In der Zeit zwischen dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen und dem Internationalen Tag der Menschenrechte positionieren sich weltweit zahlreiche Universitäten gegen genderbasierte Gewalt und für die Solidarität mit Betroffenen. Unter dem Titel „Sounds of Respect“ beteiligt sich auch die mdw an der „Orange the World“-Kampagne, die seit 1991 jedes Jahr vom 25. November bis zum 10. Dezember ein Zeichen für die Sichtbarmachung und Enttabuisierung von Gewalt an Frauen und Mädchen setzt.

Doch was ist unter genderbasierter Gewalt zu verstehen und warum ist dies ein relevantes Thema für Hochschulen?

Genderbasierte Gewalt ist Ausdruck strukturell ungleicher Machtverhältnisse und geht auf tief verwurzelte gesellschaftliche Normen zurück, die geschlechtsspezifische Ungleichheiten reproduzieren.1 Gewalt zeigt sich dabei auf vielfältige Weise und in einem Kontinuum: von der Verwendung sexistischer Sprache bis hin zu Belästigung, Machtmissbrauch und physischer Gewalt.

Dass dies auch für Hochschulen und Universitäten ein relevantes Thema ist, zeigen bereits bestehende Bekenntnisse, Leitlinien und Richtlinien gegen geschlechterbezogene Diskriminierung und Gewalt.

Aktuelle Studien zeigen zudem, dass genderbasierte Gewalt im Universitätskontext kein Phänomen ist, das lediglich im Einzelfall Handlung erfordert, sondern ein strukturelles Problem darstellt. Die europaweite UniSAFE-Studie (2021–2024) zeigt etwa, dass 62 Prozent aller Universitätsangehörige seit dem Beginn ihres Studiums oder Arbeitsantritts mindestens eine Form genderbasierter Gewalt erlebt haben.2 Wirft man den Blick speziell auf Kunsthochschulen gehen die Zahlen aktueller wissenschaftlicher Erhebungen sogar noch höher: So zeigt eine Studie mit Fokus auf den deutschen Kunsthochschulkontext etwa, dass 92 Prozent der Studienteilnehmenden eine oder mehrere Formen von Grenzüberschreitung an ihrer Kunsthochschule erfahren haben.3 Diese Zahlen bezeugen zum einen die Dringlichkeit der Auseinandersetzung mit Gewaltstrukturen an Hochschulen und Universitäten, zum anderen rücken Sie die Frage ins Zentrum, was insbesondere den Kunsthochschulkontext anfällig für Grenzüberschreitungen macht; eine Frage, die im Fokus der Auseinandersetzung der aktuellen Reihe  #MeToo Kunst steht, die die mdw gemeinsam mit der Akademie der bildenden Künste Wien und der Universität für angewandte Kunst Wien ausrichtet.

„Tricky Relations“: Warum der Kunsthochschulkontext anfällig für Grenzüberschreitungen ist

Grundsätzlich begünstigen hierarchische Strukturen, wie sie auch an Hochschulen vorzufinden sind, Grenzüberschreitungen und Machtmissbrauch. Kunsthochschulen sind dabei von spezifischen Ungleichheiten durchzogen, etwa durch besondere Abhängigkeitsverhältnisse, fließende Grenzen zwischen (Aus-)Bildung und Berufsausübung sowie besonderen Lehrformaten wie etwa künstlerische Einzelunterrichtssettings. Auch der Aspekt, dass der Körper in den performativen Künsten besonders im Mittelpunkt steht, macht Lehr- und Lernkontexte in diesem Bereich besonders anfällig für Grenzüberschreitungen. Weitere Aspekte wie Zeitdruck, Konkurrenz und ein großer Leistungs- und Performancedruck – mitsamt Aspekten, die Bestandteil des Kunsthochschulalltags darstellen – senken zusätzlich die Hemmschwelle für Machtmissbrauch. Im Zusammenhang mit all diesen Faktoren können die Beziehungen zwischen Lehrenden und Studierenden im Kunsthochschulkontext durchaus als „Tricky Relations“ verstanden werden: So können enge persönliche Beziehungen zwischen Lehrenden und Studierenden und das in Kunstausbildungen oft vorhandene Verständnis eines „Meister_innen“-„Schüler_innen“-Verhältnisses das Risiko für Grenzüberschreitungen verstärken.4 Zudem bestehen besondere Abhängigkeiten dadurch, dass Lehrende mit über die Erfolgschancen und Karriereaussichten von Studierenden entscheiden, indem Sie Empfehlungen aussprechen oder ihnen Zugang zu Auftritten, Projektbeteiligungen oder Netzwerken verschaffen. „Tricky“ kann darüber hinaus auch das hohe Commitment im Team oder Ensemble werden, wie beispielsweise im Bereich Film oder Theater, wenn emotionale und personelle Abhängigkeiten bestehen, die das Ansprechen von Übergriffen erschweren.5

Aktuelle Forschungen zu genderbasierter Gewalt im (Kunst-)Hochschulkontext machen deutlich, dass ein vereinfachendes Verständnis von Geschlecht und Betroffenheit zu kurz greift. Denn obwohl Frauen und Mädchen überproportional betroffen sind, können auch Männer sowie nicht-binäre Personen von genderbasierter Gewalt betroffen sein. Vielmehr zeigt sich: Wer einer marginalisierten Gruppe angehört,  also die jüngste Person im Team ist, die prekärste Stelle hat, trans*, inter* oder queer ist oder als Person of Color, als Mensch, die mit einer Behinderung lebt oder von ökonomischer Benachteiligung betroffen ist, ist einem höheren Risiko ausgesetzt, Machtmissbrauch zu erfahren oder Hürden beim Zugang zu Hilfe zu begegnen.6

Hochschulen und Universitäten stehen demnach vor der Aufgabe, Maßnahmen für einen verantwortungsvollen Umgang mit Marginalisierung und Machtmissbrauch und zur Prävention von Gewalt auf- und auszubauen, um Strukturen zu stärken, die einen diskriminierungsfreieren Umgang mit allen Universitätsangehörigen ermöglicht und einen Raum schaffen, in dem Achtsamkeit und Chancengleichheit gelebt werden kann. Für Angehörige von Universitäten bedeutet dies, unser Bewusstsein gegenüber – auch ungewollten – Grenzüberschreitungen und Diskriminierungsformen zu schärfen und zu einem achtsamen Miteinander und einer gewaltsensiblen Organisationskultur beizutragen. Fehlen darf dabei nicht, dass wir über historisch gewachsene Machtverhältnisse und unterschiedliche Formen von Marginalisierung sprechen, sodass auch die strukturellen Hintergründe von genderbasierter Gewalt in den Blick geraten.

Was Kunstuniversitäten im Sinne eines verantwortungsvollen Umgangs konkret tun können, wird im Rahmen der Veranstaltung „Tricky Relations: Perspektiven auf Machtverhältnisse und genderbasierte Gewalt in künstlerischen Lehr_Lernkontexten“ am 25.11.2026 an der mdw in den Fokus gerückt. An diesem Abend treten Akteur_innen aus den Bereichen der Hochschuldidaktik und Gleichstellung, Studierende sowie Universitätsleitungen verschiedener Kunst- und Musikhochschulen aus dem deutschsprachigen Raum in einen Dialog. Mittels eines künstlerischen Beitrags von Studierenden des Max Reinhardt-Seminars und eines Gesprächs mit eingeladenen Expert_innen wird den Fragen nachgegangen, welche Diskriminierungserfahrungen gemacht werden, welche Strategien im Umgang mit Grenzüberschreitungen und Machtmissbrauch erprobt sind und wie Gewalt präventiv begegnet werden kann.

Die Veranstaltung ist Teil der kunstuniversitätsübergreifenden Reihe #MeToo Kunst.

Wenn Sie selbst Diskriminierung erfahren oder die Diskriminierung Dritter wahrnehmen, wenden Sie sich vertrauensvoll an den AKG der mdw.

  1. Blimlinger et al. (2025), S. 14
  2. Lipinsky et al. (2022), S. 6
  3. Fischer et al. (2025), S. 70
  4. Dill et al. (2024) S. 23
  5. Ellmeier et al. (2025) S. 144
  6. Fischer et al. (2025) S. 102f.; Blimlinger et al. (2025), S. 15
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