Von Klang- und Seuchengeschichten

Wann beginnt eine Pandemie eigentlich, und wann endet sie? Gibt es ein klares „Vor“, „Während“ und „Nach“, oder hat unser Verständnis davon vielmehr mit unserer Wahrnehmung von Zeitlichkeit zu tun? Und wodurch werden unser Wissen und unsere Erinnerung an vergangene Seuchen geformt – durch Bilder, Denkmäler und Statistiken oder vielleicht auch durch Klänge und Musik?

Teamausflug im Josephinum © Emma Schrott

An der Schnittstelle von Emotions-, Kultur-, und Medizingeschichte gehe ich derartigen Fragen in meiner Dissertation anhand des konkreten Fallbeispiels der Spanischen Grippe in Wien nach. Dabei nähere ich mich diesem Feld bewusst aus der Perspektive der „auditory history“ an und frage nach der kulturellen Bedeutung von Klang seit dem Ausbruch der Pandemie im Jahr 1918: Wie können wir Praktiken des Hörens in eine umfassendere Geschichte der Emotionen und des Erlebens verorten? Und was kann eine Sinnesgeschichte darüber erzählen, wie Menschen mit einem unsichtbaren, damals noch nicht entdeckten Virus gelebt, gefühlt und ihre Umwelt wahrgenommen haben?

Meine Forschung erfolgt im Rahmen des vom European Research Council geförderten Projekts GOING VIRAL. Music and Emotions during Pandemics (1679–1919), in dem wir uns dem emotionalen Erleben von Pandemien in der Vergangenheit annähern und dabei Pandemien nicht nur als epidemiologische Ereignisse, sondern auch als historisch situierte menschliche Erfahrungen mit ästhetischer Resonanz betrachten. Gerade die Spanische Grippe ist dafür ein spannendes Beispiel: Trotz ihres globalen Ausmaßes und ihrer verheerenden Opferzahlen blieb sie lange Zeit erstaunlich still im öffentlichen Gedächtnis, überschattet vom Ersten Weltkrieg.

Lange Nacht der Forschung © Daniel Willinger 

Mit Blick auf die jüngste Covid-19-Pandemie erinnern sich wahrscheinlich viele von uns an Balkonkonzerte, Live-Streamings oder Tanzchoreografien auf TikTok. Doch welche Soundscapes prägten das Leben während der Pest, der Cholera oder der Spanischen Grippe – und können wir eigene Erinnerungen mit diesen historischen Beispielen in Beziehung setzen? Wie lebendig solche Fragen auch außerhalb des Universitätskontexts diskutiert werden können, durften wir bei der Langen Nacht der Forschung vergangenen Frühling erleben. Bei unserer Station unter dem Titel „Wie klingen Pandemien?“ war besonders spannend zu beobachten, wie Besucher_innen ihre eigenen (Klang-)Erfahrungen aus der Coronazeit eingeordnet haben.

Veranstaltungshinweis: Ein Thema begleitet unsere gesamten Forschungen immer wieder: Luft. Sie ist Medium von Klang, aber auch Trägerin von Krankheitserregern, Gerüchen und Atmosphären. Am 3. und 4. Dezember laden wir herzlich ein zur internationalen Tagung Sensory Atmospheres: Breathing and Sounding Modern Airs, die sich interdisziplinär mit Fragen des Hörens, Atmens und den kulturellen Bedeutungen von Luft beschäftigt.

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