Anlässlich des 60-jährigen Jubiläums des Instituts für Musiksoziologie (IMS) fand vom 5. bis zum 7. Februar 2026 die internationale Konferenz „The Archival Turn in Music Sociology“ im Fanny Hensel-Saal der mdw (und online) statt. Die von Rosa Reitsamer, Rainer Prokop und Tianyu Jiang organisierte Konferenz hatte das Ziel, die Bedeutung von Archiven, geschlechtsspezifische Musikgeschichtsschreibungen sowie die (Politik der) Rekonstruktion von Musikgeschichten in den Mittelpunkt zu rücken. Insgesamt widmeten sich knapp 30 Konferenzbeiträge von Vortragenden aus 15 Ländern von fünf Kontinenten diesen Themen.

© Pia Raddatz/IMS, mdw Wien

Der erste Konferenztag startete mit einer Videobotschaft von Rektorin Ulrike Sych und den Grußworten von Vizerektorin Gerda Müller und des Organisationsteams. Rektorin und Vizerektorin betonten die Bedeutung des IMS und seiner Forschungstätigkeiten im Rahmen der akademischen Werte und Ziele der mdw. Mit Kurt Blaukopfs Würdigung, der nach seiner Vertreibung durch Österreichs Nationalsozialist_innen und der Rückkehr nach dem Zweiten Weltkrieg die Musiksoziologie weiterentwickelte, hob Müller seine entscheidende Rolle in der Gründung des IMS hervor. Weiters verwies sie auf aktuelle soziopolitische Umwälzungen, durch die sich kritische wissenschaftliche Forschung und Archive steigenden Angriffen und Druck politischer Rhetorik ausgesetzt sehen.

Die Organisator_innen würdigten die Arbeit und Karrieren von Kurt Blaukopf und Elena Ostleitner sowie die „Wiener Schule der Musiksoziologie“. Rosa Reitsamer hob die Notwendigkeit eines „Archival Turn“ für die Infragestellung der androzentrischen Geschichte der Musiksoziologie und der Musikgeschichtsschreibungen im Allgemeinen hervor. Sie betonte die Wichtigkeit, unterdrückte Stimmen und verborgene Machtstrukturen in den Archiven für die Konstruktion einer „brauchbaren Vergangenheit“ 1 aufzuspüren. Rainer Prokop sprach über die Beiträge weiterer Wissenschaftlerinnen und administrativer Mitarbeiterinnen am IMS und die wesentlichen Aspekte der Musiksoziologie: nämlich einen Fokus auf die sozialen und ästhetischen Praktiken, die Pluralität des Musikbegriffs und die Wechselwirkungen von Musik und Technologie zu legen. Tianyu Jiang konzentrierte sich in ihrem Beitrag auf die Arbeit mit dem Elena Ostleitner Archiv, bei dem es nicht allein um die Katalogisierung des Materials geht, sondern auch darum, sich auf einen Dialog mit der Geschichte selbst einzulassen. Abschließend würdigte Jiang Ostleitners kulturpolitisches Engagement für weibliche Instrumentalist_innen und Musiker_innen of Colour in Symphonieorchestern, wie etwa den Wiener Philharmonikern.

© Pia Raddatz/IMS, mdw Wien

Das Organisationsteam betonte, den Fokus der Forschung von etablierten Narrativen hin zu Frauen*, marginalisierten Stimmen und Erfahrungen zu verschieben. Damit verbunden ist die Bedeutung von Archivarbeit, kollaborativer Wissensproduktion und einer kritischen Auseinandersetzung mit den Grundlagen der Musiksoziologie. Dies sind wesentliche Aspekte, die zu einem inklusiveren, repräsentativeren Verständnis der Musiksoziologie und ihres Zukunftspotenzials beitragen.

Daran anknüpfend trugen die Keynotes der Konferenz zum thematischen Rahmen bei: Kate Eichhorn glich gängige Vorstellungen von Archiven als Orte der Nostalgie, simpler Tätigkeiten mit zugänglichem und aufschlussreichem Material, mit der Realität ab. Angesichts des Plattformkapitalismus, der Herausforderungen digitaler Archivierung und des algorithmischen Bias in politisch wechselhaften Zeiten forderte sie eine Neubewertung des Verständnisses und der Darstellung von Archiven. Hier plädierte sie für einen nuancierteren Rahmen, der Archive auch als wichtige „Labore“ zur Erforschung und Gestaltung einer gerechteren, nachhaltigeren Zukunft in einer digitalisierten Welt betrachtet.

Uchenna Ngwe verwies auf Traditionen der westlichen Kunstmusik und ihrer Bezüge auf das 19. Jahrhundert. Sie verdeutlichte, dass deren Sakralisierung, das Ignorieren kritischer historischer Kontexte, wie des Kolonialismus und der Sklaverei, die kulturelle Ausgrenzung und Marginalisierung innerhalb der Welt der klassischen Musik fortführen. Um dies methodisch zu beseitigen, schlug sie einen „kuratorischen Aktivismus“ und „Counter-Storytelling“ vor. Mit ihrem Projekt plainsightSOUND zeigte Ngwe, wie eine Brücke zwischen Archiven und Aufführungen geschlagen werden kann, um sich so innerhalb der klassischen Musik kritisch mit marginalisierten Narrativen auseinanderzusetzen und ihnen dort ihren zustehenden Platz einzuräumen.

© Pia Raddatz/IMS, mdw Wien

In der dritten Keynote stellte Nick Prior seine Erkundungen zeitgenössischer Musik und die Ästhetik der Hauntology als theoretischen und methodologischen Rahmen vor, den er für das Verständnis von komplexen Beziehungen zwischen Archiven, digitaler Kultur und musikalischer Kreativität verwendet. Somit ließe sich ihr Potenzial nutzen, Narrative und rassistisch und kolonialistisch geprägte Machtstrukturen zu hinterfragen und innovative musikalische Ausdrucksformen in einer saturierten digitalen Welt zu fördern.

Alle drei Tage boten Einblicke in relevante und aktuelle Beiträge. Geprägt von lebhaften Diskussionen, abgerundet durch ein abendliches Get-together mit anregenden Gesprächen, vergingen diese Tage wie im Flug. Das Team des IMS blickt gespannt in die Zukunft der Musiksoziologie, die über ihr sechzigjähriges Bestehen hinaus weiter mit wichtigen und zeitgemäßen Beiträgen inspiriert.

  1. Flinn, Andrew (2011): Archival Activism: Independent and Community-led Archives, Radical Public History and the Heritage Professions. In: InterActions, 7 (2), 1–20.
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