Was wäre, wenn Fragen der sozialen Gerechtigkeit in unseren Körpern greifbare Form annehmen könnten, sodass komplexe politische Themen verhandelbar wären – ganz ohne Worte? In einer Zeit, in der entkörperlichte Formen des Medienkonsums weite Teile der westlichen Welt zunehmend polarisieren, untersucht mein Dissertationsprojekt einen anderen Modus kollektiver Sinnstiftung: eine performative und pädagogische musiktheatrale Praxis für Erwachsene, die nicht zwingend eine tänzerische oder musikalische Ausbildung mitbringen müssen. Die Forschungsfrage ist dabei nicht, ob eine solche Praxis möglich ist, sondern wie sie systematisch beobachtet und eingeordnet werden kann. Wie könnte eine solche Praxis als Form ästhetischer Vermittlung funktionieren – sei es auf einer Bühne, in einer Turnhalle oder im Rahmen einer wissenschaftlichen Konferenz? Und welche Bedingungen ermöglichen eine Wissensproduktion, die inklusiv und verkörpert ist und durch Ko-Kreation entsteht? Ich hatte als Tänzerin und Community-Art-Choreografin das große Privileg, eine musiktheaterale Ausbildung in New York City, dem Herzen der Musiktheater-Welt, zu absolvieren. Wie in den meisten Broadway-Musicals setzen die kurzen Tanzsequenzen, die in professionellen Trainings eingesetzt werden, soziale Theorien in Bewegung – reich an Geschichten des Widerstands und ungleicher Machtverhältnisse. Durch den Einsatz von Rhythmus, Stimme, Gestik sowie durch körperliche Anstrengung, räumliche Organisation und Ensemble-Konstellationen stellten sich alle Anwesenden auf ein neues Gefühl von Normativität ein.

Szene aus der partizipativen Tanztheaterperformance Re:body the system von Vera Djemelinskaia & Luna Al-Mousli in der Brunnenpassage, Wien, Jänner 2024 © Barbara Mair, Raw Matters

Im Rahmen meiner Dissertation entwickle ich das Konzept des Choreomusicking: eine choreografische und chorische Erweiterung von Musicking als sozialer Akt zivilgesellschaftlicher Imagination. Auf Basis interdisziplinärer Forschung in Bereichen wie ästhetische Mediation, soziale Kognition und Queer Theory untersuche ich, inwiefern solche Praktiken vermitteln können, wie gesellschaftskritische Wahrnehmungen in einem verkörperten und partizipativen Kunstkontext hervorgebracht und ausverhandelt werden. Ein zentrales Anliegen meiner Arbeit ist die Überwindung der Trennung zwischen Performer_innen und Publikum sowie die Verortung dieser Vermittlungspraktiken in den öffentlichen Raum. Dabei geht es nicht primär um Heilung – geschweige denn um eine vermeintliche „Integration“ marginalisierter Gruppen –, sondern vielmehr um die Schaffung von Räumen für Erwachsene, die in gesellschaftlichen Debatten häufig unbeachtet bleiben, zugleich jedoch über erhebliche gesellschaftliche Privilegien verfügen: sie dürfen wählen, können Projekte finanzieren sowie Mittel entziehen, ausgrenzen oder einschließen. Diese sogenannte „stille Mehrheit“ bleibt trotz ihrer entscheidenden Rolle für sozial transformierende Vermittlungspraktiken oft ein blinder Fleck.

Szene aus der partizipativen, ortsspezifischen Performance mit interaktiven Schmuckstücken Pause von Vera Djemelinskaia; Eni Cani in der WEST Bibliothek, im Rahmen der Gruppenausstellung Point of View von Vienna Contemporary Art Space, Wien, Juni 2025 © privat

Methodologisch ist meine Forschung in der kritischen und performativen Ethnografie verankert. Sie zielt nicht darauf ab, Transformationen der Teilnehmenden direkt zu messen oder zu quantifizieren, sondern will die Praxis selbst ergründen. Hierfür fiel meine Wahl auf den Jazztanz – nicht wegen seines Glamours, sondern aufgrund seiner tiefen Verflechtung mit Geschichten der Unterdrückung sowie der treibenden Energie dieses Tanzstils: das Ensemble, die Chorus Line, die als kollektives Gefüge Raum und Handlung zusammenhält. Ich bringe in diese Forschung nicht nur mein Wissen im Feld der darstellenden Kunst, sondern auch meine Erfahrung der strategischen Kommunikation ein: Aufgrund meiner Tätigkeit im Bereich der Bekämpfung von Kreml-freundlicher Propaganda, rechtsextremer Desinformation sowie der Kampagnen der fossilen Brennstofflobby und der misogynen Inhalte der sogenannten Manosphere weiß ich, dass bloße Informationsvermittlung nicht ausreicht. Diese Forschung ist der Versuch, neu darüber nachzudenken, wie unsere Menschlichkeit verhandelt wird: nicht durch entkörperlichte Wissensübertragung, sondern durch relationale, partizipative, situierte und ethische Formen ästhetischer Vermittlung.

Vielleicht ist es gar nicht so schwer, das Patriarchat zu dekonstruieren – Schritt für Schritt, Shimmy für Shimmy.

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