komplexität der Realität von Frauen, insbesondere von Künstlerinnen, während der Corona-Pandemie zu verdeutlichen.

Während das Publikum sich mit Getränken erfrischte, bauten die Techniker_innen alles für die letzte Musikpräsentation des Tages vor: das Laura Valbuena Quintett, mit Laura an ihrem Saxophon, die uns in eine atemberaubende Atmosphäre gewissermaßen hineinblies. Das herausragende Ensemble besteht, neben der Saxophonistin, aus Keyboard (Julia Radschiner), E-Gitarre (Jocsán Mendoza), E-Bass (Thatiana Gomes) und Schlagzeug (Julian Villegas). Gespielt wurden Lauras Kompositionen und Arrangements, die lateinamerikanische Musiktraditionen und Jazz mühelos kombinierten.

© Pablo Rojas Sahurie

Tag zwei begann mit einem Roundtable, der eine intensive und dringend nötige Diskussion zur Situation von Musikerinnen* aus Lateinamerika in Wiens Musikszenen bot. Moderiert von Conny Gruber diskutierten Musikwissenschaftlerinnen Sydney Hutchinson und Constanza Toledo sowie die Musikerinnen Natalia Hurst, Laura Valbuena und ich zusammen mit dem anwesenden Publikum über Präsentation, Repräsentation, Bühnen und finanzielle Möglichkeiten. In der lebhaften Diskussion wurden unsere Herausforderungen, einschließlich exotisierender Strukturen und Verhaltensweisen innerhalb des Musikfeldes und ein Mangel an Auftrittsmöglichkeiten deutlich.

© Pablo Rojas Sahurie

Der Konzertabend wurde dann von der klassischen Gitarristin Sonia Hernández mit einem Soloprogramm eröffnet. Sie präsentierte Stücke von Komponistinnen aus Lateinamerika, einschließlich ihrer selbst, und begeisterte mit einer subtilen und emotionalen Performance. Darauf folgte ein bewegender Exkurs in die Welt des klassischen Kunstlieds mit einer Performance von Sopranistin Mariana Pedrozo und Pianistin Florencia Hernández. Unter dem Titel Frauen, Frühling und Leben gaben die beiden Musikerinnen Werke verschiedener Komponist_innen aus Europa und Amerika zum Besten. Sängerin Laura Aya brachte anschließend den Fanny Hensel-Saal mit Stücken aus verschiedenen kolumbianischen Musiktraditionen zum Schwingen. Begleitet von Gitarrist Jocsán Mendoza hörten wir Joropo, Pajarillos und Pasajes; viele der Stücke waren von Laura Aya selbst komponiert und/oder verfasst. Der Abend endete mit einer beeindruckenden Performance eines Werks der französischen Komponistin des 19. Jahrhunderts Louise Farrenc, gespielt vom Kammermusikensemble Cronopius Trio. Amalia Bernal (Flöte), Juan L. Cuamatzi (Cello) und Florencia Hernández (Klavier) brachten dabei Kammermusik als überaus intime Erfahrung für das Publikum auf die Bühne.

Erschöpft und beglückt verließen wir am Abend die mdw. Die Publikumsreaktionen waren überwältigend, mehrmals wurden wir gefragt, ob es eine weitere Auflage von TODAS geben wird. Wir wissen es noch nicht – aber wir hoffen es. Doch im Moment bin ich dankbar und voller Freude darüber, dass wir aktiv und erfolgreich zur Sichtbarkeit und Anerkennung musikalischer Vielfalt und Expertise in der lateinamerikanischen Diaspora in Wien beitragen konnten. ¡Infinitas gracias!

  1. Dieses Forschungsprojekt wurde vom Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF finanziert [Grant-DOI 10.55776/TAI724]
Comments are closed.