Wiens Neujahrskonzerte und musikalische Tradition
Am 1. Jänner richten jedes Jahr Millionen Menschen in knapp 100 Ländern ihre Aufmerksamkeit auf den Goldenen Saal des Wiener Musikvereins. Das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker ist längst ein internationales Ritual – scheinbar immer gleich, mit dem Donauwalzer und dem Radetzky-Marsch als den alljährlichen Höhepunkten. Aber stimmt das wirklich? Ist es, um es mit Miss Sophies Worten aus Dinner for One auszudrücken, tatsächlich immer wieder „the same procedure as every year“?
Diese Frage steht im Mittelpunkt des Wissenschaftskommunikationsprojekts „Same Procedure as Every Year“ am Institut für musikalische Akustik – Wiener Klangstil (IWK) der mdw. Unter der Leitung von David M. Weigl wird das Projekt im Rahmen des Wissenschaftskommunikationsprogramms des FWF (SCP 1556025) gefördert. Es knüpft an das Forschungsprojekt „Signature Sound Vienna“ (FWF P 34664-G) an und macht dessen Forschungsmethoden auf spielerische Weise einem breiten Publikum zugänglich.

Eine Fülle von Daten zu Tradition und Wandel
Die Neujahrskonzerte sind mehr als nur ein kultureller Fixpunkt, sie bieten auch einen einzigartig wertvollen Datensatz für die Musikforschung. Dieselben Werke werden über Jahrzehnte hinweg immer wieder aufgeführt, allerdings von einem Orchester, dessen Besetzung sich laufend ändert – seit 1987 zudem unter einer jährlich wechselnden Riege von Star-Dirigenten. Diese Mischung aus Wiederholung und Variation ermöglicht es zu untersuchen, wie sich Aufführungsstile entwickeln und was den unverwechselbaren Stil der Philharmoniker ausmacht.
Um dies zu untersuchen, hat das Team eine umfangreiche Sammlung zusammengetragen: mehr als 80 Alben mit Aufnahmen von über 60 Neujahrskonzerten sowie zahlreiche Einspielungen anderer berühmter Orchester. Das war nicht immer einfach, denn im Handel sind nur noch Aufnahmen ab 1987 erhältlich. Für die älteren Jahrgänge führte die Suche daher auf Flohmärkte und in Secondhandläden.

Nahtlos durch die Zeit reisen
Im Mittelpunkt des Forschungsprojekts stand die Entwicklung frei verfügbarer Open-Source-Tools, die direkt im Browser laufen und keine Installation erfordern. Mit Listen Here! lassen sich Dutzende von Aufnahmen desselben Stücks als übereinander gestapelte Schallwellen anzeigen. Automatische Algorithmen synchronisieren sie mit Notenpräzision. Die Hörer_innen beginnen mit einer Aufnahme und können mit einem einzigen Klick nahtlos zu einer anderen wechseln, ohne den musikalischen Fluss zu unterbrechen. Gemeinsamkeiten und Unterschiede werden unmittelbarer hörbar, einzelne Passagen lassen sich markieren und gezielt über viele Versionen hinweg vergleichen, und man kann – über digitale Partituren, die mit dem mei-friend-Editor erstellt wurden – direkt zur entsprechenden Stelle in jeder Aufnahme springen. Die gesamte Verarbeitung der Audiodaten erfolgt direkt im Browser – nichts wird hochgeladen oder extern gespeichert. Dadurch können Nutzer_innen die Tools auch sicher mit urheberrechtlich geschützten Sammlungen verwenden. Listen Here! wurde von Weigl in enger Zusammenarbeit mit der leitenden Musikwissenschaftlerin des Projekts Chanda VanderHart entwickelt. Sie brachte ihre praktische Arbeit mit der Sammlung und ihre Erfahrungen beim Hören und Analysieren der Aufnahmen unmittelbar in die Entwicklung ein.
Wenn Tradition die Partitur übertrumpft
Was dabei zutage tritt, ist mitunter überraschend. Gleich zu Beginn des Donauwalzers etwa sieht die Notation in allen maßgeblichen Ausgaben der Partitur für die erste Flöte eine aufsteigende Melodie vor. In der Praxis spielen jedoch fast alle Orchester an dieser Stelle eine absteigende Linie – eine Gewohnheit, die sich so fest etabliert hat, dass die notengetreue Variante heute beinahe fremd klingt. In der gesamten Sammlung folgen nur vier Aufnahmen der Partitur – und keine davon stammt von einem Wiener Orchester. Solche Momente zeigen, wie eine ungeschriebene Aufführungstradition die schriftliche Vorlage überlagern kann – und wie einzelne Dirigenten bleibende Spuren hinterlassen. Bestimmte dynamische Gesten, die Herbert von Karajan 1987 einführte, prägen beispielsweise bis heute jede nachfolgende Wiener Aufnahme.
Manche Traditionen sind einfach eine Freude. In der Ära des Konzertmeisters Willi Boskovsky waren die schnellen Polkas besonders reich an augenzwinkernden, in der Partitur gar nicht vorgesehenen Einlagen – vom spielerischen „Stimmen“ des Kondukteurhorns im „Vergnügungszug“ bis hin zu musikalischen Unterbrechungen und dem kreativen Einsatz von Schlaginstrumenten, die der Partitur zusätzliche Farbe verleihen. Solche flüchtigen Momente wären ohne die Aufnahmen längst in Vergessenheit geraten, doch durch den direkten Vergleich kann man sie nun Jahr für Jahr hören und sogar auf andere Orchester zurückverfolgen.
Partizipative Wissenschaft
Das zentrale Anliegen von Same Procedure ist es, diese Werkzeuge zugänglich zu machen – nicht nur für die Forschung, sondern für alle Musikinteressierten. Was in der digitalen Musikwissenschaft oft abstrakt wirkt, wird hier zu einem interaktiven Erlebnis, das sich über eine multimediale Benutzeroberfläche spielerisch erkunden lässt. Weil die Tools als Open Source verfügbar sind und sich an den FAIR-Prinzipien für Forschungsdaten orientieren, können bereits jetzt auch andere Forschende und interessierte Musikliebhaber_innen ihre eigenen Sammlungen damit unter die Lupe nehmen. Mit der Neujahrskonzert-Sammlung wird dies nun erstmals auch öffentlich erlebbar. Dank einer Kooperation mit dem House of Strauss entsteht im historischen Casino Zögernitz in Wien eine interaktive Ausstellung. Besucher_innen können sich dort auf eine musikalische Zeitreise begeben und die Aufnahmen im direkten Vergleich erkunden. Derzeit werden dafür unter anderem mit KI-gestützten Entwicklungsmethoden erste Prototypen gestaltet – ein Ansatz, den das Team in einer aktuellen Publikation selbstkritisch beleuchtet. Ab diesem Herbst sollen Nutzer_innenstudien in die weitere Entwicklung einfließen, damit sich die fertige Ausstellung für ein breites Publikum als spielerisch einfach und intuitiv zu bedienen erweist – und das gerade noch rechtzeitig zum nächsten Neujahrskonzert.