Der Forschungsstand über das vorgeburtliche Hören, um damit einmal zu beginnen, ist nach heutigem Kenntnisstand in etwa dieser: Die anatomische Struktur der Hörorgane entwickelt sich schon von der vierten Schwangerschaftswoche an. Um die 20. Woche ist die Entwicklung abgeschlossen und der Fötus zeigt körperliche Reaktionen auf äußere akustische Reize. Um die 28. Woche werden die Hörnerven zwischen Innenohr und Gehirn verknüpft und das Hören im eigentlichen Sinne beginnt. Von der 32. Schwangerschaftswoche an erkennen Föten eindeutig die Stimme der Mutter und können sie von allen anderen Stimmen unterscheiden. Von der 35. Woche an lernen die werdenden Babys Sprachen und Rhythmen und auch, Töne zu unterscheiden.

Die Kinder kommen, sagt die Forschung, mit einem gut gefüllten, klanglich-musikalischen „Werkzeugkasten“ auf die Welt. Sie können, man stelle sich vor, alle Phoneme aller Sprachen der Welt unterscheiden. Was wie ein Wunder wirkt, ist das Ergebnis von Evolution. Alle Menschen sind geboren zur Musik. Sie darin zu fördern, müsste folglich eine selbstverständliche gesellschaftliche Aufgabe sein. In „musikalisierten“ Verhältnissen, und das wären zunächst einmal nur solche, in denen Musik nicht immer nur wie eine hübsche Nebensache behandelt wird, lernten alle Neuankömmlinge, ihre wunderbar wirkenden Gaben zu entwickeln. Sie würden angeleitet, Musik zu genießen, zu spielen, zu verstehen, zu nutzen, zu ehren.

Dass nichts dergleichen geschieht, wäre ein ungerechtes Urteil. Musikalische Bildung wird in den Lehrplänen der Schulen kaum je vergessen, das gilt weltweit. Aber angemessen ausgestattet wird sie in der Regel nicht. Dass Musik ein zentrales, womöglich das wichtigste Schulfach sein könnte, eine Art Schweizer Offiziersmesser der allgemeinbildenden Grundkompetenzen, wird von den Personen mit Entscheidungsmacht noch nicht verstanden.

Aber dies ist der neue Wissensstand, der sich seit einigen Jahren in immer neuen Studien entfaltet: Musik wirkt in ihren gedeihlichen Wirkungen auf geistige, körperliche und seelische Gesundheit geradezu unauslotbar. Sie fördert die soziale Kompetenz, die Fähigkeit zur Empathie, die geistige und sensorische Resilienz bis ins hohe Alter.

Daraus die – dann auch haushaltsrelevanten – Konsequenzen zu ziehen, muss fortan zu den Prüfsteinen verantwortungsvoller Politik zählen. Es gilt zu verstehen: Musik und die anderen Künste sind nicht die Garnitur einer wohlhabenden und zivilen Gesellschaft, sondern zählen zu ihren unabdingbaren Voraussetzungen.

Comments are closed.