Die Geschichte der mdw

Lynne Heller, Severin Matiasovits und Erwin Strouhal (Stand Dez. 2020).

Die Vorgeschichte

Anfang des 19. Jahrhunderts erfolgten die ersten öffentlichen Aufrufe zur Errichtung eines musikalischen Konservatoriums in Wien.

In einer 1811 erschienenen "Skizze einer musikalischen Bildungsanstalt für die Haupt- und Residenzstadt des österreichischen Kaiserstaates", forderte man eine "öffentliche, vom Staate feyerlich instituirte, und geleitete Anstalt."

Diese Überlegungen führten bereits ein Jahr später zur Gründung der Gesellschaft der Musikfreunde des österreichischen Kaisterstaates, die zur Trägergruppe der Institutionalisierung der Musikausbildung in Wien werden sollte.

Von der Gründung bis zur Revolution (1817 – 1848)

Antonio SalieriDie ersten Pläne der Gesellschaft waren ehrgeizig und orientierten sich am Pariser Conservatoire, das 1795 als erste staatliche Musikerziehungsanstalt in Europa gegründet worden war.

1817 erfolgte in Wien zunächst die Eröffnung einer auf vier Jahre konzipierten Singschule unter der Leitung von Antonio Salieri, in der zwei Lehrer je zwölf Schülerinnen und Schüler im Haus Zum roten Apfel in der Singerstraße unterrichteten. Dies markierte die Geburtsstunde des Konservatoriums, der späteren mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.

Anna FröhlichDie Gründung der Lehranstalt wurde unter der Voraussetzung genehmigt, dass die Präparandenzöglinge der öffentlichen Schulen (= Lehramtskandidat_innen) am Gesangsunterricht teilnehmen durften und die Kirchenmusik gefördert werden sollte.

Die Schulbehörde – und damit der Staat – legte zunehmend Wert auf eine gute musikalische Ausbildung, da vor allem in Dörfern und kleinen Städten die Schulen und Kirchen eine tragende Rolle bei der Förderung der Musik in der Gesellschaft einnahmen.

1819 wurde der erste Instrumentalunterricht (Violine) aufgenommen, bis 1827 folgte der Konservatoriumsbetrieb in den meisten Orchesterinstrumenten, Klavierunterricht fand erstmals 1833 statt, jedoch nur als Nebenfach.

Haus zum roten Igel1820 musste die Gesellschaft in den Gundelhof (Brandstätte 5/Bauernmarkt 4) übersiedeln, zwei Jahre später erfolgte die Übersiedlung in das Haus zum roten Igel (Tuchlauben 12); 1829 wurde das Gebäude angekauft und aufwendig umgestaltet. Doch schon bald zeigten sich die räumlichen Unzulänglichkeiten und Rufe nach einem neuen Gesellschaftsgebäude wurden laut.

Für die ersten Jahrzehnte des Bestehens liegen Studierendenzahlen nur lückenhaft vor: 1830 sind knapp 300 Schüler_innen belegt (18% weiblich / 82% männlich), 1840 etwa 200 (25% weiblich / 75% männlich). Die Anzahl der Lehrenden stieg bis 1840 auf 18 an.

Von Anfang an war es um die finanzielle Situation des Konservatoriums schlecht bestellt, selbst die Einführung von Schulgeld 1829 konnte die angespannte Lage kaum verbessern. 1837 stand das Konservatorium praktisch vor dem Bankrott.

KundmachungZwei Gesuche um Übernahme durch den Staat oder die Landstände wurden zwar abgelehnt, doch erhielt das Konservatorium ab 1843 staatliche Subventionen, ab 1851 seitens der Stadt Wien, womit eine erste politische Einflussnahme verbunden war. Infolge der Revolutionsereignisse 1848 musste das Konservatorium geschlossen werden. Es gab jedoch Bestrebungen, das Konservatorium am Leben zu erhalten bzw. es neu zu gründen. Dank unentgeltlich tätiger Lehrender und mit Unterstützung durch das Unterrichtsministerium gelang es, für kurze Zeit weiterhin Studierende auszubilden und die Schule als „Wiener Conservatorium der Musik“ zu führen; der Unterricht fand am Ballplatz 22, dem heutigen Ballhausplatz 5 statt.

Bilder
Antonio Salieri © mdw-Archiv 
Anna Fröhlich war die erste Lehrerin des Wiener Konservatoriums und unterrichtete von 1819 bis 1854 Gesang. © mdw-Archiv
Haus zum Roten Igel, Wien Tuchlauben, 1830. © ÖNB/Wien FKB-Vues Österreich-Ungarn, Wien IV, Innere Stadt, b) Plätze 1
Kundmachung des „Wiener Conservatoriums der Musik“, 1848. © Wiener Zeitung, 29.12.1848, S. 1533; ANNO/ÖNB

Von der Wiedereröffnung bis zur Verstaatlichung (1851 - 1908)

Nach dem Ende der Revolution nahm das Konservatorium 1851 wieder den Betrieb auf. Infolge staatlicher als auch städtischer finanzieller Unterstützung stellte sich ein baldiger Aufschwung ein, doch entbrannte innerhalb der Gesellschaft ein Disput um die eigentliche Ausrichtung des Konservatoriums: ob auf breiter Ebene Elementarunterricht zu erteilen sei oder die beschränkten Ressourcen für eine geringe Zahl fortgeschrittener Schüler_innen zu verwenden wären. Erste Rufe nach einer Hochschule wurden laut.

1852 wurde der Unterricht für das Fach Deklamation aufgenommen, 1853 eine Opernklasse geschaffen und damit der Grundstein für die Einrichtung der Opernabteilung (1870) und der Abteilung für Schauspielkunst (1874) gelegt.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stieg die Zahl der Schülerinnen und Schüler kontinuierlich: 1855 gab es 195, 1865 bereits 444, 1875 knapp 650 und 1890 näherte sich der Wert mit 965 erstmals der 1.000er-Marke. Während der Anteil der weiblichen Studierenden 1855 bei knapp 28% lag, erreichte er 1865 die 50%-Marke und überschritt diese in der Folge. Abgesehen von wenigen Ausnahmen machten die Schülerinnen bis in das 20. Jahrhundert weit über 50%, oft über 60% aus.

Nach der Wiederöffnung 1851 waren 16 Lehrende am Haus beschäftigt, bis 1909 stieg ihre Zahl auf 69. Der Frauenanteil war dabei äußerst gering: außerhalb der Gesangsabteilung lassen sich in der gesamten Konservatoriumszeit lediglich drei Lehrerinnen nachweisen, insgesamt unterrichteten zwischen 1817 und 1909 insgesamt 19 Frauen am Haus. Das Institut war auf die Ausbildung von Schüler_innen aus den Ländern der Monarchie ausgerichtet, erst ab den späten 1870er Jahren ist eine breitere Öffnung für ausländische Studierende feststellbar.

MusikvereinWährend anfangs Kinder zwischen acht und zwölf Jahren aufgenommen wurden, wurde das Mindestalter ab der Mitte des 19. Jahrhunderts etwas angehoben, wobei für bestimmte Fächer, wie beispielsweise Blasinstrumente oder Gesang, ein höheres Alter erforderlich war. Die Aufnahme am Konservatorium erfolgte nach einer Prüfung, die erforderlichen künstlerischen Vorkenntnisse waren zu Beginn nicht klar geregelt. Ab den 1870er Jahren wurde ein einjähriger Vorbereitungskurs angeboten, in dem die Grundkenntnisse für die Aufnahmeprüfung vermittelt wurden.

1869 bezog die Gesellschaft der Musikfreunde das neu errichtete Musikvereinsgebäude am Wiener Karlsplatz, wo auch der Unterricht des Konservatoriums stattfand.

1896 markierte einen der großen Einschnitte in der Geschichte der musikpädagogischen Ausbildung in Österreich: am Konservatorium wurden ‚Lehrerbildungscurse‘ eingeführt. Bereits 1863 war eine staatliche Prüfungskommission errichtet worden mit dem Recht, staatliche Zeugnisse für die Konzession zur Errichtung von Privat-Musiklehranstalten und für das Musiklehramt an öffentlichen Schulen auszustellen. Die Reifezeugnisse der neu eingeführten Kurse wurden den Staatsprüfungen für Musik gleichgestellt.

Obwohl die staatlichen Subventionen laufend erhöht wurden, war die privat finanzierte Gesellschaft bald nicht mehr imstande, die stetig steigenden Ausgaben aus eigenen Mitteln zu tragen. Nicht zuletzt war ab 1896 im Hinblick auf die angebotenen pädagogischen Studien zunehmend Druck auf den Staat entstanden, seine Verantwortung für die Ausbildung zu übernehmen. Auch hatten die Subventionen bereits ein Ausmaß erreicht, dass die lediglich begleitende Kontrolle der Behörde nicht mehr im Einklang mit ihrem finanziellen Beitrag stand.

Mit Entschließung des Kaisers wurde das Konservatorium mit 1. Jänner 1909 verstaatlicht.

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Musikvereinsgebäude am Wiener Karlsplatz, ca. 1870. © mdw-Archiv 

Von der k.k. Akademie bis zum Anschluss (1909 – 1938)

UrkundeDie Verwaltungsstruktur der mit der Verstaatlichung neu geschaffenen k.k. Akademie für Musik und darstellende Kunst sah einen vom Ministerium eingesetzten Beamten als Präsidenten vor, dem ein Kuratorium und mit Wilhelm Bopp ein künstlerischer Direktor zur Seite gestellt waren. Der Präsident Karl (Ritter von) Wiener wurde gleichzeitig mit einer Reihe anderer leitender Funktionen auf musikalischem Gebiet betraut und nahm damit eine Spitzenposition in der österreichischen Kulturlandschaft ein. Zum Zeitpunkt der Verstaatlichung wurden die letzten noch bestehenden Ausschlüsse von Frauen in einzelnen Studienfächern aufgehoben, der Anteil weiblicher Lehrender betrug jedoch nur etwa 10%, von den knapp 900 Studierenden waren 56,5% weiblich.

Das Ausbildungsangebot wurde mit der Einrichtung der Kapellmeisterschule (1909), der Gründung der Abteilung für Kirchenmusik (1910), dem Ausbau des Nebenfachunterrichts und der Steigerung der Zahl theoretischer bzw. wissenschaftlicher Vorträge erweitert. In einzelnen Fächern erfolgte eine Erhöhung der Studiendauer, generell intensivierte man den Unterricht durch Ausweitung der wöchentlichen Vorspielzeit.

Akademiegebäude 1913 konnte die bis dahin noch immer im Musikvereinsgebäude untergebrachte Akademie in das von Architekten Ferdinand Fellner, Hermann Helmer und Ludwig Baumann geplante Gebäude in der Lothringerstraße übersiedeln, das sich jedoch schon bald als zu klein dimensioniert erwies.

Infolge des Kriegsendes und des Zusammenbruchs der Habsburgermonarchie kam es zu einem ‚Demokratisierungsschub‘ und einer Neuorganisation der Akademie: die von den Lehrenden geforderte Mitbestimmung in künstlerischen und pädagogischen Fragen wurde umgesetzt. Der Lehrkörper wählte den Dirigenten Ferdinand Löwe zum Direktor. Ihm standen vier Fachgruppenvorsteher zur Seite, des Weiteren wurden Fachgruppenkollegien und ein akademischer Senat mit Aufgaben betraut.

Plakat Eine der Neuerungen betraf die Einführung von sogenannten Volkstümlichen Kursen, die sowohl Studierenden der Akademie als auch Externen offenstanden, und zur Hebung der künstlerischen Bildung breiterer Bevölkerungsschichten beitragen sollten.

In den Jahren der Zwischenkriegszeit erweiterte man das Unterrichtsangebot erheblich, zum Teil verbunden mit größeren organisatorischen Veränderungen: 1920 wurde ein Kurs Künstlerischer Tanz angeboten, ein Jahr darauf erfolgte die Einrichtung als Hauptfach unter der Leitung von Gertrude Bodenwieser.

Ab 1928 konnte ein Kurs in Radiosprechen und Radioregie besucht werden, womit die mdw auf das vier Jahre zuvor eingeführte neue Medium reagierte. Ebenfalls als Reaktion auf die gesellschaftlichen Veränderungen kann die Erweiterung des Lehrangebots um Saxophon und Jazzposaune gesehen werden. Die pädagogische Ausbildung wurde 1928/29 durch die Schaffung des Musikpädagogischen Seminars grundlegend reorganisiert, bereits 1933 erfolgte dessen Eingliederung in die neu eingerichtete Abteilung für Kirchen- und Schulmusik. Der Plan zur Errichtung eines Filmstudios scheiterte 1936 und wurde auf unbestimmte Zeit verschoben.

Einen markanten Einschnitt in der Geschichte des Hauses stellte die 1924 erfolgte Teilung der Institution in eine Akademie und eine Fachhochschule für Musik und darstellende Kunst dar. Erste Bestrebungen, den Hochschulrang zu erhalten, hatte es bereits kurz nach dem Ende Monarchie gegeben. Hierbei sollte die ungebrochene kulturpolitische Bedeutung des nun viel kleineren Landes demonstriert werden um nicht hinter den Musikhochschulen des Auslands zurückzustehen. Die Trennung in Akademie und Fachhochschule bedeutete für zweitere einen höheren Anteil an theoretischen Fächern, womit die Gleichwertigkeit der künstlerischen Ausbildung mit wissenschaftlichen Studien unterstrichen wurde.

Max Reinhardt Die organisatorische und personelle Verflechtung der beiden Institutionen führte neben der zunehmend stärker werdenden politischen Einflussnahme auf das Haus zu ständigen Konflikten und einer tiefen Spaltung unter den Lehrenden. Bereits 1931 erfolgte die Auflassung der Fachhochschule und die Reintegration der dort angebotenen Studien an die Akademie. Das 1928/29 an der Fachhochschule gegründete Schauspiel- und Regieseminar unter der Leitung Max Reinhardts wurde in den nachfolgenden Jahren auf privater Basis weitergeführt, lediglich die Unterrichts- bzw. Proberäumlichkeiten im Schlosstheater wurden vom Unterrichtsministerium als Naturalsubvention zur Verfügung gestellt.

Zum Zeitpunkt der Errichtung der Fachhochschule betrug die Anzahl der Studierenden 1.530 (52,2% weiblich / 47,8% männlich), wobei der Anteil der Hochschüler_innen bei knapp 10% lag (140 Personen; 49 weiblich / 91 männlich). Im letzten Jahr ihrer Existenz betrug dieser 18% (220 Personen; 122 weiblich / 98 männlich) der insgesamt 1.243 Studierenden (51,6% weiblich / 48,4 %männlich).

Nach der Auflassung der Fachhochschule wurde die künstlerische, finanzielle und administrative Leitung der nunmehrigen Staatsakademie dem dafür aus dem Ruhestand zurückgekehrten ehemaligen Akademiepräsidenten Karl Wiener übertragen. Die weit reichende Autonomie ging verloren, sämtliche Gremien der akademischen Mitbestimmung wurden aufgelöst. Wiener trat für eine Neuausrichtung des Hauses ein, er führte Meisterschulen ein und strebte eine Reduktion der Studierendenzahl an: die Aufnahmekriterien wurden verschärft, die Studiendauer verkürzt und die theoretisch-wissenschaftlichen Fächer zurückgedrängt. Um Gelder für die Berufung namhafter Künstler_innen zu bekommen entließ er Lehrkräfte, die verbleibenden wurden nur noch mit Einjahresverträgen bestellt, gleichzeitig die Honorare verringert.

Im November 1932 übernahm der Ministerialbeamte Karl Kobald die Leitung der Akademie. Kobald bemühte sich, das Renommee des Hauses in der Öffentlichkeit zu steigern und initiierte die Abhaltung internationaler WettbewerbeSeine Amtszeit war jedoch auch durch die zunehmende ideologisch-politische Durchdringung des Bildungswesens durch das austrofaschistische Herrschaftssystem geprägt. Diese spiegelte sich in der Akademieverfassung von 1933 wider und brachte eine maßgebliche Schlechterstellung des Lehrpersonals mit sich.

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Dankesurkunde der Lehrenden des Konservatoriums an die Gesellschaft der Musikfreunde anlässlich der Verstaatlichung, 1909. © Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde
Das neu errichtete Akademiegebäude in der Lothringerstraße, 1914. © mdw-Archiv, 343/Pr/1914
Plakat der Volkstümlichen Kurse, 1937/38. © mdw-Archiv
Max Reinhardt im Kreis seiner Schüler_innen, 1920er-Jahre. © mdw-Archiv (Anton Schwandner)

Akademie und Reichshochschule in der NS-Zeit (1938 – 1945)

Akademiegebäude Im Hauptgebäude der Akademie in der Lothringerstraße wurde am 13. März 1938 eine SS-Nachrichtenabteilung eingerichtet, am 15. März wurde Kobald seines Amtes enthoben und Alfred Orel als kommissarischer Leiter eingesetzt. Am selben Tag enthob Orel jene Lehrkräfte, die aufgrund ihrer jüdischen Abstammung nicht mehr am Haus geduldet waren. Zählt man die infolge der Machtübernahme aus ‚rassischen‘, politischen oder wohl auch persönlichen Gründen von der nationalsozialistischen Leitung des Hauses vorgenommenen Kündigungen zusammen, waren fast 50% des Lehrkörpers betroffen. Etwa 100 Studierende (rund 10%) mussten die Akademie aus ‚rassischen‘ Gründen verlassen.

Franz Schütz Nach nur wenigen Monaten wurde Orel seines Amtes enthoben, an seiner statt übernahm Franz Schütz die Leitung, die er bis 1945 innehatte.

Seit dem Ende der Hochschule 1931 hatte die Zahl der Studierenden stets etwa 1.000 betragen, diese sank im Laufe der Kriegsjahre auf unter 500.

Schütz strebte eine auf Virtuosität hin orientierte und auf ‚wirkliche‘ Talente beschränkte Institution an und meinte damit Lehrende wie Studierende gleichermaßen, ihm schwebte ein Haus frei von politischer Einflussnahme vor.

Im Zuge der Nazifizierung des Hauses wurden die volkstümlichen Kurse sofort sistiert, das von Max Reinhardt privat geführte Seminar enteignet, zwölf seiner Lehrenden entlassen und das Institut gemeinsam als Schauspiel- und Regieseminar Schönbrunn in die Akademie integriert. Im Mai 1940 kam es zur Übersiedlung des Seminars in das Palais Cumberland in Penzing, als Spielstätte wurde weiterhin das Schönbrunner Schlosstheater genutzt.

Die Abteilung für Kirchen- und Schulmusik wurde geteilt und die Musikpädagogik an die soeben gegründete Musikschule der Stadt Wien verlegt.

1939 wurde der Akademie der Hochschulstatus zugesprochen, 1941 erfolgte die Erhebung zur Reichshochschule. Allerding wurde dabei die Musikerziehung wieder eingegliedert, um die Gleichstellung mit den reichsdeutschen Musikhochschulen zu gewährleisten. Die Einführung eines verpflichtenden wissenschaftlichen Zweitfaches an der Universität für die Lehramtsstudierenden wurde auch nach Kriegsende beibehalten.

Im Herbst 1944 wurde die Schließung der Kunsthochschulen verordnet, aber nur teilweise verwirklicht; vor allem die Lehramtsstudierenden durften ihre Ausbildung fortsetzen. Die letzten künstlerischen Lehramtsprüfungen vor Kriegsende fanden im März 1945 statt.

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Das Akademiegebäude in der Lothringerstraße, Mai 1938. © ÖNB/Wien S 208/16
Franz Schütz, ca. 1940. © Die Pause 5, 6 ([1940]), 18

Von der Befreiung bis zur Hochschulwerdung (1945 – 1970)

Hans Sittner Nach Kriegsende wurde die Reichshochschule wieder zur (Staats)Akademie. Im Zuge der Entnazifizierungsverfahren wurden zahlreiche Lehrende entlassen, etliche von ihnen jedoch später wieder in den Lehrkörper aufgenommen. 1948 trat das Kunstakademiegesetz, 1949 ein neues Organisationsstatut in Kraft, das Haus wurde in neun (später zehn) Abteilungen gegliedert. Der neu geschaffene Schultyp der ‚Kunstakademie‘ mit einer Präsidialverfassung und der Unterscheidung zwischen Kunstschüler_innen und Kunsthochschüler_innen stellte die Akademie als Ausbildungsstätte bis zur höchsten Stufe teilweise den wissenschaftlichen Hochschulen Österreichs gleich. Dem Präsidenten Hans Sittner standen die ‚Lehrervollversammlung‘ und das ‚Lehrercollegium‘ aus den jährlich gewählten Abteilungsleitungen als beratende Gremien zur Seite.

Das Lehrercollegium Die Phase des Wiederaufbaus war ab den 1950er Jahren geprägt von der Gründung zahlreicher künstlerischer und wissenschaftlicher Sonderlehrgänge und Institute sowie der Förderung von Forschung und wissenschaftlichen Publikationen. Unter anderem sind die Errichtung der Filmakademie ebenso wie des Instituts für Musiksoziologie und des Instituts für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie auf diese Zeit zurückzuführen.

Eine große Belastung stellte die drückende Raumnot dar: Zu dieser Zeit verfügte die Akademie kaum über Unterrichtsräume, der mehr als 30 Personen fassten, zudem ging das Akademietheater als größter Aufführungssaal an das Burgtheater verloren. Zahlreiche Projekte für eine langfristige Lösung der Raumprobleme scheiterten, erst 1968 brachte der Bezug des ehemaligen Ursulinenklosters in der Johannesgasse eine spürbare Erleichterung. 1970 erwarb die mdw das Palais Festetics in der Metternichgasse (Abteilung Film und Fernsehen), doch der steigende Raumbedarf sollte bis zur Jahrtausendwende insgesamt 26 Ankäufe bzw. Anmietungen erforderlich machen.

Die Zahl der Studierenden stieg in den ersten Nachkriegsjahren langsam aber stetig, ab 1955 sprunghaft an. Waren 1950 etwas mehr als 1.000 Studierende (48,7% weiblich / 51,3% männlich) am Haus, so waren es 1955 etwa 1.300 (48% weiblich / 52% männlich); 10 Jahre später studierten über 1.700 Personen (46, 3% weiblich / 53,7% männlich) an der mdw. Nicht nur die steigenden Studierendenzahlen verschlimmerten die Raumnot, bedingt durch die permanente Erweiterung des Lehrangebots nahm der Bedarf kontinuierlich zu.

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Hans Sittner (1903–1990) war von 1946 bis 1971 Präsident der Akademie . © mdw-Archiv 
Das ‚Lehrercollegium‘ der Akademie, 1967. © mdw-Archiv

Von der Hochschulwerdung bis zur Universität (ab 1970 - 1999)

Pirckmayer Mit dem Kunsthochschul-Organisationsgesetz (KHOG) von 1970 wurden die Kunstakademien in Kunsthochschulen mit Rektoratsverfassung umgewandelt, aus einer knappen Wahl ging Georg Pirckmayer als erster Rektor hervor.

Das Kunsthochschul-Studiengesetz (KHStG) 1983 regelte alle Studienrichtungen und Kurzstudien an den sechs österreichischen Kunsthochschulen neu, nach Absolvierung der Studien wurden seitdem die Titel Magistra artium bzw. Magister artium verliehen. Für die Lehramtsstudien gab es durch die Koppelung mit einem Zweitfach bereits seit 1971 den Magistra- bzw. Magistertitel. Durch das KHStG bestand im Lehramt Musikerziehung nun auch die Möglichkeit, an der mdw zu promovieren.

isa Unter Rektor Helmut Schwarz wurde 1991 die Internationale Sommerakademie Prag Wien Budapest ins Leben gerufen. Die heutige isa – Internationale Sommerakademie (seit 2013 in Verbindung mit isaScience) ist das größte ständige Projekt der mdw und findet seitdem jährlich statt.

1988 konnte durch die Übernahme eines Teils des Salesianerinnenklosters am Rennweg Raum für die Musikpädagogik gewonnen werden, 1996 erfolgte die Grundsteinlegung für den heutigen Universitätscampus auf dem ehemaligen Areal der Veterinärmedizinischen Universität.

Scholz Mit dem Bundesgesetz über die Organisation der Universitäten der Künste (KUOG) wurden die österreichischen Kunsthochschulen 1998 zu Kunstuniversitäten.

Zum Zeitpunkt der Erhebung der Akademie zur Hochschule studierten etwa 2.000 Personen (47,5% weiblich / 52,5% männlich) am Haus. Seitdem war die Zahl der Studierenden deutlich angestiegen, Anfang der 1990er Jahre lag der Wert bei über 3.000 (52,5% weiblich / 47,5% männlich).

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Rektor Georg Pirckmayer, Portrait von Thomas Moog. © mdw-Archiv
isa – International Summer Academy. © Stephan Polzer
Rektor Scholz bei einer Sponsionsfeier 1986. © Fotostudio Renate Koch

die mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (1999 - heute)

Eröffnung Campus Die vollständige Implementierung des KUOG fand an der mdw 2002 statt. Seither ist die mdw in künstlerische, wissenschaftliche und pädagogische Institute gegliedert. Bereits im selben Jahr erfolgte mit dem Beschluss des Universitätsgesetzes (UG) 2002 eine weitere, einschneidende organisatorische Änderung für die Zukunft: mit dem Inkrafttreten im Jahr 2004 wurde die mdw in die Vollrechtsfähigkeit entlassen.

Im Zuge der Umsetzung des Bologna-Prozesses wurden seit 2003 sämtliche Studienrichtungen sukzessive auf die zweizyklische Studienstruktur (Bachelor- bzw. Masterstudium) umgestellt.

Future Art Lab 1999 konnte nach dreijähriger Bauzeit das Hauptgebäude am Anton-von-Webern-Platz 1 bezogen werden und seither zahlreiche Bauprojekte auf dem Universitätscampus umgesetzt werden. Als Meilensteine sind hier vor allem die Errichtung des Filmstudios (2004), der Umbau mehrerer Gebäudeteile (2006), die Errichtung des Kommunikationszentrums (2012), die Neueinrichtung der Universitätsbibliothek (2016) und der Neubau des Future Art Lab (2020) zu nennen.

Außerhalb des Campus‘ erfolgte von 2010 bis 2012 unter anderem die Generalsanierung des Gebäudes in der Seilerstätte. Parallel zu dem räumlichen Ausbau konnte durch die Steigerung der Zahl der Veranstaltungen den Studierenden die Möglichkeit gegeben werden, sich vermehrt der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Ulrike Sych Seit 2015 steht mit Rektorin Ulrike Sych erstmalig eine Frau an die Spitze der mdw. In ihrer Amtszeit feierte die mdw 2017 ihr 200-jähriges Bestehen.

Mit Stand 2020 werden an der mdw etwa 3.000 Studierende aus 70 Ländern in 115 unterschiedlichen Studienrichtungen bzw. 41 Universitätslehrgängen ausgebildet.

 

 

 

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Rektor Erwin Ortner und Unterrichtsminister Caspar Einem anlässlich der Eröffnung des Universitätscampus, 1999. © mdw-Archiv
Das Future Art Lab, 2020. © Hertha Hurnaus
Rektorin Ulrike Sych. © Inge Prader

Grundlegende Literatur

  • Lynne Heller, Das Konservatorium für Musik in Wien zwischen bürgerlich-adeligem Mäzenatentum und staatlicher Förderung, In: Michael Fend, Michel Noiray (Hg.), Musical Education in Europe (1770–1914). Compositional, Institutional, and Political Challenges 1 (Berlin 2005) 205–228.
  • Lynne Heller, Severin Matiasovits, Erwin Strouhal, Zwischen den Brüchen. Die mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien in der Zwischenkriegszeit (Studien zur Geschichte der mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien 1, Wien 2018). Zum Buch.
  • Lynne Heller, Die Reichshochschule für Musik in Wien 1938–1945 (ungedr. Dissertation Universität Wien 1992).
  • Juri Giannini, Maximilian Haas und Erwin Strouhal (Hg.), Eine Institution zwischen Repräsentation und Macht. Die Universität für Musik und darstellende Kunst Wien im Kulturleben des Nationalsozialismus (Musikkontext 7, Wien 2014).
  • Lynne Heller, Die Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien 1945–1970. In: Markus Grassl, Reinhard Kapp, Cornelia Szabó-Knotik (Hg.), Anklaenge 2006. Österreichische Musikgeschichte der Nachkriegszeit (Anklaenge. Wiener Jahrbuch für Musikwissenschaft, Wien 2006) 47–72.
  • Susanne Prucher, Silvia Herkt, Susanne Kogler, Severin Matiasovits, Erwin Strouhal (Hg.), Auf dem Weg zur Kunstuniversität: das Kunsthochschulorganisationsgesetz von 1970 (Veröffentlichung zur Geschichte des Unversität Mozarteum Salzburg 15, Wien 2021).